Wege zu Integrität und Verantwortungsfähigkeit


Einleitung

In diesem neunten und letzten Teil der Artikel-Reihe geht es um die Frage: Wie weiter?

Genauer betrachtet um die Frage: Wie entwickeln wir Verantwortungsfähigkeit?

Und damit zusammenhängend: Wie können wir die Kraft unseres Wesenskerns wiederentdecken und verwirklichen?

In Teil 8 habe ich gezeigt, dass die Menschheit sich in einem psychologischen Krieg befindet, in dem sich abgespaltene, entfremdete und pervertierte Anteile gegen das Wesen des Menschseins an sich richten, d.h. vor allem gegen den menschlichen Verstand und damit gegen menschliches Bewusstsein. Es ist ein Kampf um Leben und Tod. Ein Kampf um das Überleben der Menschheit, denn ohne Verstand können wir nicht überleben. Ich habe im letzten Artikel gezeigt, dass Integrität (Intaktheit) und Wechselseitigkeit die beiden elementarsten Aspekte des Lebens und deshalb das Fundament jedes echten Wertes und jeder lebensbejahenden Haltung sind. Dieses Fundament ist mutwillig zersetzt worden und muss regeneriert und geschützt werden. Ansonsten sind weder Entfaltung noch Entwicklung möglich.

Mit unserer Gesellschaft und ihrem psychischen Zustand ist etwas sehr Seltsames passiert. Wir sind und verhalten uns wie Kleinkinder, aber wir haben eine für gesunde Kleinkinder völlig untypische Eigenschaft: wir wollen uns nicht entwickeln, wir wollen nicht weiterkommen, sondern wehren uns dagegen, um mit aller Kraft im Status quo zu verweilen und tatsächlich immer weiter zu degenerieren. Dies ist der Zustand von geistig behinderten oder schwer gestörten Kleinkindern. Diese Charakterisierung ist keine zynische Herabsetzung, sondern eine Diagnose, die uns helfen kann sowohl den Zustand als auch seine Ursache und damit mögliche Umgangsweisen und Veränderungshilfen zu erkennen.

Ein gestörtes Kleinkind wird jede Herausforderung als Überforderung erleben und deshalb dagegen kämpfen. Es wird gegen alles kämpfen, was auch nur im Entferntesten an eine Überforderung rühren oder erinnern könnte. Es handelt sich dabei nicht um einen Willensausdruck oder eine willkürlich gewählte Strategie, sondern um emotionale Schutzreflexe. Deshalb können diese auch so beeindruckend vehement und „stabil“, d.h. ausdauernd sein. Umso mehr, wenn sie mit der Kraft und Ausdrucksstärke von (biologisch) Erwachsenen ausgelebt werden.

Wann aber werden Kraft und Durchsetzungsstärke zu Macht? Macht ist ein Beziehungsphänomen. Deshalb sind die irrational Getriebenen nur dann und nur in dem Maße mächtig, wie andere sich ihnen unterwerfen und ihre Macht abgeben. Und genau dies ist geschehen. Sich nüchtern, bewusst und rational gegen affektiv aufgeladenes, unbewusst-mechanisches und irrationales Verhalten zu stellen – vor allem wenn es mit der Gewalt der Masse und der Blindheit aufgestachelten Zorns auftritt – ist anstrengend und fordert Kompetenz und Übung. Und diese Kompetenz und Übung hat den führenden Köpfen der Menschheit vor über 150 Jahren so gefehlt, dass die unterentwickelten, gestörten Kleingeister die Oberhand in den Machtverhältnissen erlangten. Nicht durch ihre Klugheit, sondern durch eine Schwäche und eine Unterlassung der anderen. Kleingeister leben in permanenter Angst vor allem, was sie nicht begreifen können: der Welt, der Wirklichkeit, den Menschen, komplexen Gedankengängen, Moralprinzipien, dem Gesetz, „denen da oben“ – im Grunde vor allem. Deshalb kämpfen sie dagegen an, wo immer sie können und ducken sich ansonsten weg.

