An Fragende und Verzweifelnde zur Erinnerung und Sammlung


Erster Teil des Artikels gelesen von Andreas Eggebrecht (vollständiger Audio-Artikel als Produkt s.u.)

Den Anstoß zu diesem Artikel haben Angie, Jens und andere gegeben, die in Kommentaren dieses Blogs oder in E-Mails um Hilfestellungen und Anmerkungen zu konkreten Schwierigkeiten und Belastungen in der aktuellen Situation baten (s. z.B. hier (ff.) und hier). Angies Telegramkanäle dazu sind “Gedankenreiseland“  und „Perpetuum Mobile“.

Liebe Angie,
lieber Jens,
lieber Fragender und Zagender,

Deine vertrauensvolle Anfrage versetzt mich in die seltsame Lage, auf Fragen und Sorgen einzugehen, ohne die Fragenden und Sich-Sorgenden zu kennen. Jenseits der gewohnten Dynamik mit einem Mindestmaß an Begegnung zwischen Fragendem und Antwortendem, kommt es mir nun so vor, als würde ich aus der Ferne auf eine Sprechkanzel gehoben, von der aus ich aufgefordert bin, in eine unsichtbare und mir unbekannte Gemeinde hinein über dieses oder jenes belastende Thema und mögliche Entlastungen zu sprechen.

Jeder seelsorgerisch Tätige weiß, wie schwer es sogar im intensivsten persönlichen Kontakt noch ist, jemandem wirklich zu helfen. Denn was ist schon echte Hilfe? Was ist tatsächlich hilf-reich und nicht bloß Pflaster oder Ablenkung, um das Leidvolle an den Rand der Aufmerksamkeit zu schieben oder sogar zu betäuben, es also nicht für eine Entwicklung oder innere Erneuerung zu nutzen, sondern sie ihnen eher noch zu entziehen?

Wir können mit psychischen oder moralischen Leiden nicht verfahren wie mit Körperverletzungen. Denn während der Körper sich selbst regenerieren kann, wenn man ihm dafür die notwendige Zeit, Ruhe und ein wenig Unterstützung bietet, sind unser Verstand und unser Bewusstsein nicht nur für ihre Entwicklung, sondern schon für ihren bloßen Erhalt vollkommen abhängig von Quellen höherer Integrität und Gesundheit, von jenem „Unser-tägliches-Brot-gib-uns-heute“.

Wir haben keinen Grund daran zu zweifeln, dass diese Quellen immer vorhanden sind und großzügig spendend bereit stehen. Woran es jedoch mehr oder weniger mangeln kann, ist der Zugang zu ihnen oder auch die Fähigkeit, ihre „Wasser“ aufzunehmen.

Wenn ich nun also quasi auf eine Kanzel eingeladen bin, um zu einer mir unbekannten Menge an Zuhörern zu sprechen, so habe ich die große Schwierigkeit, mich gar nicht auf dahinterliegende Beweggründe und tiefere Hindernisse beziehen zu können – schon gar nicht individuell, so wie es in einer Begegnung im Dialog möglich wäre. Das Ausmaß, in dem meine hier ausgewählten Gedanken „daneben“ liegen könnten, ist daher unermesslich.

Der Vorteil dieser monologischen Veröffentlichung „auf Zuruf“ ist jedoch, dass der orientierungssuchende Leser kaum in die Nähe der üblichen Versuchung einer persönlichen Verstrickung mit dem Autor kommt und stattdessen viel leichter im Wirkkreis der Erkenntnis bleiben kann, allein und auf sich gestellt zu sein. Ich meine, dass dieser Vorteil – ganz besonders für das, was mir angezeigt erscheint, im Folgenden zu adressieren – die Nachteile der Anonymität und Entfernung bei weitem überwiegt.

Es sollte dafür zwischen dem Autor und dem aufrichtigen Frager und ernsten Zuhörer als abgemacht gelten, dass also mit allem Gesagten und Gemeinten die eigenverantwortlichste und selbständigste, ja auch unabhängigste Intelligenz adressiert wird, also allem vorweg das selbstkritische rationale Denken. Das ist jene anstrengende, langsame und für viele ungewohnte Form des Denkens, die nicht nur logisch und stringent bleibt, sondern stets auch angebunden an die eigene Wahrnehmung, an Erfahrungen und Realitätsprüfungen.

