
Über ein offenkundiges psychologisches Geheimnis
Was ist Welt?
Wir leben in zwei Welten.
Aber nur wenige wissen das. Für die anderen ergibt diese Feststellung keinen Sinn. Sie sehen immer nur eine Welt. Andere Welten sind für sie bloß phantastisch und imaginär, aber sie leben nicht in ihnen.
Alles, was mit psychischer Reifung, geistigem Wachstum, metaphysischer Klarheit und der Entwicklung von Bewusstsein zu tun hat, beruht darauf, diese zwei Welten wahrnehmen, unterscheiden und in immer engere Verbindung zueinander bringen zu können.
Jegliche geistige Entwicklung ist ausgeschlossen, solange nicht zumindest die Idee von diesen zwei Welten akzeptiert und verinnerlicht wurde.
Was meinen wir, wenn wir „Welt“ sagen? Im Konkreten meint damit jeder etwas anderes, nämlich „seine Welt“, also das, was für ihn Welt ausmacht. So verstanden gibt es ebenso viele Welt-Varianten wie es Menschen gibt. Im Allgemeinen meinen wir damit aber wohl eher in diffuser Weise das Ganze, in und mit dem wir leben oder alles, was uns im Leben so begegnet oder von dem wir zumindest glauben, es könnte uns begegnen.
Wenn wir „Welt“ sagen, dann implizieren wir etwas, das über die bloße Umgebung und Umwelt hinausgeht, nämlich, dass alles, was wir zur Welt dazu zählen, irgendwie zusammengehört und eine Einheit bildet, ein großes Ganzes. Tiere und Pflanzen haben eine Umwelt, aber nur der Mensch kann Welt haben. Nur für den Menschen ist der Zusammenhang in allem und eine umfassendes denkbar und relevant.
„Welt“ ist mehr als „Kosmos“, „Universum“ oder „Weltall“. Weltall, Universum und Kosmos betrachten wir als fixe physische oder metaphysische Gegebenheiten, die ihre eigenständige Existenz, Form und Konstanz haben. Welt hingegen ist etwas, das von der Perspektive eines Betrachters abhängt, also erst aus der Betrachtung selbst entsteht – und deshalb auch sehr veränderbar ist. Die „Welt“ des Säuglings ist eine andere als einige Jahre später die des Kindes. Die des Jugendlichen und später des Erwachsenen sind wieder andere und so kann ein Mensch in einem Leben viele „Welten“ durchleben, weil sich seine Perspektive und sein Bezug zu dem, was ihm begegnet, verändern.
Das liegt daran, weil wir mit „Welt“ nicht allein das meinen, was wir als Tatsache, Begebenheit, Objekt oder Geschehen erfahren, sondern vielmehr die Ganzheit all dessen, wie wir sie erfassen, begreifen und verstehen. Welt ist nicht denkbar ohne Weltverständnis. Deshalb leben im Normalfall keine zwei Menschen in derselben Welt, egal wie sehr sie ihr Leben, Denken und Handeln parallelisiert und in Einklang miteinander gebracht haben. Ihre Sichtweisen, ihr Verstehen und ihre daraus entspringenden Beweggründe werden immer eigenständig, separiert voneinander und mehr oder weniger unterschiedlich bleiben.
Wir können Menschen nicht verstehen und uns ihnen nicht verständlich machen, die „in einer anderen Welt leben“, auch wenn sie mit uns über die gleichen Straßen laufen, im gleichen Supermarkt einkaufen, am gleichen Arbeitsplatz arbeiten oder sogar zusammen wohnen. Denn die Welt, in der jeder lebt, wird bestimmt durch sein Erfassen und Begreifen, durch sein Verständnis von Zusammenhängen und durch seinen Bezug zu allem, was ihn umgibt.
Es ist nicht die rote Ampel, die uns stoppt, sondern unser Wissen über ihre Bedeutung als Signal. Als Signalgeber ist sie Teil unserer Welt. Für ein Tier ist sie – ausgenommen von speziellen Dressuren durch den Menschen – nur ein rotes Licht ohne Relevanz und Bedeutung. Ebenso frisst ein Tier, weil es muss. Der Mensch aber isst mit dem Wissen, dass er Nahrung braucht, kann es aber auch sein lassen, z.B. wenn er fastet oder sich entscheidet, sein Essen jemand anderem zu schenken. Für das Tier liegt im Fressen sein begrenzter Bezug zur Umwelt, für den Menschen aber liegt in den unendlich freier gestaltbaren und interpretierbaren Möglichkeiten des Essens ein Bezug zur Welt als ein Ganzes und Zusammenhängendes.