Sie können nichts anderes verbreiten als diese Angst und die daraus resultierende Besessenheit von Kontrolle aller Art. Diese Angst und ihre Vertreter gewinnen die Macht über den Geist des Menschen – im Einzelfall wie auch in den kollektiven Prozessen einer Kulturentwicklung – nur dann, wenn der Geist ihnen nicht aktiv etwas entgegen-, oder besser gesagt: vor-setzt. Nämlich um sie zu regulieren und zu ent-machten. Ordnung ist stets der Herrscher über das Chaos – aber sie muss aufrechterhalten werden. Fokus und klare Ausrichtung sind immer die Herrscher über angsterfüllte Flucht- und Angriffsreaktionen – aber sie müssen gehalten werden. Wissen ist immer der Herrscher über Unwissenheit und Verirrung – aber es muss genutzt werden.

In dem Maße, in dem wir dies versäumen, übergeben wir der Angst und der Irrationalität das Ruder. Und ihre Macht steigt dann exponentiell, weil sie immer mehr Menschen in ihren Sog aus Kontrolle, Gewalt, Einschüchterung, Betrug, falschen Versprechungen, Verwirrung und Ersatz-Sicherheiten zieht. Immer mehr Anteile der Kultur und eines Gesellschaftssystems rutschen auf diese Weise unter die Kontrolle primitiver, Stammhirn-gesteuerter Prozesse, die wiederum die höheren, integrativen Fähigkeiten zunehmend überfordern. Das Archaisch-Ungeistige wuchert in seiner eigenen blinden und a-logischen Dynamik immer schneller und macht rationale Beherrschung und Begrenzung zunehmend schwieriger.

Nach einer gewissen Zeit kann eine Wiedergewinnung rationaler Herrschaft sogar unmöglich werden, so dass die Masse der Menschen dann nur noch auf immer früheren geistigen Entwicklungsstufen gestoppt wird und schließlich ihre Überlebensfähigkeit verliert, weil sie der Realität nicht mehr gewachsen ist.

Anders als die Tiere können wir Menschen uns nicht auf irgendeinen Instinkt verlassen, der uns trägt, weil das Menschsein unauflösbar mit Kultur, also Wissen, Techniken und Infrastruktur des Verstandes verschränkt ist, die nicht von der Natur hervorgebracht werden, sondern geistig entdeckt und tradiert werden müssen. Wenn wir damit aufhören, vernichten wir unsere Existenzgrundlage und bezahlen die Unterlassung mit der Auflösung des Menschlichen und damit schließlich des Menschen.

Dies ist der Zustand, den wir in den letzten 20 Jahren erreicht hatten und in dem wir in Bezug auf etwa 90% der Menschheit leben.

Die Schuld daran können wir nicht jenen – aus welchen Gründen auch immer – degenerierten und lebensfeindlichen Kleingeistern geben, die einfach nur ihren angstgetriebenen Schutz- und Kontrollmechanismen folgten und folgen. Die Schuld im Sinne einer verursachenden Entscheidung tragen wir mit dem Teil von uns, der sich rational und geistig dagegen hätte wehren können und müssen. Denn nur dieser Teil unseres Wesens hatte und hat stets eine Wahl. Diese Wahl nicht sehen zu wollen oder, noch eine Stufe davor, bereits die Möglichkeit des Hinsehens und Verstehens abzutun und sich mit Oberflächlichem und Banalem ablenken zu lassen, ist für den geistigen Teil äquivalent zur Aufgabe von Verantwortung.

Wo auch immer der Geist schweigt oder sich zurückzieht, findet keine Antwort statt und das Feld bleibt offen für Reaktionen und primitivere, weniger integrierte Impulse. Das und nur das ist Verantwortungslosigkeit.

Der historische Weg in die Verantwortungslosigkeit

Ich möchte zwei ursächliche Faktoren vorschlagen, die dazu führten, dass wir Menschen in der westlichen Welt von der begonnenen geistigen Aufwärtsbewegung der Renaissance wieder abgewichen und in den tiefsten Materialismus abgestürzt sind.

