Hermetische Verdummung und der Not-wendige Göttervater


Einleitung

Ursprünglich wollte ich in diesem fünften Teil der Artikel-Reihe über den psychologischen und kulturellen Einfluss von Geld sowie über die geistig lähmende Wirkung unserer heutigen sogenannten „akademischen Ausbildung“ schreiben. In den vorbereitenden Gedankengängen zu diesen beiden zentralen Problemen unserer Geisteskultur stellte ich jedoch fest, dass beide einen großen gemeinsamen Nenner haben, den ich sogar als die tiefere psychologische Ursache für beide betrachte.

Dieses psychologisch-kulturelle Grundproblem lässt sich zusammenfassen als die Unfähigkeit, konkretes und abstraktes Denken miteinander zu verbinden.

Also entschied ich mich, diesen fünften Teil über diesen spezifischen Mangel an Denkfähigkeit zu schreiben; darüber, was und wie es den gesunden und reifen Menschenverstand untergraben hat, um erst danach (in Teil 6) auf dieser Basis die beiden Probleme „Geld“ und „akademische Verbildung“ zu analysieren.

Ich bin der Überzeugung, dass diese Reihenfolge dem Zweck der Reihe und dem transformierenden gedanklichen Nachvollzug beim Leser besser dient, denn die tiefere psychologische und geistige Ursache hinter den Problemen ist wichtig zu erkennen, um sie richtig anpacken zu können und aus ihrem Verständnis und ihrer Überwindung einen Weg zu finden zur Entwicklung von  Verantwortungsfähigkeit und zu unserer Wesenskernkraft – mein Zielthema für diese Artikel-Reihe.

Mini-Vorschau: Geld und Bildung als Beispiele mentaler Abkopplung

In der Beziehung zu Geld zeigt sich in unserer Zeit vor allem der verheerende Mangel an Abstraktionsfähigkeit, der dazu führt, dass die meisten Menschen „Geld“ nur im Rahmen unmittelbarer konkreter Erfahrungen verstehen können, was dem Phänomen aber überhaupt nicht gerecht werden kann, da „Geld“ in seinem Wesen etwas Symbolisches, d.h. Abstraktes ist. Mit anderen Worten: die Menschen verstehen Geld nicht, solange sie es nur als etwas Konkret-Sinnliches betrachten. Sie verstehen deshalb auch das weltweit etablierte Geldsystem nicht, wie es funktioniert, warum es so funktioniert, und vor allem warum es auf Täuschung, Machtmissbrauch und Zerstörung von Werten beruht.

Wegen dieses allgemeinen Unverständnisses auch unter sogenannten Ökonomen und „Fachleuten“ war es bisher so leicht, unsere gesamte Gesellschaft über monetäre und finanzielle Steuerungen in den kulturellen, geistigen und menschlichen Abgrund zu führen und die Mechanismen gesellschaftlicher Entwicklung, Verbesserung und sogar des Selbsterhalts zu untergraben. Nicht Geld, sondern Angst regiert die Welt. Aber Geld hat die Regierungen übernommen, weil es als einzige Antwort auf alle Probleme und Angst gehandelt wurde. Um das zu verstehen, werden wir uns die psychologischen Wirkmechanismen ansehen müssen, die dem Geld eine so mächtige Rolle in unserem Denken und unserer Motivation zugewiesen haben. Das sind vor allem Bedürfnisse, die Geld symbolisch befriedigen soll. Dafür jedoch müssen wir eine Verbindung vom Konkreten („Geld“) zum Abstrakten (symbolische Bedeutung) herstellen können.

In Bezug auf „akademische Bildung“ finden wir den anderen Pol des in sich abgespaltenen Denkens vor: sogenannte Akademiker und „akademisch Gebildete“ sind auf einer abstrakten Ebene des Denkens gefangen, die sie nicht mit Konkretem, mit eigenen Erfahrungen und vor allem nicht mit ihrer unmittelbaren Wahrnehmung verbinden können. Ihre Fähigkeit, mit der Welt denkend in Beziehung zu treten, ist massiv gestört und unterentwickelt, weil sie darauf getrimmt wurden, abstrakte Informationen ohne Überprüfung zu speichern (also zu glauben) und als alleinige Basis ihres „wissenschaftlichen Denkens“ zu benutzen, ohne sie jemals mit eigenen Erfahrungen, Überprüfbarkeit oder auch nur Plausibilität in Verbindung zu bringen.

Nur noch das Denken in vorgefertigten und engen, dogmatischen Bahnen wird von den systemeigenen akademischen Institutionen als „wissenschaftlich“ anerkannt. Umgekehrt werden uns jedes Denken und sogar Informationen außerhalb dieses sanktionierten Kanons als „unwissenschaftlich“ verkauft.

Die meisten Menschen bemerken in diesem verlogenen Kauderwelsch nicht, dass sie es der Organisation nach mit einer mächtigen Kirche oder sogar Sekte zu tun haben, nicht aber mit Wissenschaft. Dass sich diese moderne Sekte so herrisch und pompös als „Wissenschaft“ bezeichnet und alle Andersdenkenden von ihrer Segnung durch Fördergelder und von Seligsprechungen durch die Konzern-Lobby ausschließt, ist ein Symptom der gewollten Sprach- und Denkverwirrung und der fortgeschrittenen Hörigkeit im Systemmarketing. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass ihr „Denken“ und ihr Weltbild bloß auf gelernten Meinungen und Glaubenssätzen beruhen, die keine Verbindung zur Realität und zur Realitätswahrnehmung mehr aufweisen.

Wir können also beruhigt feststellen, dass die große Masse der Menschen heute mindestens so fromm ist, als wie man es uns über unsere Vorfahren im „dunklen Mittelalter“ erzählt: man befolgt still und ergeben die Weisungen der „wissenschaftlichen Studien“, die Verkündungen der Journale und Empfehlungen der Institute, denn über dem eigenen Schicksal steht lenkend auch heute noch ein Gott – jenes Numinosum, das durch „Wissenschaftler“ und „Experten“ zu uns spricht. Wir wollen deren komplizierte „theologische“ Begründungen gar nicht nachvollziehen, es reicht uns, wenn sie uns sagen, was wir wie und wann tun sollen, damit wir Erlösung erlangen: eine maximal verlängerte Jugend, erhebende Konsum-Messen und Freiheit von jedem Gedanken an die Vergänglichkeit.

Mangel an Denkfähigkeiten

Wir haben es hier also mit zwei Arten von Dummheit zu tun: die naive Dummheit, die im dinglichen, konkretistischen, sinnlich-handlungsbezogenen Denken steckengeblieben ist, und die akademische Dummheit der Wasserköpfe, die in den Lüften von Konzepten und Ideologien schweben und den Bodenkontakt zur Wirklichkeit verloren haben.

Es dürfte schon aus diesen kurzen Andeutungen ersichtlich werden, dass diese beiden Formen unreifen und abgespaltenen Denkens nicht miteinander kommunizieren können und sich deshalb am liebsten gegenseitig ignorieren oder, wenn das nicht geht, sich gegenseitig abwerten und beschimpfen. Diese Trennung und Vermeidung ist nicht nur ein inner-gesellschaftliches, interpersonales Phänomen, sondern auch ein inner-psychisches, intrapersonales. Diese Form der Ignoranz und kognitiven Inkompetenz ist zu einer Grundstruktur unseres Zeitgeistes geworden und Ursache einer sehr umfänglichen Lähmung und Retardierung in allen Bereichen menschlicher Kultur. Vor allem macht sie Verantwortung als Fähigkeit höherer Intelligenz ganz unmöglich. Deshalb müssen wir uns dieses Mangels bewusst werden und Wege finden, unser Denken zu „reparieren“ und unsere Denkfähigkeiten zu kultivieren.

Natürlich gibt es viel mehr negative Folgen und Degenerationssymptome aus diesem zerbrochenen Denken als bloß das naive Unverständnis von Geld und die verkomplizierende Verblödung durch „akademische Bildung“. Aber diese beiden Aspekte sind die folgenreichsten Gebrechen unserer Gesellschaft und müssen in allererster Linie verarztet werden.

Des Weiteren wäre noch die vollkommene Degeneration der „Kunst“ zu nennen (die es heute nicht mehr gibt, wir haben stattdessen Kunstbetrieb und Kunstmarkt), zu der insbesondere die Architektur gehört, die den alltäglichsten Beitrag zur Zerstörung von Ästhetik und Schönheit liefert; dann die damit einhergehende infantile Konsummentalität, in der Quantität zu Billigpreisen alles und Qualität nichts mehr ist; außerdem die völlige Verklebung des natürlichen menschlichen Strebens nach Höherem und Metaphysischem durch das, was wir „materiellen Spiritualismus“ nennen können: den unersättlichen Konsum von sphärischen Versprechen, vegetativen Beruhigungs-Sentenzen auf dem Niveau „tiefsinniger“ Kalendersprüche und den entsprechenden To-do-Listen und Ratschlägen zur spirituellen Selbstbefriedigung; schließlich ist durch die Unfähigkeit, in Zusammenhängen zu denken, ein grundlegender Aspekt von Kultur zerstückelt, gelähmt und banalisiert worden: zwischenmenschliche Kommunikation.

In dem Maße wie Menschen nicht mehr denken können, können sie auch nicht mehr kommunizieren – oder besser: Kommunikation nicht mehr aktiv gestalten. Das ursprüngliche Gespräch und Miteinander-Reden ist nur noch Talk-Show. Was früher der Dialog war, ist nur noch Aneinanderreihung von Monologen und Meinungsverkäufen. Das Angebot bestimmt die Nachfrage. Denn wir haben auch da den Kontakt verloren: man sendet oder empfängt, aber ein Austausch findet kaum noch statt. Zumindest auf den öffentlichen Bühnen und den beliebten digitalen Plattformen wurde das Gespräch – also das Antworten, Eingehen und sich-Beziehen auf das Gesagte eines anderen, insbesondere eines Anders-Denkenden so gut wie abgeschafft.

Bildung, Wissenschaft, Kommunikation und öffentlicher Diskurs haben eines gemeinsam: all diese Aspekte von Gesellschaftskultur, menschlichem Zusammenwirken und Ausdruck wurden über hunderte von Jahren sukzessive dem Geiste des Kaufmanns und Marktschreiers unterworfen. Sie alle werden heute dominiert, bestimmt und vor allem begrenzt und deklassiert vom Geiste des Handelns und Tauschens, von der Logik der (Markt‑)Wirtschaft, von der Dynamik des Feilschens und Übervorteilens. Über allen noch so akademischen, ideellen oder „gemeinnützigen“ Institutionen steht immer das Gesetz des Geldes und des Profits – also der Selbstbereicherung.