Nicht, dass wir keine Vermutungen, Hypothesen, Phantasien, neue Ideen oder „unmögliche Vorstellungen“ haben dürfen – keineswegs! Nur müssen wir diese als solche erkennen und kennzeichnen, dass wir sie auf keinen Fall mit echten Erfahrungen und Wissen verwechseln. Jede noch so wirre Idee oder jede noch so abstruse Phantasie ist ein Leitlicht zu etwas Realem, Erfahrbarem. Etwas vollkommen Unmögliches können wir uns gar nicht vorstellen. Aber den Abstand zwischen den Ideen, die uns beeindrucken, und den Erfahrungen, die uns etwas rein Reales, Echtes vermittelt haben, müssen wir stets im Blick behalten. Wo diese Unterscheidung auch nur beginnt zu verschwimmen, da beginnt auch schon der Abstieg des Menschen in Desorientierung, Chaos und letztlich Selbstzerstörung. Und was für den Einzelnen gilt, gilt auch für Kollektive: jede noch so kleine Abkopplung des Denkens von der Realität, ihrer Wahrnehmung und ihrer mentalen Repräsentation, bringt sie auf die schiefe Ebene, auf der sie schneeballartig beschleunigend und suizidal in bodenloses Chaos fallen und sich schließlich auflösen.

Von diesem Abgleiten und Abstürzen kann man nur durch Anstrengungen höherer Ordnungskräfte gerettet werden. Ansonsten löst sich die menschliche Integrität auf und wir zerfallen in bloße Elemente und Kräfte, die keine Form bilden, sondern nur auf- und abschwellen.

Wer auch immer diesem Zerfall ins Elementare, Rohe und Ungeformte entgegenwirken will, muss den Pol der Gegenkräfte kennen und nutzen können: die ordnungsschaffenden Mächte, die formbildenden Kräfte und die umfassenden, integrierenden Einflüsse. In der Antike nannte man diese „die Götter“ und war sich ihrer abgestuften, hierarchischen Ordnung bewusst.

Wir dürfen diesen Bezug zu den „Göttern“ jedoch nicht mit psycho-magischen oder mystischen Anwandlungen verwechseln. Der Bezug „nach oben“ benötigt zunächst einmal das rationale, sich selbst prüfende Denken. Sonst sind wir bloß Stimmungen, Emotionen und assoziativen Bildern und Ideen unterworfen – also dem Schwankendsten, Instabilsten und am wenigsten Verlässlichen in uns. Wenn aber die Götter das Konstante, vielleicht sogar Zeitlose, das Feste und Ordnungschaffende darstellen, so können wir uns ihnen doch nur annähern, wenn wir auch etwas zunehmend Konstantes, Stabiles, Verlässliches in uns schaffen. Und das erste zeitübergreifend Stabile in uns sind Begriffe, Konzepte, Ideen und Gedanken. Sie sind – nach ausreichender psychischer und mentaler Schulung – unabhängig von Stimmungen und Launen. Sie stehen über dem launischen, emotionalen oder sozialen Menschen.

Die „Rettung“, wenn Du so willst, aus dem Chaotischen, Verwirrten, Launenhaften, muss also beginnen mit einer Schulung des Denkens, damit es sich von Prägungen, Zufällen und Launen löst und zunehmend objektive Zusammenhänge (die „Götter“) abbildet. Es sollte dabei gar keine Rolle spielen, welche Gefühle wir in dieser oder jener Situation haben, oder welche Assoziationen und Reflexe dieser oder jener Außenimpuls in uns auslöst. So wie ein guter Naturwissenschaftler müssen wir uns auf die Suche nach Gesetzmäßigkeiten machen, die wir durch wiederholtes Beobachten, durch unsere unmittelbare Erfahrung und durch korrekt logische Verknüpfung von Begriffen bestätigt finden.

Ein wichtiger Beginn dazu ist es, Wahrnehmungen präzise zu benennen und zu beschreiben.

Über die Perspektive des Sprechers

An dieser Stelle scheint es mir notwendig, einige Worte zur Perspektive zu schreiben, aus der heraus diese Hilfestellungen gegeben werden.


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Version 21.4.2023

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