Die erste und wichtigste Ursache der ganzen Misere sehe ich in einer zu schnellen technologischen Entwicklung, mit der die geistige Entwicklung nicht mithalten konnte und die deshalb ihre Integrationsfähigkeit verlor. Die Entwicklung der Technologie und schließlich die Technologie selbst übernahmen die Steuerung und Bestimmung der Psyche der Menschen. Das Endergebnis sind heute Menschen, deren Leben durch und durch von Computern und Maschinen bestimmt werden – und die das richtig und gut finden, obwohl sie in ihrem Wesen daran zugrunde gehen.

Die Technik und die technischen Möglichkeiten, die seit dem 16. Jahrhundert anfingen zur Verfügung zu stehen und sich in immer rasanterem Tempo weiterentwickelten, trafen auf ein mittelalterlich geprägtes Lebensbewusstsein von Gottbezogenheit, Leidens-Anerkennung und Schicksalsergebenheit. Im Mittelpunkt des Weltbildes standen Gott und die ewigen, festen Prinzipien des Kosmos. Der Mensch sah sich selbst als einzelne Seele, die „zu Gott“, d.h. zur Einheit mit dem Ganzen und den kosmischen Gesetzen zurückfinden muss – oder eben durch das Weltliche davon abgelenkt und in die „Hölle“ geführt werden konnte. Psychologisch betrachtet war es die Ausrichtung auf etwas Höheres, das vor allem nicht materiell, sondern geistig war. „Erfolg“ war in diesem Paradigma definiert durch die Anpassung des eigenen Lebens an die „Gesetze Gottes“ bzw. – für die Humanisten – an die Wesensnatur der eigenen Seele. Es ging in verschiedenen kirchlich-religiösen, philosophischen oder handwerklich-künstlerischen Variationen um Authentizität als Loyalität dem Festen und Ewigen gegenüber.

Einer Herausforderung war die dadurch entstandene Kultur nicht gewachsen: technischer Beschleunigung und Lebensvereinfachung. Es gab keinen philosophischen Codex für den Umgang mit der menschlichen Selbstermächtigung, die plötzlich durch Geräte und Maschinen möglich war. Plötzlich konnte der Mensch, ein einzelner Mensch viel mehr bewegen, ausrichten und eben auch anrichten durch den enormen Hebel maschineller Produktionssteigerung. Der Buchdruck ermöglichte nun die rasante Verbreitung von Büchern und Schriften für die es kein Regulativ gab. Durch alle darauf folgenden technischen Errungenschaften lässt sich ein Effekt feststellen: die Macht der Möglichkeiten, der Veränderung und damit der Entscheidungen wanderte von den kleinen Gruppen steuernder Eliten immer weiter in die breite Masse von Jedermann.

Und es gab keine Philosophie, keine geistige Strömung oder Schule, die irgendeine ethische Grundlage für den Umgang mit dieser Explosion der Möglichkeiten und Ermächtigungen anbot. Und so passierte das Tragische in der vollen Bedeutung des Begriffs: die Menschen wurden von ihren neuen Möglichkeiten hypnotisiert und die geistige Überforderung führte zu einem Kollaps der Philosophie und geistigen Führung. Der menschliche Geist und die von ihm geschaffene Kultur drifteten ab und versanken mit der „Industriellen Revolution“ zunächst in „Rationalismus“, dann Materialismus, schließlich Zynismus bis zum heutigen Nihilismus. Diese absteigende Kurve beschreibt den stetigen Verlust von geistigem Einfluss auf die Kultur. Heute ist er so gut wie vollständig abwesend.

Die zweite Ursache, die eher verstärkend wirkte, war die entstehende und immer größer werdende Spaltung der allgemeinen Geisteshaltung gegenüber der Welt in zwei getrennte Dimensionen: den Mystizismus und den Materialismus. Beide Haltungen haben eine Gemeinsamkeit, mit der sie vereinigt jede menschliche Kultur zerstören können: sie verleugnen den Verstand.