Wir sind spätestens seit der Jahrtausendwende an dem Punkt angekommen, dass alle unsere Lebensbereiche von Finanzen und also auch von den finanzsteuernden Institutionen kontrolliert und gelenkt werden. Dass Regierungen und Länder kontrolliert werden von dem, der das Geld regiert, wissen wir seit dem bekannten Zitat von Herrn Rothschild, der es wissen musste, denn er gründete damit das funktionierende Monopol-Geschäftsmodell der Zentralbanken, die die Steuerung der Geopolitik und ihrer Darsteller aus den Hinterzimmern der Bankiers heraus übernahmen. Weniger bekannt ist, dass weltweit alle sogenannten „Nationen“ seit Ende des Zweiten Weltkrieges juristisch als Unternehmen geführt werden und damit alles Recht innerhalb und zwischen Ländern dem Handelsrecht unterliegt.

Die eigentliche Erkenntnis aus all dem, die den Kern unserer Überlegungen hier ausmacht, kann jedoch gar nicht genug betont werden in ihrer Wichtigkeit: die Lebensphilosophie der Menschen, unsere gesamte Kultur und ihr Zeitgeist werden beherrscht vom Kaufmanns-Geist.

Seitdem alle unsere Lebensbereiche von der Selbstbereicherungs- und Handelsmentalität der Bankiers, Wirte und Verkäufer regiert werden, scheint nun alles käuflich geworden zu sein. Für den Menschen im Betriebs-, oder Volkswirt-Modus ist klar: alles ist stets nur eine Frage des Geldes. Der Rest ist Marktplatzgewimmel, in dem sich Kunden und Anbieter misstrauisch um die Dominanz über die Preise streiten.

Das Problem ist jedoch nicht, dass wir heute alles in Käuflichkeits- und Handelszahlen umrechnen – also in der Essenz glauben: „Zeit ist Geld“ und unsere Lebenszeit als Tauschwährung betrachten – sondern das eigentlich verheerende geistige Übel unserer Zeit ist, dass wir blind geworden sind für das Nicht-Käufliche und für alle Werte ober- und außerhalb des Krämer-Horizontes. Wir interpretieren unsere essentiellen Bedürfnisse und unsere tiefgreifende Verzweiflung bloß als ungestillten materiellen Hunger. Deshalb stecken wir so tief in der Falle und drehen uns im Teufelskreis, den man in der Postmoderne „Hamsterrad“ nennt („Hamster“ sind produktiver).

Mit anderen Worten: Der ursprünglich spirituell oder psychisch gemeinte Zustand der „Hölle“ wurde gewinnbringend in den Wirtschaftskreislauf als „produktive Kraft“ mit eingebaut. O Gloria in excelsis diabolo: die Hölle (neusprachlich: „der Stress“) dient als Turbine für die Stromversorgung des Lebensbetriebes. Sinnhaftigkeit, geistige Werte und mühsam zu tradierende Kultur wurden „überbrückt“ und wegrationalisiert mit der unmittelbaren Kurzschluss-Logik der Arbeits-und-Konsum-Philosophie:

„Warum arbeitest du?“ – „Damit ich konsumieren kann.“ – „Warum konsumierst du?“ – „Um zu vergessen.“ – „Um was zu vergessen?“ – „Dass ich arbeite.“

Wenn wir verstehen, dass der Teufel oder das Böse die Abtrennung von Natur und Ganzheit ist, dann verstehen wir, warum diese Nicht-Kultur durch und durch des Teufels ist.

Einer der theoretischen Handelsvertreter dieser verdammt guten Idee nannte die Kraft für dieses Teufels-Hamsterrad vor 150 Jahren schon: „Das Kapital“. Was natürlich nicht gern verraten wird ist dies: in Wirklichkeit wird der ganze Marktplatz mitsamt allen Kunden und Unkundigen der Hölle unterstellt. Das heißt nichts anderes, als dass die Destruktivität über der sogenannten „Produktivität“ steht – erst in den Köpfen der Menschen, dann in den Herzen und schließlich als dämokratisch gewählte Regierung.

Diese stichwortartigen Hinweise sollen an dieser Stelle reichen als skizzenartige Zusammenfassung von 200 Jahren Abendland im Untergangsmodus.

Womit wir zum Schlüssel des Verständnisses dieses ganzen traurigen Phänomens kommen. Denn die Frage ist ja: Warum lassen wir uns überhaupt auf eine so systematische Zerstörung von Denkfähigkeit und damit von Kultur und Werten ein? Warum bauen wir so emsig und geradezu hypnotisch-begeistert Systeme und Strukturen, die ganz offensichtlich nur dazu dienen, menschliche Kultur, Errungenschaften und Kompetenzen zu vernichten? Die Antwort dürfte für die Leser der vorhergegangenen Teile dieser Artikel-Reihe ebenso so einfach wie naheliegend sein: weil man nur so Macht über andere weiter ausbauen kann. Alle oben aufgezählten Degenerationssymptome laufen auf den gleichen Vorteil für die Kontroll-Elite hinaus: sie ermöglichen es, die Menschen bis ins letzte Detail zu kontrollieren und zu steuern. Daran erkennen wir, dass dahinter Intention, Wille und Systematik stecken und nicht Zufall, Versehen oder Pech.

Umgekehrt erkennen wir auch, dass Kultur, Bildung und die Fähigkeit zu realistischem Denken Antagonisten und Gegengewichte gegen den krankhaften Drang nach immer mehr Macht und Kontrolle sind. Während letzteres nur aus Angst und Minderwertigkeitsgefühlen kommen kann, so entwickeln sich die genannten Antagonisten aus der Überwindung von Angst und innerer Lähmung durch Auseinandersetzung und Entwicklung zu höherer Intelligenz. Diese führt uns dann auch zu Verantwortungsfähigkeit.

Die angedeuteten Degenerationen sind also nicht versehentliche Ausrutscher einer ansonsten sich entwickelnden und geistig wachen und wachsenden westlichen Welt, sondern gewollte Ergebnisse derjenigen Kräfte, die Macht und Kontrolle über alles andere stellen – und damit letztlich nur Leben zerstören. Ihre Machtgier und materielle Selbstaufplusterung aus Angst treiben sie schrankenlos an, bis wir alle untergehen würden. Intelligent ist das nicht. Es ist jedoch durch und durch merkurisch.

Der merkurische Geist

Wir betreten hier mit diesen Themen die Hoheitsgebiete von Merkur, der latinisierten Version von Hermes, dem Götterboten, der auch als „Schutzgott der Händler und Diebe“ verehrt wurde. Fast jeder weiß aus Erfahrung, dass diese beiden Berufszweige verwirrend nah beieinander liegen und sich nicht selten miteinander mischen oder sich doch zumindest zum Verwechseln ähneln können. Das liegt daran, dass beide Professionen ganz besonders fokussiert sind auf Geld, das deshalb auch zum Herrschaftsgebiet des Hermes-Geistes fällt. Denn Geld ist auf dem Marktplatz zunächst das Idiom des Tausches und hat seinen Platz und Wert erst einmal nur als Mittler zwischen Werten, quasi als künstliche Übersetzungssprache im Wertetausch. Und alles Sprachliche, Übersetzende und Mitteilende gehört zu Hermes, der als Bote der Götter selbst der Gott der Kommunikation ist.

Mit Göttern kann der moderne Mensch nicht viel anfangen, daher sollten wir hier einschieben, dass damit geistig–psychische Prinzipien und Kräfte gemeint sind. Die „Welt der Götter“ ist die innere Welt des Menschen, aus der heraus ihn Kräfte steuern. Unsere Vorfahren – in dem Falle insbesondere die der griechischen Hochkultur – waren so klug, die Prinzipien, Dynamiken und Aspekte der menschlichen Psyche in Form von Mythen, Figuren und Geschichten darzustellen, statt wie wir es heute kläglich versuchen, mit pseudo-wissenschaftlichen Begriffen aus der Verhaltenskunde (genannt „Psychologie“), der mechanischen Physiologie und der phantastischen Neuro-Irgendwas. Während wir uns nämlich heute in immer mehr Detailwissen in immer mehr isolierten Forschungszweigen verlieren, aus dem wir weder ein Gesamtbild synthetisieren noch den Bezug zu uns selbst jemals wieder herstellen könnten, war unseren Vorvätern in Zeiten von Hochkulturen bewusst, dass Wissen über uns selbst und unser Potenzial als Menschen vor allem emotional, zusammenhängend, intuitiv-eingängig und deshalb bildlich-sinnlich vermittelt werden muss. Denn nur so können wir daraus Bedeutung herstellen, die nur durch individuellen persönlichen Bezug entstehen kann. Heute haben wir massenweise Psychologen aller Couleur, die überhaupt keinen Bezug zwischen ihrem Wissen und sich selbst herstellen können. Mit anderen Worten: ihre „wissenschaftlichen“ Informationssammlungen sind im wahrsten Sine des Wortes bedeutungslos.

Wer es aber versteht, Götter (Prinzipien) zu erkennen, dessen Geist kann in umfassenderem, ganzheitlichem Bewusstsein wachsen, weil er – neuropsychologisch gesprochen – mit beiden Gehirnhälften versteht, vor allem eben auch mit der synthetisierenden, erfahrungsnahen rechten Gehirn-Hemisphäre. Wer in übergeordneten Prinzipien betrachten und denken kann, der kann Emotionen auf emotionale Weise, den Geist auf geistige (geisteswissenschaftliche) Weise, somit den Menschen auf menschliche Weise und das heißt, menschliche Intelligenz auf intelligente Weise verstehen. Wir sehen daran bereits, wie wichtig Sprache und Symbolik sind, denn sie bestimmen und entwickeln oder begrenzen unser Denken.

Auch diese Aspekte – Sprache, Symbole und Denken – gehören zum übergeordneten Prinzip „Merkur“.  Interessant ist, dass in diesen mythologischen Betrachtungsweisen die enge Verbindung von Handeln, Kommunikation und Betrug enthalten ist. Wer Handel betreibt – egal mit was – kommuniziert: wörtlich durch das Zusammen-Kommen für Tausch. Im übertragenen Sinne mit und über Sprache. Und wer kommuniziert, der hat die einzigartige Möglichkeit, zu lügen, also zu betrügen, zu fälschen, zu verzerren und zu vertuschen. Lügen können wir nur mental. Der Körper und spontane Gefühle lügen nicht. Warum nicht? Weil sie nicht sprechen. In ihnen sind Form, Wesen und spontane Geste noch ungetrennt eins und übertragen sich durch direkte Wirkung auf andere.