Menschen laufen an Tatsachen und Gegebenheiten vorbei ohne sie zu registrieren, wenn diese nicht Teil ihrer Welt sind. Ein Waldspaziergänger bemerkt die besonderen Kräuter am Wegesrand nicht, wenn er sie nicht kennt. Ein Stadtmensch bemerkt die Veränderung im Flug der Vögel, die Ankündigung eines Wetterumschwungs durch bestimmte Wolkenformationen oder eine anhaltende Trockenperiode nicht, weil sie nicht Teil seiner Welt sind. Ein Radfahrer bemerkt die Benzinpreise nicht. Der Vegetarier weiß nichts von der Metzgerei eine Straße weiter. Der Anfänger sieht nur Holzfiguren auf dem Schachbrett, nicht aber das „Schachmatt in 3 Zügen“. Die Putzfrau fragt hoffentlich noch nach: „Ist das Kunst oder kann das weg?“. Das Kind nimmt die Sorgen und Pflichten der Erwachsenen nicht wahr, der frisch Verliebte übersieht die Mahnungen seines Vermieters, für den Rentner gibt es weder KiTas noch einen Mangel an KiTas, der Ungebildete weiß nichts von Antiquariaten, der weisungsgebundene Angestellte kennt keine Eigenverantwortung, die Hausfrau keine Teamkonflikte, der moderne Arzt sieht keine Symptome für Gesundheit oder Heilung und der Lobby-Politiker keinen Machtmissbrauch.
Mit „Welt“ bezeichnen wir also nicht all das, was da ist, sondern den mehr oder weniger kleinen Ausschnitt von alledem, was wir wahrnehmen – das heißt: für wahr nehmen.
Die Welt von Menschen kann daher unterschiedlich groß und begrenzt sein.
Was aber sind nun die zwei Welten, von denen die Rede war und die die meisten nicht sehen können?
Das, was wir für unsere Welt halten, besteht aus zwei Welten. Erstens aus der Welt der Dinge, Ereignisse, Kräfte und Gesetzmäßigkeiten, die außerhalb von uns existieren und auf uns einwirken als Erlebnis, Erfahrung und Prägung, und zweitens aus der Welt unserer inneren Repräsentationen, Abbilder und Strukturen, die wir aus den Eindrücken durch die erste Welt erst langsam bilden, aufbauen und formen.
Ein kleines Kind sieht keine Ampeln, sondern nur etwas, das rot, gelb oder grün leuchtet. Sobald es aber eine Erklärung zu deren Funktion und Bedeutung bekommen und dazu die Bezeichnung „Ampel“ erhalten hat, beginnt es in einer Welt zu leben, in der es „plötzlich“ Ampeln gibt: seine Welt hat sich verändert und ist größer geworden. Die konkrete Ampel an der Straße als Ding, als verkehrssteuernder Signal-Apparat jedoch existiert natürlich unabhängig davon, ob sie als solche wahrgenommen wird oder nicht.
So selbstverständlich und banal das auch klingen mag, haben wir doch hiermit bereits einer erkenntnistheoretischen und metaphysischen Grundprämisse zugestimmt, auf die wir an späterer Stelle noch ausführlich eingehen müssen, gerade weil ihr heutzutage in den akademischen und intellektuellen Rängen der postmodernen Gesellschaft kaum noch jemand zustimmen, der man von dort aus vielmehr vehement widersprechen würde.
Die Sache mit den zwei Welten ist bei Kindern und Ampeln ganz offensichtlich. Dort, wo Ampeln in der realen Welt – der Umwelt – der Kinder vorkommen, will man ja, dass sie diese so schnell wie möglich als solche erkennen und deuten lernen. In einer Stadt ist die Fähigkeit, Ampeln „in der Welt“ zu erkennen und richtig zu deuten überlebensnotwendig. In der Arktis mag es dementsprechend notwendig sein, bestimmte Arten von Eis, Schnee und Wind erkennen und deuten zu können. Zur Welt eines nomadischen Wüstenvolks hingegen gehört die hohe Relevanz in den Anzeichen für einen Sandsturm oder in geographischen Strukturen, die auf eine unterirdische Wasserquelle deuten.
Wenn wir nun also sagen, dass sich die „Welt“ von Großstadtbewohner, Eskimo und Beduine stark unterscheidet, welche „Welt“ meinen wir dann? Ihre äußere Umwelt oder ihr inneres, gelerntes Verständnis mit ihrer spezifischen Sichtweise auf diese äußere Umwelt? Wir meinen irgendwie beides und vermischen es, ohne uns klar zu machen, dass es zwei „Welten“ sind, von denen wir da sprechen. Das bemerken wir erst dann, wenn innere und äußere Welt nicht mehr kompatibel miteinander sind. Der Eskimo oder der Beduine in der Großstadt und der Großstädter in der Antarktis oder Wüste bemerken erst, dass es in der äußeren Welt Dinge gibt, für die sie innerlich keine Repräsentation und kein Verständnis haben und dass es gleichzeitig in ihrer inneren Welt Strukturen, Mechanismen und Ansichten gibt, die überhaupt nicht zu der unbekannten Außenwelt passen.