Der Mystizismus baut auf der Prämisse auf, dass Wahrheit und Wirklichkeit vom Menschen nicht erkannt werden können, sondern nur „gefühlt“ oder „erahnt“ – dass also mit anderen Worten Emotionen, Ahnungen, Traumbilder und Fantasien für Erkenntnis wichtiger sind als logisches Denken, Vernunft und rationale Realitätsprüfung. Wir erleben die flachsten und billigsten Ausläufer des Mystizismus heute in allen New-Age-Programmen, die uns einsäuseln, wir müssten den Verstand und das Denken ausschalten, um in die Gefilde der himmlischen Glückseligkeit aufzusteigen – oder doch wenigstens unsere chronischen Nackenverspannungen aufzulösen.

Der Materialismus verleugnet den Verstand, indem er die Menschen im prä-rationalen, vorbegrifflichen Denken fixiert und behauptet, mehr und anderes gäbe es nicht. Der Materialismus ist heute die durchgängigste Basis so gut wie aller modernen Geisteshaltungen und deshalb für die meisten unsichtbar, weil es kaum noch alternative Perspektiven gibt. Der hoffnungslose Kreislauf von Konsum und Sklavenarbeit auf konstant geistlosem Niveau ist heute moderner Alltag, wurde jedoch im Mittelalter noch als „Hölle“ und die schlimmste Strafe betrachtet.

Diese beiden Extremisierungen wurden in Teil 8 näher beschrieben in ihrem gemeinsamen Ergebnis der Spaltung in nicht-begriffliche, konkretistische Wahrnehmung einerseits und realitäts-abgekoppelte Abstraktionen und Konstrukte andererseits. Der philosophische Vater dieser Spaltung und Leugnung des Verstandes ist Immanuel Kant, der Moralfragen in die vage und irrationale Welt des Fühlens und der „Intuition“ verbannte, dem Menschen eine direkte Wahrnehmung der Realität absprach und schließlich das Axiom aufstellte, dass es eine erkennbare Wirklichkeit gar nicht gibt. Moralisch gut ist nach ihm all das, was nicht nur uneigennützig ist, sondern am besten sogar gegen Eigennutz und Eigeninteresse geht. Er war der Erste, der weitgehend unverhohlen die Selbstverleugnung als höchsten moralischen Wert herbei argumentierte. Ihn als „Vater der Aufklärung“ zu bezeichnen, war der eigentliche Hohn gegen den gesunden Menschenverstand, aber es zeigt, welche intellektuelle Ganovenbande gewonnen hatte und die Richtung angab – immerhin bis heute nun schon für 270 Jahre. Wir erleben die „kantsche Moralvorstellung“ heute in der allgemein akzeptierten Haltung von „gutem Altruismus“ und „schlechtem Egoismus“. Was Kant all seinen philosophischen Nachfolgern vorgemacht hatte war, dass man mächtige Ideologien schaffen kann, die das Wesen des Menschen und seine Wirklichkeit schlichtweg ignorieren, und man auf der blühenden Wiese der Fantasie Begriffe und Ideen erschaffen kann, die umso wirksamer und beliebter sind, je irrationaler ihr Fundament ist.

Nachdem der Verstand ein für allemal wegbegründet war, hatten alle irrationalen und menschenverachtenden Folge-Philosophien wie Marxismus, Konstruktivismus, Existenzialismus, Linguistische Analyse bis zum Nihilismus freie Fahrt und damit freie Hand, das menschliche Bewusstsein bis in seine Grundfesten zu zerspalten. Heute lallt es nur noch ohnmächtig in einem Delirium, dessen existenzieller Nachteil auch ein Vorteil für die Wende zum Guten sein kann: es kann sich in keiner Weise gegen irgendetwas mehr zur Wehr setzen.

Was bei alledem fehlte, war eine fundierte Ethik, die angesichts der technischen Möglichkeiten Orientierung hätte geben können. Die Wissenschaft, getrieben durch Neugier und später durch Profitgier, fragte nur: Was können wir tun? Und ging eifrig an die Beantwortung: viel und noch viel mehr. Aber eine zusätzliche Frage hätte lauten müssen: was wollen wir und was soll sein? Was ist unsere ethische und moralische Orientierung, wenn unser Wohlstand, unsere Produktivität und unsere Grenzen in unseren Händen liegen (und nicht mehr in denen „Gottes“)?