Dieses unmittelbare Wirken nennen wir in gewisser intellektueller Fahrlässigkeit ebenfalls „Kommunikation“ und staunen dann, dass sogar Pflanzen, Bäume und sogar Moleküle, Elektronen und andere bildgegebene Erfindungen „miteinander sprechen“. Sogar über tausende von Kilometer hinweg. So „kommunizieren“ einige dann auch mit „den Toten“, mit „höheren Geistern“ oder anderen Projektionen des Geistes. Irrtum. Gegenseitiges Einwirken und Aufeinander-Reagieren sind etwas anderes als Sprache. Erstere sind unmittelbar, während Sprache immer die Vermittlung durch (intentionale!) Kodierung, Übertragung und Dekodierung fordert. Sprache ist Ausdruck des Geistes und immer ein doppelter Akt der Übersetzung. Deshalb ist auch die Sprache die Quelle aller Missverständnisse. Ohne Sprache gibt es kein Missverständnis, weil es dann Kodierung, Dekodierung und Verstehen gar nicht gibt.

Richtig aber ist, dass das Einwirken von einem auf ein anderes, jedes In-Resonanz-Gehen und Sich-aufeinander-Einstimmen Vorbedingung und Grundlage von Kommunikation per Sprache sind. Wir werden darauf zurückkommen, wenn wir später noch erläutern, dass „Sprache“, also Worte und Sätze ohne Resonanz eben keine Kommunikation mehr sind, so wie Mehl, Wasser und Feuer auch keine Brot ergeben, wenn man das Mehl ins Feuer wirft und dann das Wasser darüber kippt.

Nun verstehen wir auch, warum jener „Kommunikationsexperte“, der mit ironischen Anleitungen zum Glücklichsein verhelfen wollte, daneben lag als er uns einredete, niemand könne niemals nicht kommunizieren. Der Mann glaubte hoffentlich nicht wirklich, was er da als Axiom aufstellte und tatsächlich zu einem Fluch machte – den bis heute Abertausende von Psychologen, Coaches und Seminarleiter für Führungskräfte nachbeten müssen – denn er hätte dann nie mehr still auf einer Parkbank sitzen können, ohne dabei gleichzeitig permanenter Sprecher zu sein. Wenn tatsächlich schon das schlichte Dasein, jede Bewegung oder Geste „Kommunikation“ wären, dann würden wir in einer endlosen Flut von Gerede und Gequassel untergehen. Und gleichzeitig dazu verbannt sein, endlos Zuhörer, Empfänger und Publikum zu sein dafür. Sicher ein eingängiges Bild für die moderne reale Hölle der Endlos-Beschallung und Informierung, aber zum Glück kein natürlicher Zustand. Man sieht, die „Axiome“ übereilter Intellekte führen von luziferischer Selbstverliebtheit direkt in die Hölle, wenn man sie ernst nimmt.

Hiermit sei also die falsche Beschwörung des voreiligen Geistes vom Hohen Pfahl  nach 40 Jahren wieder aufgehoben: Sei beruhigt, Du kannst auch nicht kommunizieren! Und wir kommunizieren sogar noch viel weniger als uns gut täte. Und wenn schon das allererste seiner „Axiome“ so daneben ist, dann können wir davon ausgehen, dass die vier folgenden auch nicht viel taugen – außer zum schärfen unseres eigenen kritischen Denkens. Dazu seien sie empfohlen.

Denn nur dadurch können wir der typisch merkurischen Falle entkommen, Gesagtes oder Bebildertes für bare Münze zu nehmen und unser Gehirn mit Glauben zu verstopfen, den wir dann „Wissen“ nennen, der aber Denken und Wahrnehmung massiv blockiert.

Eine weitere Figur dieser geglaubten Illusionswelt ist Madame Marie Curie, von der wir schon als Kinder glauben sollten, es hätte sie wirklich gegeben. Sie ist eine kuriose Phantasmagorie, eine „Mär Curie“, durch welche uns Mercurius, (engl. ‚mercury‘) zublinzelt und zu verstehen gibt: „Wenn du nicht aufpasst, haue ich dich an jeder Ecke übers Ohr und ziehe dich dann über den Tisch wie es mir gefällt.

Die Köpfe, die sich diese ganzen Erfindungen und Geschichten ausdenken, die wir glauben sollen, mögen damit bestimmte dunkle Zwecke verfolgen oder auch nicht – was uns hier interessieren soll, sind nicht die Pläne hinter den Machenschaften, sondern der Geist dahinter, der all diese Machenschaften hervorbringt, lenkt und sie dann auf die Empfänger und Mitläufer so machtvoll hypnotisch wirken lässt.

Ich will in diesem Punkt ganz ausführlich sein, um klar zu machen, was die Archäologen menschlicher Verschwörungspyramiden vor lauter Empörung und Ausgrabungsstolz übersehen: nämlich wer oder was sich denn bitte gegen wen verschwört. Wir können diese Pyramiden immer weiter nach oben nachzeichnen – oder immer tiefer „in den Kaninchenbau kriechen“, wenn wir uns wie Alice im wunden Land vorkommen – aber irgendwo ist das Ende der Fahnenstange dann einmal erreicht und nachdem wir den Chef vom Chef vom Chef, den Obersten von den Obersten der Obersten bis zum 33. Grade oder weiter nachverfolgt haben, müssen wir uns fragen: wer steuert das Gehirn oder die Gehirne an der Spitze? Wer diktiert denn dem Diktator? Wer vermauerte das Gehirn des Freimaurers?

Die wenigen Informations-Pfadfinder und Sammler von Geheimstakten, die es tatsächlich in akribischer Kleinstarbeit geschafft haben, den Faden der Befehlsketten versteckter Machenschaften bis zum Allerobersten zurückzuverfolgen, sind dort meistens so erschöpft, oder so sehr eingenommen von der Idee des Erzbösewichts, dass ihnen diese Frage gar nicht mehr kommt. Und dann purzeln sie ins Kindlich-Religiöse so wie berüchtigte Quantenphysiker, die die Grenze ihrer Phantasie bereits für den Saum der Metaphysik halten, und stammeln etwas von „Satan“, „Dämonen aus anderen Dimensionen“ oder dem „Bösen aus vorsintflutlichen Zeiten“. Damit sind sie, deren Zweifel nie beruhigt ist und deren Suchgetriebe nicht still steht, plötzlich zufrieden und fertig.

Der Sprung ins Geistige aber gelingt ihnen nicht. Wer den ganzen Weg nur auf den journalistischen Pfaden von Informationsbrocken, Geheimdienstdokumenten und unterdrückten wissenschaftlichen Enthüllungen gegangen ist, der scheint am Ende dieses Pfades Schwierigkeiten zu haben, geistiges Verständnis zu entwickeln. Als ob Quantität an Enthüllungen und Unglaublichkeiten die Qualität verbindender und lösender Erkenntnis ersetzen könnte! Da hat man endlich den Erzschurken wie in einem Jugendbuch oder Hollywood-Thriller dingfest gemacht, der zwar nach wie vor unbekannt und gesichtslos ist, jedoch seine obersten Spuren in wohl „jesuitischen“ Clubs hinterlassen hat – also schlichtweg die „Inkarnation des Bösen“.

Was das denn sei, bleibt offen beziehungsweise dem kindlichen Selbstverständnis überlassen: „Na, das Böse eben!“. Hätte er Platon gelesen, würde er sich vielleicht erinnern, dass niemand so unfrei ist wie der Diktator oder Tyrann, der das ganze Volk unterdrückt, denn er ist vollkommen seinen Trieben, Ängsten und Zwängen unterworfen. Der Oberste in der Diktatur ist der am meisten Gefangene und Eingesperrte: er verkörpert das Prinzip von Versklavung und Unterwerfung in Reinform. Nur so kann er es anderen überstülpen, denn er kennt nichts anderes und kommt nicht in die Gefahr lästigen und schwächenden Zweifels oder hemmender Empathie. Von wem oder was aber wird der Tyrann tyrannisiert?

Jetzt können wir mit den Griechen am besten antworten: von den Göttern. Der oberste Puppenspieler unter den Menschen selbst ist Marionette der Götter, also der mechanischen, unsterblichen Triebkräfte der menschlichen Psyche. Er ist nicht frei, sondern der Unfreiste in seinem extraprojizierten und extrapolierten Machtsystem. Solche Tröpfe kommen nicht in die Hölle, sie sind dort die ganze Zeit schon. Was ist die „Hölle“ für unser besseres modernes Verstehen? Dante hat’s uns vor 600 Jahren schon verraten: der Ort (Zustand) in uns, an dem es keine Hoffnung gibt (wieder hinauszukommen).

Das Macht- und Kontrollsystem, das ich in den vorhergegangenen Teilen dieser Artikel-Reihe skizziert habe, ist ein Konstrukt der Hoffnungslosigkeit und der Vergeblichkeit, die Angst machen und dann jenes Monstrum von Weltherrschaftssystem aufbauen, das nichts als Angst und Betäubung kennt. Was aber auch immer damit angestrebt wird, es ist nichts als ein Rauschen im Wind.

Und der Wind, die Luft, ist das Element jenes kleinen Gottes mit den Flügeln an seinen Knöcheln, dessen Aufgabe es ist, Botschaften, Geschenke und Tauschwaren abzuholen, zu transportieren und zu überbringen. Mit diesem Gott geht alles gut wie mit allen anderen Göttern auch, solange er von den anderen göttlichen Prinzipien begrenzt und im Gleichgewicht gehalten wird. Der vorwitzige und schelmische Hermes muss vom überblickenden, väterlich-fürsorglichen Zeus, dem Vorsitzenden im Olymp, in seine Grenzen gewiesen werden, sonst wird er so übermütig wie übermächtig. Wenn das Prinzip von Kommunikation, schlauem Handel und spitzbübischer Cleverness Überhand nimmt und von höherer Ethik nicht mehr kontrolliert und kultiviert wird, dann plustert es sich immer weiter auf in egozentrischem Selbstbezug mithilfe betrügerischer Wortverdrehungen, listigem Betrug und linkem Handel.