Ein Tier würde in so einer extremen Situation der Umwelt-Fremdheit übrigens sterben. Auch daran können wir sehen, dass die Innenwelt, also die innere Abbildung und Rekonstruktion von Welt beim Menschen einen vollkommen anderen Rang und eine völlig andere Qualität hat als beim Tier. Wir sagen, der Mensch könne umlernen, sich umgewöhnen, sich neu anpassen, ein neues und anderes Verständnis entwickeln. Machen wir uns aber klar, was das bedeutet: es bedeutet, dass der Mensch sein Verständnis von Welt ändern kann, was nichts anderes ist als dass sich seine Welt verändert: nicht nur seine Umwelt verändert sich, sondern sein Standpunkt ihr gegenüber, seine Sichtweise auf sie und sein Bezug zu ihr. Und eben dies nennen wir ja „Welt“.
Wir entziehen uns dem Schein des Banalen in diesen Zusammenhängen, wenn wir uns vor Augen halten, dass das, was für Ampeln gilt, für alles gilt, womit wir es in unseren jeweiligen Welten zu tun haben. Und zwar nicht nur für Dinge, Objekte und Ereignisse, sondern auch für deren Beziehungen, z.B. Kausalzusammenhänge, Ursache-und-Wirkungs-Beziehungen, Reiz-Reaktions-Verknüpfungen, zeitliche Relationen (Reihenfolge, Gleichzeitigkeit und Dauer), für Qualitäten und Eigenschaften, für Zusammenhangsqualitäten (z.B. Kohärenz, Konsistenz, Harmonie, Passung, Verträglichkeit) und für Hierarchien und Ordnungsstrukturen (Relevanz, Rang, Bedingtheit, Richtigkeit und Wert).
Würden wir innerlich nur Objekte und Ereignisse abbilden und mental erfassen können, dann wäre unsere psychische Entwicklung etwa mit dem zweiten Lebensjahr abgeschlossen und wir würden uns nicht essentiell von Hunden und Affen unterscheiden. Bis ein Mensch jedoch halbwegs selbständig in der Welt agieren kann, vergehen mindestens weitere 14 Jahre und für ein solches Mitmachen-Können in einer modernen westlichen Gemeinschaft, das man allgemein als „erfolgreich“ bezeichnen kann, dauert es noch weit mehr, nämlich mindestens 20, wenn nicht nahezu 30 Jahre ab Geburt.
Solange also braucht allein schon ein überlebensnotwendiges Minimum an Weltverständnis um sich heranzubilden. Die Experten an der Front der sogenannten „Künstlichen Intelligenz“ sind gerade dabei, sich nolens volens auf die große Enttäuschung vorzubereiten, die in der langsam dämmernden Erkenntnis liegt, dass das auch gar nicht schneller geht und dass ihre „superschnellen“ Computer und Roboter nach ein paar Monaten Training ohne Pause zwar erstaunliche kognitive Akrobatik und soziale Situations-Imitationen hinbekommen, darüber hinaus aber überhaupt kein Weltverständnis haben und nicht einmal annähernd zu etwas so einfachem fähig sind, wie ein beliebiges Haus zu betreten und sich darin einen Kaffee zu kochen – geschweige denn die Frage zu beantworten, worauf sie denn nächstes Wochenende mal Lust hätten. Wir werden auf dieses phantasievoll überspannte aber sehr relevante Thema der „Künstlichen Intelligenz“ an späterer Stelle noch zurückkommen.
Zunächst einmal müssen wir uns die Zeit nehmen, zu verstehen, worum es hier im Kern geht, damit wir den springenden Punkt nicht übergehen und im Nebel des gewohnten Unverständnisses hängen bleiben.
Wiederholen wir noch einmal: die zweite Welt – das sind unsere somatischen Prägungen, emotionalen Reaktionsschemata, mentalen Repräsentationen und all ihre inneren Zusammenhänge – entsteht über einen jahrzehntelangen Lernprozess durch den Einfluss von und durch die Auseinandersetzung mit der ersten Welt. Die äußere Welt ist primär und gegeben, die zweite Welt, die wir auch die innere Welt oder Innenwelt nennen können, ist gelernt und gemacht. Die erste Welt ist für sich genommen objektiv, sie existiert in Abhängigkeit von ihren Objekten und Kräften, durch die wir sie erfahren. Die zweite Welt ist für sich genommen subjektiv, sie existiert auf der Basis subjektiven Erlebens, Erkennens, Interpretierens, Verarbeitens und Verstehens.
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Version 28.11.2025
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