Die Romantik war in dieser Entwicklung die einzige und bis heute letzte Kulturepoche, in der ein geistig-ethischer Impuls gesetzt wurde, der die technischen Errungenschaften integrieren konnte statt sich gegen sie oder abseits von ihnen zu stellen. Die Romantik, die bis heute die wahrscheinlich deutscheste aller Kulturimpulse ausmacht, war nicht nur getrieben von dem Drang nach Vereinigung von Wissenschaft, Kunst und Religion unter einer integrativen Philosophie der Entwicklung individuellen Geistes, sondern auch von der Frage nach dem, was sein soll, also nach Idealen.

In der Romantik entstand ein neues Verständnis von Ästhetik – zunächst aus dem Studium der alten griechischen und römischen Philosophie und Künste, womit sie an die Renaissance anknüpfte, dann aber zunehmend aus dem neuen eigenen Verständnis heraus, dass der menschliche Geist seine Qualitäten in der unmittelbaren Begegnung mit der Natur und den Gesetzen des Kosmos entwickelt.

Diese Wechselseitigkeit zwischen Mensch und Natur in beide Richtungen, einmal der Mensch als lernender und erkennender Teil der Natur und einmal der Mensch als Gestalter und Nutzer der Natur auch im geistigen Sinne durch die symbolische Erhebung des Natürlichen zu menschlicher Bedeutung, war für die romantischen Denker zugleich Antrieb und Prüfstein für die menschliche Gesundheit und Integrität. Dadurch entstand eine Ästhetik der Integrität: das Verständnis, dass Schönheit durch Ganzheit, Intaktheit und Vollständigkeit entsteht.

Insofern gab es auch ein Bildungsideal: den Menschen ästhetisch zu machen hieß, in ihm Natur (Gegebenes) und Kultur (Gemachtes) zu einer Ganzheit zu verbinden. Das bedeutete eben auch, das Ursprüngliche, das Wesenhafte im Menschen zu bewahren und zu fördern, denn ein wichtiger Teil seines Wesens ist eben auch das Streben nach Wissen, nach Verstehen, nach Bewusstsein seiner selbst und nach schöpferischer Gestaltung. All dies ist nur möglich mit einem entwickelten Selbstbewusstsein, in dem der Mensch sich über bloße Natur und rein Materielles erhebt und sie gleichzeitig umfasst und ausschöpft.

Dieser Impuls der Romantik, der danach strebte, das Geistige im Menschen für die Herrschaft über das Sinnliche zu entwickeln und zu erheben, kam jedoch in der Geschichte nicht über die jugendliche Phase der hohen Ideale und Ziele hinaus, weil er von einer Gegenkraft überrollt wurde, der er so schnell nicht gewachsen war: dem organisierten Bösen, das sich parallel zu ihm durch das Streben nach Macht durch Betrug, Manipulation und Kontrolle formiert hatte (siehe Teil 1 und Teil 8). Der Grund, warum die anti-geistige und anti-menschlichen Kräfte schnell die Oberhand gewannen und die jungen Ansätze einer neuen Hochkultur unterdrücken konnten, liegt wiederum in der Technologie. Denn durch die viele neue Technik war es um ein Vielfaches leichter, die Menschen zu hypnotisieren, ihren Geist zu fesseln und von ihrem Wesen abzulenken, als sie wach zu machen für das Geistige, das nämlich Anstrengung, Mühe und vor allem Verzicht bedeutet hätte. Dafür aber war die Menschheit noch nicht reif. Sie war noch zu kindlich. All die Technik geriet in die Hände von Kindern und Verbrechern, die nach ihrer Art damit verfuhren.

Und so musste der Geist in den Untergrund wandern. Er verschwand für hundert Jahre von der öffentlichen Bildfläche und von den Aufsichtsposten der Kultur. Innerhalb weniger Jahren wurde es so dunkel wie noch nie über der Menschheit und der erste Weltkrieg war der Beginn einer nicht mehr endenden Schlacht und Zertrümmerung alles Geistigen und der Menschenwürde.