Die Herrschaft der kleinen Geister

Wenn das Prinzip „Hermes“ herrscht, dann herrschen die Botschafter und nicht die Könige. Dann bestimmen die Vermittler und Händler, was wann wie gesagt und übermittelt wird und berauschen sich zunehmend an der Macht, die sie dadurch über alles bekommen, solange kein anderes Prinzip einschreitet und sie hemmt. Diese Hermes-Geister im Gewand des Unternehmers, Kaufmanns, Beraters und Vertreters – neuerdings auch des Journalisten und Politikers – wollen nicht, dass du denkst, sondern dass du kaufst. Sie kommen mit Produkten, Versicherungen, Abonnements, Unterschriften-Aktionen, Ideen, ideologisch geprüften Meinungen und Empfehlungen, die du annehmen und bezahlen sollst.

Sie alle sind in erster Linie Fußsoldaten im Marketing, genannt „Kommunikationsexperten“, d.h. also Schauspieler im Namen des besseren Verkaufs. Sie lieben die Hypnose und die Abrichtung der Menschen auf berechenbare Reiz-Reaktionen, damit sie im Wirtschaftsrad kontrolliert mitlaufen. Wir sehen das heute daran, dass eine Mehrheit der Menschen in unserem Lande nicht nur auf bestimmte Ideen, sondern bereits auf einzelne Worte mit einem konditionierten mentalen Reflex reagieren, der jegliches Denken und Nachdenken kurzschließt.

Das funktioniert mit einer Verkopplung von Worten und fixen Ideen mit emotionalen und moralischen Reizen bei einer solchen Beschleunigung der „Informierung“, dass keine Zeit zur Reflexion bleibt. Du hast die Idee „gekauft“, die du kaufen sollst, wenn du Ideen und Statements für richtig oder falsch hältst ohne es begründen zu können und ohne zu wissen, woher und warum du diese Meinung hast. Du hältst etwas für deine „eigene Meinung“, weil du dir nichts anderes mehr vorstellen und denken kannst. Das ist Gedankensteuerung in Perfektion: die Menschen identifizieren sich mit fremden, falschen und schädlichen Ideen so sehr, dass jeder andere Gedanke sich für sie wie ein Identitätsverlust anfühlt und damit existenziell bedrohlich wirkt. Ja, die Menschen haben Angst vor Gedanken und Ideen, die nicht offiziell und medial legitimiert sind. Und vom wem bekommen wir diese Identität? Von den Hermes-Darstellern auf den öffentlichen Bühnen.

Dies dürfte heutzutage die Normalität im „politischen Denken“ beschreiben. Menschen reagieren auf nicht-marketing-konforme Ideen und Gedanken mit kindischen Emotionen wie Empörung, Angst, Trotz, Schock, Wut und Überforderung und bemerken gar nicht, dass sie hypnotisiert und konditioniert wurden. Sie sagen: „So denke ich“ und wissen nicht, was „denken“ bedeutet. Aber sie sind laut und selbstgefällig mit „ihren Meinungen“ und gehen dann „frei“ wählen und demonstrieren. Hermes lacht sich ins Fäustchen, wenn er sieht, wie die Menschen „freiwillig“ genau das tun und sagen, was er ihnen eingeflüstert hat. Niemand ist so sehr Sklave, wie der Sklave, der glaubt er sei frei.

Die „Marketingexperten“ wollen dabei aber nicht, dass du zufrieden bist, denn zufriedene Menschen kaufen nicht viel und geben ihr Geld nicht gern her. Du sollst nur vorübergehend ruhig gestellt sein, doch immer unerfüllt und hungrig sein. Deshalb verkaufen sie lieber Versprechen als echte Werte.

Sie bleiben Kleingeister, auch wenn sie sich die Verantwortlichen von Ländern und Institutionen durch deren Unachtsamkeit, allzu großes Vertrauen oder Bestechlichkeit zu Marionetten ihrer Launen und Agenden machen. Und die Welt, die sie dann schaffen, bleibt kleingeistig, phantasielos, unreif und instabil. Was sind denn auch Boten, die keine neuen königlichen Botschaften mehr empfangen, sondern nur alte Botschaften immer neu manipulieren, entstellen und auftischen? Lauter Iagos ohne Othellos, die nur zerstören können, was höhere Geister aufbauten. Aber Othello muss seine Lektion erst noch lernen, um nicht nur ein heldenhafter, sondern auch ein edler, verantwortungsvoller Geist zu werden. Vorher fällt er in seiner Naivität auf den Dienstboten Iago herein, also auf die Aspekte von Hermes, die negativ und giftig wirken, wenn sie nicht gesehen und kontrolliert werden.

Eine weitere typische Eigenschaft für einen übersteigerten Hermes-Geist ist seine Tendenz zur Verkomplizierung. Er sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht und Menschen, die unter diesem „Verzettelungs-Syndrom“ leiden, verlangen häufig nach möglichst komplizierten Erklärungen und wollen einfache Zusammenhänge und Vogelperspektiven nicht gelten lassen: „Das ist doch viel zu einfach! Die Sache ist viel komplexer!“. Das liegt daran, dass ihnen die Fähigkeit des Überblicks und des vernetzenden Denkens fehlt. Ihr Verstehen beruht auf einzelnen Puzzlestücken von Insel-Wissen und Schubladen-Erklärungen, die untereinander nicht verbunden sind. Ihre Ansichten sind fragmentiert und sie brauchen die permanente Verkomplizierung, um ihr eigenes Unverständnis und ihre Überforderung rechtfertigen zu können. Sie brillieren gern mit Nischen-Wissen und müssen dabei verdecken, dass sie nichts verstehen. Dafür bräuchte es die verbindende und überschauende Fähigkeiten von „Zeus“.

Zeus und der kriminelle Hermes

Zeus weiß, dass er Hermes nie ganz trauen kann und deshalb hat er ein wachsames Auge auf ihn. Wenn uns Menschen aber der Zugang zu der jovialen Kraft des Götterherrschers – dem integrierenden, verantwortungstragenden Bewusstsein – verloren geht, dann übernimmt der Dienstbote den Thron unserer Psyche und wir werden blind dafür, wie unmoralisch, kurzsichtig und vor allem verantwortungslos diese jugendlichste aller (Götter‑) Kräfte ist. Und so wurde unsere Kultur, die eine Hermes-, also eine Kommunikations- bzw. Botenkultur wurde – jugendlich, leichtsinnig und verantwortungslos. „Kommunikation ist alles“ ist sein Motto und damit ist er der Schutzgott der Berater und Marketingexperten, die seit Jahrzehnten mit gestylten Präsentationen durch die ganze Welt jetten, die höchsten Honorare verlangen und meistens spurlos verschwunden sind, wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen oder Konsequenzen mit zu tragen.

An dieser Stelle lohnt sich ein Gedankenexperiment, das für einige meiner Leser sicher mehr als nur ein Gedankenexperiment ist. Was würde passieren, wenn dieser hinterlistige, doppelzüngige Iago mithilfe seiner skrupellosen Schlitzohr-Freunde nicht nur Othello hinters Licht führt und Desdemona umbringen lässt, sondern wenn er dann auch Präsident des mächtigsten Landes der Welt werden würde? Dann kann so ein aalglatter, telegener Maskenspieler mit samtiger Stimme ein ganzes Volk verführen und seinen speziellen Freunden geheim und dienstlich alle Türen in der Welt öffnen, an die ihre Machtgelüste heran wollen. Und während er sich von seinen Komplizen Nobelpreise überreichen und sich medial als Traumpräsident inszenieren lässt, kann er im Hintergrund massenweise Kriege anzetteln, mit brutaler Gewalt Menschen unterdrücken und töten lassen und seinem Volk Schritt für Schritt seine Rechte, seine Freiheiten, sein Geld und seine Sicherheiten entziehen. Dabei lächelt er stets und verspricht den Himmel auf Erden.

Die schwierige Lektion für das weltweite Jubelvolk ist dann eine doppelte: erstens die Erkenntnis, dass Satan (der Erzbetrüger) strahlend lächeln kann und das beste Marketing beherrscht, dass also der äußere Schein das Gegenteil von der Realität sein kann; und zweitens, dass sie sich völlig haben täuschen und blenden lassen, sich schwarz für weiß verkaufen ließen, blind mithalfen, Kultur und Menschlichkeit zu zerstören – von der gesunden Lebensgrundlage und den Traumatisierungen der Kinder gar nicht zu sprechen – und es also mit der eigenen Intelligenz, Aufgewecktheit und selbsternannten Spiritualität doch nicht allzu weiter her sein kann. Ja, erwachsen werden ist anstrengend und steinig.

Wenn Othello nicht aufwacht – erschüttert vom eigenen verblendeten Mord an seinem wahren Wesen (dem Des-Dämonischen) –, wenn also der große Vater Zeus nicht für Ordnung sorgt, interpretiert der Hermes-Geist sein Motto („Kommunikation ist alles“) gerne zu seinen Gunsten um: „Schein ist alles!“. Denn seine raffinierten Betrügereien funktionieren eine Zeit lang mit allen und alle Zeit lang mit einigen. Betört von seiner Macht, die Einfältigen, Naiven und Gutgläubigen an der Nase herumführen, ihnen seine virtuelle Realität verkaufen und sie zu strebsamen Sklaven machen zu können, die sich für frei halten, baut er seinen Sommernachtstraum immer weiter aus. In Oberons Abwesenheit und Unaufmerksamkeit stellt er sich seine Legitimationen nach Belieben und ohne jede Ethik außer der der puren Selbstbefriedigung selbst aus. „Es ist doch nur ein Spiel“, denkt er sich und manipuliert die Sprache wie ein Lehrling, dem langweilig wurde. Dann bekommt er aber Kinder, die nehmen das Spiel schon ernster, und dann Enkelkinder, die kennen nichts anderes mehr und machen das Spiel zu einer Sache um Leben und Tod. Dann kippt das Ganze in die Dystopie und rast dem Untergang entgegen.

Wenn die Moral ersetzt ist durch das Gesetz der Selbstwert-Aufblähung, dann kann man sich auch eine Welt der erfundenen Werte und Illusionen schaffen, in denen psychologische und kosmische Gesetzmäßigkeiten (scheinbar) nicht mehr gelten. Dann kann man auch Geld „erfinden“ und als „Wert“ bezeichnen.

Für den Hermes-Geist ist die ganze Welt nichts weiter als ein Basar, auf dem es nur darum geht, die anderen mehr und besser zu übertölpeln als jeder andere. Sobald der Wettlauf von Betrug und Schlitzohrigkeit einmal eröffnet ist, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Kultur langwierig aufgebauten Vertrauens vernichtet ist und jeder gegen jeden agiert. Dann gibt’s aber leider keine „Ordo ab chao“, wie sich der selbstverliebte Zauberlehrling einredet,  sondern nur Chaos bis zum Untergang. Irgendwann muss Papa Zeus also wiederkommen, den Laden aufräumen und alles wieder richtig herum aufstellen. Dann sitzt der Hermes-Junge weinend in der Ecke und versteht nicht, warum seine berauschende selbsterfundene Welt niemals so gut funktioniert wie die des Meisters, der es versteht, alle Götterkräfte untereinander in Balance zu halten.

Die Götter also sind es, die die Menschen beherrschen und wer das nicht einsehen kann oder möchte, der muss im Drama des Weltgeschehens verzweifeln, weil er seinen Glauben an „die Menschheit“ angesichts der Grausamkeit auf der einen und der unsäglichen Naivität auf der anderen Seite nicht aufrecht halten kann. Es gehört zum ausweglosen Drama dazu, dass der Mensch versucht, eine eigene Lösung zu finden und damit in die Hybris verfällt, in sein eigenes Schicksal eingreifen zu können. Nur wer den Göttern wieder Raum und Wirklichkeit zusprechen kann, der betritt das Feld der Tragödie, in denen der Held entsteht: derjenige, der sein Schicksal besteht statt es zu bekämpfen.

Die jesuitischen, ganz geheim dienstlichen oder freimaurerischen Gaukler, die uns mit ihrer Bilderwelt zwar nicht überzeugen, aber hypnotisieren können und uns die göttliche Erde mit computeranimierten „Beweisen“ als Billardkugel verkaufen wollen, sind also die am meisten Betrogenen von allen. Der Geist des Hermes, in seiner luziferisch giftigsten, dumpf-materialistischsten, nämlich der satanischen Variante, hat sie selbst an seinen Fäden komplett in die Irre geführt. Sie hatten nichts als Illusionen und so bleibt am Ende, in der sicheren Desillusionierung, nichts von ihnen übrig als ein Häufchen Elend: kranke, degenerierte, angstvolle Kinder, denen leuchtende Symbole und adrenoider Größenwahn in die Hände fielen, welche sie geistig und körperlich ausbrannten und zerstörten.

Die Reintegration der Hermes-Kraft

Wofür das herzzerreißende Spektakel und das unzählige Leid? Vielleicht damit die Menschen lernen, mit Hermes, dem Feuer des Geistes und Ekstase umzugehen, den Versuchungen der bequemen Illusionswelten bewusst zu entsagen und den Kräften des Zeus: Großherzigkeit, Fürsorglichkeit und Väterlichkeit wieder mehr Wertschätzung entgegen zu bringen. Und große Lektionen brauchen große Erschütterungen. So kann sichergestellt werden, dass der Wellenschlag der Lernerfahrung sich über Generationen ausbreitet und daraus eine (neue) Kultur entsteht, die das Gelernte weiter transportiert und dem Wesen des Menschen – in jedem einzelnen – das Wissen über das Niedere, Falsche und Schädliche seelisch tief genug eingraviert. So kommen wir Menschen schließlich dazu, im Zusammenleben mehr Raum für höheres Potenzial schaffen zu wollen.

Diesen großen Bogen über die Welt der Götter – der psychischen Kräfte – mussten wir machen, um die Verbindung zwischen dem äußeren Geschehen in der Welt und uns selbst herstellen zu können. Es macht einen essentiellen Unterschied, ob wir uns „bösen Menschen“ und ihren Machenschaften gegenüber sehen oder psychischen Kräften, die Teil des Menschen und also auch von uns sind. Die geistige Lösung des Desasters, in dem wir uns kulturell und psychisch befinden, besteht nicht wie die praktische, politische, psychologische oder technische Lösung darin, einzugreifen und die tausend Knoten einzeln aufzudröseln, sondern darin, sich daraus zu lösen. Nur aus dem erhöhten Abstand zur Sache, aus dem heraus wir sie freischwebend überblicken können und gleichzeitig uns selbst darin noch involviert sehen können, können wir die Verstrickungen lösen, die uns ins Unglück hineingezogen haben. 

Wir müssen erst den Kopf über Wasser bekommen, bevor wir uns freischwimmen können. Ansonsten werden wir im Eifer der Lösungssuche die gleichen Fehler wieder machen und im ungeduldigen Herumzerren an unseren Fesseln die Knoten nur noch enger zuziehen. Wir müssen erst sehen, was wie passiert ist und wie es uns involviert hat, bevor wir handeln. Wir müssen erst verstehen, wie und warum wir so sehr verstrickt waren in Betrug und Irrtum, bevor wir uns aufs Podium neuer Aufklärungen stellen.

Leider geschieht dieser schweigsame und geduldige Schritt viel seltener als das Aufschwingen auf Auskunftsposten sobald sich einige neue Informationen oder auch nur tiefer bohrende Zweifel bemerkbar gemacht haben. Die wenigsten ahnen, wie tief der Kaninchenbau ist und sie schalten sich live aus der Dunkelheit bevor sie ganz durch sind. Durch den Kaninchenbau durch bist du, Alice, wenn du wieder und neu bei dir selbst angekommen bist. Solange du noch erstaunt, empört oder besorgt über „all das Böse da draußen“ bist, bist du noch im Wunderland hinter den Spiegeln.

Eine der Haupteigenschaften von Hermes alias Mercurius sind Ungeduld, Voreiligkeit und intellektuelle Oberflächlichkeit. Er ist immer in Bewegung und mag nicht gerne rasten und tiefer blicken. Eine Idee, ein Gedanke, ein Informationsbrocken reichen schon, den Rest fügt er geschwind und unreflektiert aus seiner Phantasie und Assoziationen hinzu. Das Internet, in dem man sich von Information zu Information im Sekundentakt bewegt, ist sein Element. Was gibt es Oberflächlicheres als einfach nur auf den Fluten von Informationen zu „surfen“? Der Wind der eigenen Geschwindigkeit ist berauschender als die tiefen Bewegungen unter dem gewichtlosen Brett, auf dem man sich bloß oben halten muss. Und man kommt beim Surfen immer dort wieder an, wo man angefangen hat. „In Bewegung sein ist das Ziel“, spricht der post-modern verdrehte Taoist und überholt sich selbst bevor er jemals bei sich ankommt. Es fordert eine Menge Reife, mit der Technik, die wir heute haben, konstruktiv umgehen zu können. Für die meisten ist sie erstmal das, was ein Hightech-Labor für eine Horde Affen wäre: ein gefährlicher Spielplatz zur Selbstvernichtung.

Wenn wir uns im Folgenden also der Reparatur des Denkens zuwenden, dann müssen wir ein scharfes und waches Auge auf den inneren Hermes haben, der zappelig und unruhig schon gleich woanders hin denken und aus seinen Assoziationen alles besser wissen möchte. Der ungeübte, das heißt verzogene und falsch verwöhnte ADHS-Geist möchte Quantität und Entertainment, aber bitte keine Tiefe oder Selbsterkenntnis! Das „Affen-Denken“ (monkey mind), wie die Buddhisten es wohl nennen, hüpft gern von Ast zu Ast und beklagt sich am Abend darüber, dass es keine Ruhe, keine (Kon-) Zentrierung und keinen Frieden findet.

Wir werden Hermes nicht allem mit dem Hermes-Geist verstehen und schon gar nicht wird diese jugendlich-ungestüme und selbstverliebte Kraft sich selbst Lehrer sein können. Ihn zu entwickeln braucht die Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen (lat. inter-legere), um das geistige Bindegewebe zu begreifen, das aus Informationen Sinn macht. Der entsteht durch Selbstbezug. Wer also richtig zwischen den Zeilen liest, liest sich selbst mit.

Stufen des Denkens

Unser Denken entwickelt sich in unserer Kindheit und Jugend aus unseren sinnlichen Erfahrungen. Das, was wir Denken nennen, ist die Abstraktion von konkreten Erlebnissen und Sinneseindrücken mithilfe von Symbolen und Begriffen.

Die folgende Tabelle zeigt die verschiedenen Stufen der Abstraktion, die sich – von unten nach oben – aus einander, d.h. eine Stufe aus der vorherigen entwickeln.

Damit ist diese Tabelle einerseits ein Modell für die Ontogenese des Denkens wie sie bei jedem Menschen stattfinden kann, wenn sie nicht gestört wird, und andererseits eine Landkarte der vollständigen, ganzheitlichen und erwachsenen Denkfähigkeit vom ganz Konkreten zum hoch Abstrakten. Wir haben es hier mit einer organischen Entfaltung zu tun. Dieses Verständnis ist wichtig für die Reparatur des gesunden Denkens, denn das Denken entsteht nicht aus dem Denken (was absurd wäre) und auch nicht aus dem luftleeren Raum oder einer nebulösen „kognitiven Dimension“, sondern aus der abstrahierenden Verarbeitung von Körpererfahrungen und Sinneseindrücken.

Deshalb sind unmittelbare Erfahrungen über den Körper die Grundlage der Denkfähigkeiten. Vielfältige und differenzierte Körpererfahrungen wie z.B. durch das Kinderspiel in der (wilden) Natur und mit anderen Kindern zusammen, legen die Grundlage für flexibles, offenes und differenzierendes Denken. Das Training von körperlicher Ausdauer befähigt zu ausdauerndem Denken. Das Training von intentionaler, zielgerichteter Bewegung wie z.B. beim Turnen oder Tanzen und das sich-Üben an Herausforderungen wie z.B. beim Sport, ermöglichen zielgerichtetes, konsequentes und problemlösendes Denken. Die Ausbildung der Feinmotorik wie z.B. beim Balancieren auf einem Baumstamm, bei Hüpfspielen, im Ballett oder beim Spielen eines Instrumentes, legt die Grundlage für feinsinniges, emotional angebundenes und kritisches (i.S.v. auseinander haltendes) Denken. Und körperlich bildende Gruppen-Erfahrungen wie z.B. Gruppentänze und Teamsports bereiten den Boden für soziales, umsichtiges und systemisches Denken.

Diese Liste könnte man bis ins Endlose verfeinern, denn jede Qualität des Denkens wie Konzentration, Stringenz, Logik, Kohärenz, Plausibilität, Analysefähigkeit, Vernetzung, Flexibilität, Emotionalität, Moralität usw. lassen sich auf die entsprechenden körperlichen Erfahrungen und Fähigkeiten als ihre Vorbedingungen zurückführen.

Für die Unterstützung dieser Entwicklungsdynamik der Entfaltung aus der körperlichen Ebene sind zwei Aspekte maßgebend: zum einen die Tatsache, dass im Verlauf der natürlichen Entwicklung jede Qualität und Fähigkeit ihr optimales Zeitfenster hat, in dem sie gelernt und integriert werden können. Was in diesem Zeitfenster gelernt wird – ob nun konstruktiv fördernd oder destruktiv hemmend – ist fest in der Psyche gespeichert und kann später, außerhalb des natürlichen Lern-Zeitfensters – nur noch mit großem Aufwand und nur unter ganz bestimmten Bedingungen umgelernt werden. Dies ist der Grund, warum Menschen im Allgemeinen ihr Leben lang in den Denk- und Verhaltensmustern feststecken, die sie etwa bis zu ihrem achten Lebensjahr – manche früher, manche später – entwickelt haben.

Die zweite Grundregel ist, dass sich aus einer positiven, unterstützenden körperlichen Lernerfahrung die entsprechende Denk- und Abstraktionsfähigkeit so gut wie von selbst entfaltet. „So gut wie“ bedeutet: es braucht auch dafür natürlich bestätigenden, fördernden Einfluss, zumindest Spiegelung und Bejahung, aber es braucht eben keine „Denkschule“, keinen „Unterricht im besseren Denken oder Abstrahieren“.

Die Schlussfolgerungen aus dem bis hierher Angedeuteten sind also:

  • Für die Entwicklung des Denkens sind die vielfältigen und herausfordernden körperlichen Erfahrungen der Kindheit (bis zum 6. Lebensjahr vor allem) die wichtigste Grundlage.
  • Die „Reparatur“ des Denkens zu offenem, kritischem und konstruktivem Reflektieren und Hinterfragen geschieht über die Lösung von hemmenden, verletzenden oder verwirrenden Erfahrungen, die den Abstraktionsprozess in der Entwicklung (des Kindes oder Jugendlichen) gestoppt haben. D.h. durch die Verarbeitung ungelöster Entwicklungstraumata, was nicht dramatischer klingen soll als es ist: es geht um jegliche entwicklungshemmende Erfahrung.
  • Die gesunde und vollständige Verbindung zwischen Körpererfahrung und Denken wird durch das Fühlen, also durch die emotionale Verarbeitung von Erfahrungen hergestellt. Nur so können wir sowohl Erfahrungen als auch Gedanken eine Bedeutung geben. Bedeutung entsteht nur durch emotionalen und persönlichen Bezug. Ohne diese emotionale Verbindungsebene bleiben Gedanken und Reflexionen und sogar eigene Erinnerungen, egal wie „richtig“ und „gut“ sie sind, bedeutungslos und desintegriert. Extremstes Beispiel dafür sind traumatisierte Menschen, die die schrecklichsten eigenen Erfahrungen erzählen können als würden sie die Sportnachrichten vom letzten Jahr vorlesen – vollkommen unbeteiligt, d.h. abgespalten.
  • Es lohnt sich nicht, viel Aufwand und Energie in „Denkunterricht“ zu stecken, denn die wirkende Blockade des Denkens liegt auf der körperlichen und/oder emotionalen Ebene. Solange dieser „Stress“ im Körper nicht aufgelöst ist, kann das Denken nicht gesund werden. Umgekehrt wird es ganz von selbst gesund und intelligent, wenn das Nervensystem in einem gut regulierten Gleichgewicht ist. Über die pädagogischen Konsequenzen aus dieser Erkenntnis könnte man mindestens ein ganzes Buch schreiben. Bildlich zusammengefasst: ein Spaziergang im Wald und ein persönliches Gespräch über eigene Erfahrungen sind wirksamer zur Widerherstellung der Denkfähigkeiten als jeglicher Unterricht es sein könnte.
  • Wichtigstes Ziel der Entwicklung gesunden Denkens ist die Verbindung von konkretem und abstraktem Denken. Damit also auch die Verbindung von konkreter Wahrnehmung mit abstrakter Symbolisierung, Versprachlichung und Repräsentation (Induktion). Beginnend mit eindeutiger und differenzierter Verbindung von Worten und Bedeutungen wächst sie durch die konsequente Trennung von Fantasie und Realität und schließlich durch die Übung darin, konkretes Neues aus abstrakten Gedanken und Ideen ableiten und wirksam einsetzen zu können (Deduktion).

Die Abkopplung von der Realität

Um zu verstehen, was mit „Denken“ eigentlich gemeint ist, können wir den Begriff „Sprache“ stattdessen einsetzen. Denken ist inneres Sprechen bzw. Sprechen mit sich selbst. Sprache ist die Symbolisierung von Erfahrungen und das Bindeglied zwischen konkreter Handlung und „abstrakter Handlung“ im Kopf. Sprache bedient sich Worten, aber sie ist mehr als die Verkettung von Worten, denn diese kann auch imitiert werden. Ein Papagei kann Wörter nachsprechen, aber er spricht nicht mit ihnen. Diese Unterscheidung bringt uns auf den zweiten Blick zu der Erkenntnis, dass es auch unter Menschen sehr viele Beispiele für Papageien-Sprache gibt: sie benutzen Wörter, aber sie sprechen nicht. Das Kuriosum beim bunten Vogel ist eine Pathologie beim Menschen: die Abkopplung von Lauten (Wörtern) von Begriffen und die Abkopplung von Begriffen von konkreten Bedeutungen.

Die Fähigkeit des Menschen, Worte zu benutzen ohne damit eine bestimmte und konkrete Erfahrung auszudrücken, ermöglicht es uns, unser Denken von der physischen Realität abzukoppeln. Wir nennen das dann Phantasie, Imagination oder Erfindung. Wenn wir jedoch die Kontrolle über die Abkopplung (und Wieder-Ankopplung) verlieren, dann entsteht dadurch ein pathologischer Zustand chronischer Abstraktion, in der das wichtigste Korrektiv verloren geht: die Realitätsprüfung.

Kinder haben diese Fähigkeit bis zum 6 Lebensjahr meist noch so gut erhalten, dass sie ganz selbstverständlich zwischen Spiel und Realität oder zwischen Märchen und realer Geschichte unterscheiden können. Diese Fähigkeit wurde jedoch bei vielen im Laufe ihrer späteren Kindheit und Jugend korrumpiert, indem sie lernen mussten, dass Symbole und Phantasiefiguren keinen Wert hätten, weil sie irreal und damit bedeutungslos seien und dass aber gleichzeitig Ideologien und Meinungen, die gegen jede Erfahrung sprechen, Maßstab und Grundlage für Identität sind.

Wie im Artikel über das Phänomen „Links“ schon erläutert, wird so das Persönliche, Individuelle abgewertet und erstickt, während gleichzeitig als Ersatz eine Identität und Gruppenzugehörigkeit durch abstrakte Ideen und Konzepte erzeugt wird.

Dann haben wir z.B. Erwachsene, die Märchen „gendergerecht“ machen wollen, indem sie den Figuren die Geschlechtszuordnung nehmen. Oder sie stempeln die Geschichte vom „Mohr“ als „rassistisch“ ab, das Sterben des Wolfes als „Tierquälerei“, die Strafe für die böse Stiefschwester als „ungerecht“ und „unpädagogisch“ und den mutigen Einsatz des Prinzen als „Machogehabe“. Das Problem solch gewaltsamer Korrekturexzesse ist im Kern gar nicht die ideologisch-hypnotisierte Übergriffigkeit in Literatur, Tradition und Kultur, sondern die pathologische Verwechselung von realer mit der symbolischen Welt. Solche Menschen sind mental entgrenzt, was eine genauere Beschreibung ihrer speziellen Debilität ist: bei ihnen sind die Grenzen zwischen physischer und Phantasie-Welt aufgelöst und diese Bereiche verschmelzen in ihrem Denken miteinander ohne auseinandergehalten werden zu können so als wären sie in einem permanenten Halbschlaf.

Die fanatischeren unter diesen wörtlichen Spielverderbern personifizieren bereits psychotische Zustände: sie verlangen mit Gewalt, dass ihre Hirngespinste real werden und dass sich die Realität ihren Vorstellungen anpassen soll. Dieses eigentlich hochgradig klinische Phänomen hat es zuletzt geschafft, sich als politische Avantgarde zu inszenieren und einen ganzen Machtapparat über alle vier Gewalten des Staates zu bedienen. Das ändert jedoch nichts daran, dass es eine schwere geistige Störung und mentale Retardierung darstellt. Vernünftig wäre es, irgendwann dem Psychotiker das Messer aus der Hand zu nehmen.

Aber auch hier können wir annehmen, dass das degenerative Programm gewollt und geplant ist, denn so viel Inkompetenz braucht strategische und Waffen-Gewalt, um an der Macht zu bleiben.

Durch die Trennung von realer, persönlicher Erfahrung wird das Denken der Menschen „entwurzelt“ und vom Fühlen getrennt. Das heißt, man denkt und plant ohne Gefühl, ohne Empathie und in Folge ohne natürliche Ethik. Dadurch entsteht ein roboterhaftes, mechanisches Denken ohne Korrektiv im Realitäts- und persönlichen Bezug, das von außen „gefüttert“ und gesteuert, also „programmiert“ werden kann. Sobald Kinder ab dem etwa siebten Lebensjahr dann fähig sind, ihr eigenes Verhalten und vor allem auch die Verarbeitung ihrer Wahrnehmung über Gedanken zu kontrollieren, können sie dann zu entsprechend fremdbestimmten Robotermenschen weiter-„erzogen“ werden, solange sie nur immer schön von ihrem Körperempfinden und Fühlen abgetrennt bleiben. Ein Blick in das moderne Schulsystem und „moderne Pädagogik“ dürften jeden Zweifel über die erfolgreiche Implementierung dieser Grundlogik beseitigen. Und dies ist konsequent: wer um alles in der Welt an der Macht bleiben will, der muss den Menschen das verbundene Denken so früh wie möglich vergiften, blockieren und abgewöhnen.

Je nach Ausmaß dieser inneren Spaltung sind solche Menschen dann „zur Verteidigung ihrer (!) Ideen“ zu allem bereit. Solches mechanische, programmierte „Denken“ entpuppt sich meist sehr schnell als irrational, unlogisch, inkonsequent, realitätsfern, sprunghaft und Schablonen-fixiert. Vor allem fehlt ihnen jegliche Fähigkeit, über sich selbst nachzudenken, also ihr Denken zu reflektieren. Technisch gesehen ist das die Unfähigkeit, auf eine höher abstrakte Ebene zu wechseln. Denkinhalte, die je nach Programmierung als „Wissen“, „Fakten“, „eigene Meinung“ oder „Wahrheit“ bezeichnet werden, sind nicht modulierbar und nur schallplattenartig abrufbar. Auch hier spiegeln sich wieder Denken und sprachlicher Ausdruck gegenseitig.

Es macht deshalb bei Menschen mit solchen mentalen Programmierungen – und damit ist leider heute bereits die Mehrheit der westlichen, medien-hypnotisierten Welt gemeint – keinen Sinn, auf die „Denkfehler“ hinzuweisen. So mancher Aufklärer hat sich daran schon den Mund fusselig geredet oder die Finger wund geschrieben. Wegen der meist schon frühen Abkopplung des „Denkens“ von der eigenen Wahrnehmung, sind die Menschen über die Ebene von Logik, Analyse und Information nicht erreichbar.

Und: sie selbst existieren in ihrem Denken nicht, sie kommen darin nicht vor. Oder genauer gesagt: in ihrem Denken sind ihre persönliche Erfahrung, ihre Gefühle und ihre Biografie nicht repräsentiert. Ich hoffe, ich kann damit die Entsetzlichkeit und den Grusel vermitteln, den dieser Zustand in einem verbunden-denkenden Menschen auslöst: da hat man vor sich Menschen, deren Denkfunktion nur rein mechanisch in Form von Reiz-Reaktionsmechanismen möglich ist und die wie Maschinen nur Gedanken reproduzieren können.

Das bedeutet auch, dass solche Menschen keine kognitive Identität entwickeln konnten, sondern mit ihrer Identität irgendwo auf dem Niveau eines unter sechsjährigen Kindes stehen geblieben sind. Ein solches Kind kann sich selbst nur impulsiv-emotional identifizieren, kaum aber reflektierend. Ihr Ich-Gefühl mag in körperlichen Empfindungen und Emotionen vorhanden sein, aber nicht mehr in Gedanken, Meinungen, Weltanschauungen und Überzeugungen. Die „Identität“, die sie mental annehmen ist eine von außen programmierte, die nur funktioniert, wenn sie permanent von außen gestützt und gefüttert wird. Solche Menschen können „Ich“ sagen und wissen (spüren, erleben) nicht, wen oder was sie damit meinen. Und ja, das ist beim näheren Hinsehen so gruselig wie es klingt. Die Hardcore-Variante solcher Abspaltung sagt jedoch ungern „Ich“, weil das bereits zu emotional vorgeprägt ist und somit die innere Spaltung fühlbar macht, sondern sie sprechen nur von „man“: „Man möchte sich doch mal ausruhen“ usw. Nimmt man ihnen diese Decke zusammengesetzter Pseudo-Identität weg, z.B. indem man ihre Gedankenkonstrukte hinterfragt oder Gedanken oder Informationen präsentiert, die in das gelernte Überzeugungsgerüst nicht passen, dann sind die Abwehrreaktionen oft erschreckend aggressiv und ungehalten: da reagiert das Stammhirn auf den drohenden Verlust von Sicherheit und Halt, und nicht der Intellekt auf interessante Neuigkeiten.

Für die Wiederherstellung bzw. überhaupt Entwicklung eigenständigen Denkens muss man stets dort ansetzen, wo die Entwicklung gestoppt wurde. Im oben genannten Beispiel wäre das das basale Gefühl von Sicherheit und Halt, in dem das Ursprüngliche, Wesenhafte noch enthalten ist. Dies in Symbole und Worte zu fassen und von dort aus weiter zu abstrahieren ist dann der Weg, ein Denken zu entwickeln, das im Wesen verankert bleibt und sich organisch von innen entfaltet.

Dieser Prozess wird in der Entwicklungspsychologie Mentalisierung genannt. Mentalisierung ist die Fähigkeit, sich selbst als Wesen oder als Psyche zu verstehen und schließlich auch andere als fühlende, intentionale und denkende Wesen zu erkennen. Diese Fähigkeit entsteht nur durch Dialog. Im Laufe der Kindheit lernen wir so mehr oder weniger, eigene innere Zustände und Zustände von anderen gedanklich zu repräsentieren und symbolhaft, schließlich in Worten auszudrücken. Das Wort „Wut“ z.B. verknüpft sich dann sowohl mit inneren Empfindungen als auch mit Gesten und Ausdrücken von anderen. Wenn aber dem Kind gegenüber nie über Wut gesprochen wird, dann kann es sie nicht mentalisieren. Das ist der Grund, warum Tabus aus unserer Kindheit und Jugend oft zu „Denkblockaden“ führen, weil wir nie gelernt haben, Wahrnehmung und Symbolisierung miteinander zu verbinden. Wir können also innerlich damit nicht arbeiten, weil es keine kognitiven Abbildungen gibt. Das sind die Themen, bei denen wir im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos sind.

Ich will hier nur andeuten und es ansonsten den Reflexionen und Schlussfolgerungen des Lesers überlassen, was die Dominanz von Fernsehen, Computerspielen, Internet und Smartphones im Leben von Kindern und Jugendlichen mit ihrer Mentalisierung und ihren Denkfähigkeiten anrichtet. Einmal abgesehen von den vermittelten Inhalten dieser Medien, die für sich genommen schon Ausdruck massiver intellektueller Verblödung und moralischer Verrohung sind: all diese Technik zerstört die geistige Entwicklung und Fähigkeiten eines Kindes systematisch aufgrund zweier offensichtlicher Eigenschaften: sie vernachlässigen die Körpererfahrung und sie sind nicht dialogisch.

Die wichtigste Erfahrung für Mentalisierung und Denkfähigkeit ist aber die von Synchronisierung und Resonanz (zwischen zwei oder mehr Menschen) auf allen menschlich relevanten Ebenen, das sind in ontogenetischer Reihenfolge: Puls und Erregungslevel, Rhythmik, Mimik, Gestik, Affekt und Stimmung, Emotionsausdruck, Intentionsausdruck, Bewegung, Ausdruck von Geschlechtszugehörigkeit, Ausdruck von Überzeugungen und Meinungen, in Vorstellungen und Zielen und schließlich in Werten und Gesinnung. Diese alle bauen in dieser Reihenfolge aufeinander auf und wenn in einem Glied der Kette eine Störung oder Retardierung auftritt, dann sind davon alle folgenden Fähigkeiten beeinträchtigt oder sogar komplett blockiert. Der Mensch mag körperlich erstaunlich robust sein, in seiner geistigen Entwicklung ist er ein enorm fragiles Wesen. Oder anders: wir sehen daran, wie entscheidend Kultur ist, denn ohne Kultur gibt es die Entwicklung zum Menschen gar nicht.

Und die Kommunikations-Medien und Plattformen, die uns als Fortschritt angedreht  werden, sind die ultimativen Zerstörer menschlicher Kommunikation. Merke: je früher im Leben und je intensiver du „soziale Medien“ nutzt, desto sozial inkompetenter wirst du.

Womit wir zum Abschluss nochmal Hermes die Ehre geben:

Hermes, der Ruhelose

Der flinke Gott der Kommunikation und Manipulation ist geistiger Schirmherr über all diese Medien. Sein Händler-Geist möchte verkaufen, am liebsten sich selbst als Obergott. Aber es ist auch schon ein freudiger Erfolg, wenn man jemandem etwas schmackhaft machen und andrehen kann, dass der andere eigentlich gar nicht möchte, gar nicht braucht oder sogar eigentlich ablehnt. Der unreife Geist, der sich selbst nicht im Griff hat, strengt sich gerne an, um andere in den Griff zu bekommen: sie zu manipulieren.

Wir stellen fest: wir leben im Zeitalter der Manipulation. Jeder will jeden manipulieren, um sich einen Vorteil oder Vorsprung zu verschaffen. Eines der dadurch massiv frustrierten Grundbedürfnisse, das dadurch zu einer quälenden Gemeinschafts-Sehnsucht heranwächst, ist, endlich einmal in Ruhe gelassen zu werden, in Ruhe sein zu können.

Und dies ist tatsächlich das augenfälligste, prävalente Bedürfnis, auf das man bei den Deutschen stößt: in Ruhe gelassen zu werden. Braucht der Deutsche vielleicht gerade wegen seiner Dichter- und Denkernatur vor allen Dingen Muße? Muße, um betrachten und bedenken zu können. Dann kommt er irgendwann mit tiefen, umfassenden neuen Erkenntnissen oder faszinierenden Neuerfindungen und Ideen wieder hervor.

Den deutschen Geist zu untergraben ist nicht schwer: halte ihn stets in beschäftigter Unruhe, lenke ihn ab und bereite ihm so viele banale Alltagssorgen, dass er nicht mehr zur Ruhe kommt. Damit ist sein Wesenskern schon so sehr in die Enge getrieben und überfordert, dass er von da aus schnell zu einer von außen steuerbaren Marionette ohne Eigenreflexion degeneriert. Und das ist in den letzten 100 Jahren dermaßen systematisch und erfolgreich passiert, dass die meisten nicht mehr erkennen können, welchen Ausweg wir brauchen und wie er zu finden ist. Diese Art der Unruhe, der sinnenlosen Hyperaktivität, der Verzettelung, der Beschleunigung und damit Oberflächlichkeit, fasst sich zusammen im mytho-psychologischen Prinzip von Hermes, dem flinken Hans-Dampf-in-allen-Gassen. Goethe nannte es das „Veloziferische“: die Verknüpfung von Ungeduld, permanenter Beschleunigung und Flüchtigkeit bis zur Besinnungslosigkeit und Seelenlosigkeit. Damit ist die Hermes-Kraft zum Dia-bolus geworden, zu dem, „der alles durcheinander wirft“ und die Ordnung in Krankheit und Zerfall gedreht hat.

Und wie macht Hermes-Mephistopheles das im modernen Gewand, wo er sich doch schon zum Obertrickster des 20. Jahrhunderts aufgeschwungen hatte? Indem er seine kleinen Apparate und Helferlein immer dazwischen schaltet, wo Menschen miteinander sprechen und interagieren wollen. Das ist der einzige Spielraum, in dem er wirken kann. Er bietet sich zunächst nur als dienstfertiger Bote, als freundlicher Helfer, als Anbieter von lauter Erleichterungen und kostenloser „Apps“ an. Warum er das tut wollen wir lieber doch nicht wissen, denn der Service scheint meist kostenlos und auf jeden Fall bequem zu sein.

Den wahren Preis, den wir im Nachhinein bezahlen dafür, dass wir uns in die Hände dieses Schlitzohrs begeben haben, ist unverhältnismäßig und geht uns an die Substanz: wir verlieren Vertrauen, direkten Kontakt und unsere Selbständigkeit. Und dann ist es auch gar nicht mehr bequem und später sind dann die Aufräum- und Reparaturmaßnahmen enorm, nachdem Chaos und Täuschung überall als Betriebssystem installiert wurden. Ach, seine schöne neue (Kommunikations-)Technik nahm uns die technische Vermittlung in der Kommunikation ab – und am Ende haben wir keine eigene Kommunikation mehr!

Wenn wir bereit sind, im Kontakt und im Gespräch die Seele menschlicher Kultur und die Seele von Geistesentwicklung zu sehen, dann können wir sagen: wir haben für die technologischen Vereinfachungen und Beschleuniger unsere Seele verloren.

Das vertrauliche Gespräch bleibt stets eine Sache von direkter Begegnung. Daher gibt es das kaum noch. In aller Vernetzung vereinsamen die Menschen in der Kontaktlosigkeit, weil ihre Kommunikations-Geräte ihnen Kontakt nur vorgaukeln und die virtuelle Realität bloß als „besserer Ersatz“ verkauft wird.

Und die Medien, von denen wir dachten, sie würden nur die Durchleitungs-Gefäße für wesentliche Botschaften sein, haben unter Hermes‘ Führung ihr Eigenleben entwickelt und verfolgen längst ihre eigene Agenda. Und die lautet stets: Gewinn machen. Der Kaufmanns-Geist hat erkannt, wie selbstbereichernd es doch ist, alle menschlichen Aktivitäten für den eigenen Gewinn zu nutzen. Dafür war nur eine kleine Veränderung notwendig: die Kommunikationsabteilung wurde der Marketingabteilung unterstellt. Seitdem ist jede Information bereits Werbung und Verkauf. Man verkauft die Agenda von denen, die am meisten zahlen, emotional aufbereitet und moralisch zurechtgemacht, und nennt dies dann „Nachrichten“ oder „Qualitäts-Journalismus“. Wer sich informiert, wird in Form gebracht, die Frage ist nur: in welche? Und für wessen Ziele?

Wenn wir den Boten und Überbringern von Nachrichten aber nicht mehr trauen können, dann ist Kommunikation als kulturförderndes Werkzeug gestorben. Damit stirbt dann auch die Kultur und die Schulung und Vermittlung von Geist. Wer dieses Schicksal der modernen Menschheit in den letzten 200 Jahren in Märchenform nachlesen möchte, der lese von den Gebrüdern Grimm das Märchen „Vom Mädchen ohne Hände“. Da manipuliert der Teufel höchst persönlich die Botschaften zwischen König und Königin, so dass alle Beteiligten in größtes Unheil und Kummer stürzen.

Rückkehr zur gesunden inneren Ordnung

Von dem Märchen lernen wir auch: wo transparente und ehrliche Mitteilung nicht mehr möglich ist, da müssen zunächst Stille und Rückzug die Möglichkeit einer Heilung einleiten – also die Beendigung der vergifteten Kommunikation. Sich nicht mehr verstehen können ist ein Zeichen dafür, dass man auf das „Informiert-Werden“ besser verzichten sollte und sich auf sich selbst besinnt. Diese Resignation ist überlebenswichtig, denn sie schafft Zugang zu einem anderen „Hören“ und „Verstehen“, das unmittelbar ist und dem Teufel keine Chance der Verdrehung und Manipulation gibt.

So können wir die Intuition wiederentdecken, die auf instinktives und organisches Wissen zurückgreift und gleichzeitig ganz allgemein und übergreifend sein kann, also ganzheitlich ist in der Verbindung von Wahrnehmen und Denken. Von dieser inneren Ganzheit und Stabilität aus können wir dann Hermes erneut herbeirufen und weise beauftragen, Kommunikationswege zu entwickeln, die unseren Bedürfnissen und unserer Ganzheit entsprechen statt uns Zerstückelung und Reduktion zu diktieren.

Mythologisch gesprochen: wie müssen vom agilen, hypnotisierend quasselnden Hermes erstmal wieder Abstand gewinnen, Ruhe und uns selbst wiederfinden und dann die „Zeus-Kraft“ in uns wieder stärken: den ruhigen, reflektierenden, verstehenden und vor allem selbstzentrierten Überblick über das Ganze und uns im Ganzen. Dazu zählen vor allem auch die grundlegenden menschlichen, ethischen und geistigen Werte, die das Ganze tragen und gesund halten.

„Zeus“ sieht und bewahrt diese Werte, indem er Denken und Fühlen verbindet und sich vor allem für das Gleichgewicht und die Balance der Kräfte – innerlich und äußerlich – einsetzt. Diese psychische „Zeus“-Kraft befördert die notwendigen männlichen Alpha-Qualitäten und das fürsorglich-väterliche Prinzip, von denen im dritten Teil dieser Reihe schon ausführlicher die Rede war und die wir im jetzigen Zustand unserer Gesellschaft am allerdringlichsten rehabilitieren und hoch halten müssen. Nur mit dieser Kraft können wir die übertriebene, ex-zentrische und hyperaktive Bewegung des Kommunikations-Gottes wieder zentrieren, regulieren und integrieren, so dass er wieder als Diener für höhere Werte eingesetzt werden kann, aber nicht als Trendsetter oder Steuermann Unheil stiftet, nur weil wir „Zeus“, also Gleichgewicht und Anbindung an Werte verloren haben.

Von diesem inneren, verbindenden Punkt des intuitiven Wahrnehmens und ethisch-prüfenden Denkens aus können wir leicht erkennen, wenn uns auf dem Bildschirm oder sonst irgendeiner Bühne wieder die freundliche und lächelnde Fratze des Teufels, Schlitzohrs oder Iagos begegnet, die uns etwas verkaufen will, das ideell „gut klingt“, jedoch unsere Bedürfnisse und Freiheit – vor allem unsere Freiheit im Denken – ignoriert oder sogar vernebelt.

Ich werde auf diese notwendige „Schulung der Intuition“ und auf das „richtige Zuhören“ in einem späteren Artikel noch näher eingehen an der Stelle, an der es um die Entwicklung von Verantwortungsfähigkeiten geht.

Bis dahin lasst uns ruhig ein bisschen kindlich sein: wachsam mitverfolgen, was die anderen so treiben, neugierig sein, was hinter den Masken und Etiketten steckt, und unserer gesunden Intuition vertrauen, das alles, was wirklich gut für uns ist, sich stimmig anfühlt und uns in unserer instinktiven, emotionalen und mentalen Mitte stark macht.

Fortsetzung der Reihe hier.

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Zeus, Aphrodite, Cupido und Hermes

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6 Kommentare
    • mahdian
      mahdian sagte:

      @ Q

      Herr Alsleben schreibt immer Neues – sollte Ihnen, Q, das noch nicht aufgefallen sein, dann bezweifle ich, dass Sie seine Texte überhaupt gelesen bzw. eingehend und unvoreingenommen gelesen haben mit Herz und Verstand.

      Antworten
    • Philipp
      Philipp sagte:

      Wunderbar! Sie haben mit einem einzigen Satz die wichtigsten Merkmale der unreifen, desintegrierten Hermes-Kraft demonstriert: Oberflächlickeit, Vorwitzigkeit, Eigendünkel, provozierende Arroganz, Mangel an Überblick und Verständnis, Mangel an Ernsthaftigkeit, Wichtigtuerei und Etikettenschwindel. Und vor allem Bosheit im Gewand von Freundlichkeit. Diese psycho-mechanischen Kräfte zeigen sich oft spontan von selbst – geradezu zwanghaft – wenn man sie treffend benennt und anspricht. In Mathe würde man sagen: q.e.d. Das mag manchem Leser helfen, all dem gegenüber noch wacher zu werden. Danke!

      Antworten
  1. mahdian
    mahdian sagte:

    @ Herr Alsleben

    Ich finde Ihre Beiträge äußerst treffen – Nagel auf den Kopf treffend sozusagen. – Um eben diese Spaltung, die Sie hier bestens erläutern nebst Hintergründen, kollektiv überwinden zu können, sehe ich die Not-wendigkeit, dass wir unsere Gedanken und Erkenntnisse hin zu einer positiven Entwicklung zusammentragen und ergänzen, statt auch hier wieder aus Angst vor Wegnahme von etwas, aus Angst vor besseren Ideen anderer, etc. entsprechende Kommentare zu löschen.

    Wir sollten um unser aller Rettung willen denken und handeln wie die Erdmännchen: “Eine/r für alle, alle für Eine/n.” 😉

    Antworten
  2. mahdian
    mahdian sagte:

    Es geht nicht um Mann gegen Frau oder Frau gegen Mann – es geht um die bewusste !!! Wiederverbindung von Anima und Animus im Inneren eines jeden Menschen, die dann auch im (scheinbaren) Außen sich ver-wirk-lichen kann und vermutlich wird. – Daraus kann dann bewusst eine harmonische friedliche wahrhaft gerechte gütige mitfühlende achtungsvolle egalitäre Gesellschaft nach der “Goldenen Regel” entstehen – ohne eben diese “kaufmännischen Wettbewerbsgeist von immer höher, immer schneller, immer weiter, immer intransparenter, immer vernichtender in der Folge dessen Machbarkeitswahns.

    Mir geht es nicht um Besserwisserei, Wettbewerb, Konkurrenz – ich verdiene hier keinen einzigen Cent mit irgendetwas – ich bin hier in der Welt, um eben das von mir erläuterte Bewusstsein zu schaffen und dazu sollten alle, die auf diesem Weg sind, ihre jeweiligen ergänzenden oder identischen Erkenntnisse gemeinsam für andere, die vielleicht auf der Suche sind oder bei denen ihr Licht darauf wartet, angezündet zu werden, zur Verfügung stellen.

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