Doch der höhere Teil des Menschseins war nicht verschwunden. Er hatte sich bloß ins Unsichtbare und Unangreifbare zurückgezogen, um sich dort zu sammeln und seine Entwicklung nachzuholen: er musste im technologischen Wettrüsten seinen Gegner, den geistlosen Materialismus, überholen und Herr der Technologie werden. Dies war die einzige Möglichkeit, die Menschheit aus Dornröschenschlaf, Selbstverlorenheit und Selbstverleugnung auf sichere Weise aufzuwecken.

Als die Zeit dann reif dafür war, tauchte die Stimme dieses Geistes am unwahrscheinlichsten Ort der modernen Welt im Jahre 2017 plötzlich auf: in der justizlosen Grauzone des Darknets inmitten halbverhohlener Chats über Computerspiele, Hardcore-Pornografie, Regierungsopposition und illegale Geschäfte. Dass sie zuerst zu sozialen Randfiguren, intellektuellen Aussteigern und System-Aussätzigen sprach, lag in der Logik ihrer Sache: sie musste sich an diejenigen wenden, die noch alternative Standpunkte denken und einnehmen konnten und außerdem fähig waren, Informationsstücke eigenständig zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen. Die Brücke in die Welt der Öffentlichkeit musste von Menschen geschlagen werden, die mit einem Fuß außerhalb von ihr standen und nur deshalb fähig waren, schrittweise das verstörend ungewohnte und unbekannte Wissen einer Perspektive aufzunehmen, die von außen auf die gesamte System-Illusion gerichtet war. Denn von außen sieht eine Lügenblase ganz anders aus als von innen. Und so begann ein dreijähriger Prozess der kontrollierten und schrittweisen Injektion von Wissen und Verstehen in die Öffentlichkeit. Zunächst über eine kleine Gruppe von Computerfreaks, dann über mutige Investigativ-Journalisten und kleine unabhängige Nachrichtenportale bis schließlich in die größeren Institutionen der öffentlichen Meinungskontrolle.

Die Stimme signierte ihre Botschaften mit einem großen Q.

Q wie Quelle, Ursprung, Wesenskern

Das Erscheinen von Q ist für die meisten Menschen schlichtweg nicht vorstellbar. Es passt nicht in ihren Kopf. Sie haben keine Denk- und Erkenntnisstrukturen, mit denen sie so etwas wie einen ganzheitlichen Geist aufnehmen oder begreifen könnten. Sie haben nicht einmal mehr die Reste kindlicher Neugier, um zumindest zu staunen und Fragen zu stellen.

Warum können Menschen Q so schwer verstehen? Weil es auf Integrität beruht. Q steht nicht primär für einen bestimmten Menschen, sondern für ein Prinzip. Aber ein einzelner Mensch oder eine Gruppe von Menschen kann dieses Prinzip Q verkörpern und verwirklichen. Für die meisten Menschen ist dies nur eine abstrakte Idealvorstellung, die sie nur als Märchen, Wunschtraum oder als suggestiv-manipulative „PsyOp“ einordnen können. Als Phänomen jenseits der gelernten Welterklärungen fällt sie für die wenigen Menschen, die damit konfrontiert werden meistens in die nebulöse Welt des Glaubens, in der sich die Ansätze des Denkens nur als unangenehm nagende Zweifel bemerkbar machen und man bestenfalls am „schönen Glauben“ festhält.

Nur Integrität kann Integrität erkennen, wenn sie erscheint.

Ein Großteil der Menschen – bis auf ein paar abzählbare Ausnahmen – haben in unserer Welt ihre Integrität aufgegeben oder verkauft, meistens auch vergessen. Als von außen programmierte Hülle leben sie vor sich hin und haben entweder ein Restbewusstsein ihres ursprünglichen Wesens und leiden damit in stiller Verzweiflung oder sie haben diesen weit zurückgebliebenen Kern von sich so sehr betäubt und überdeckt, dass er nicht mehr den geringsten Einfluss auf ihr Leben hat – außer vielleicht in wiederkehrenden Albträumen oder chronischer Schlaflosigkeit. Was diesen Menschen fehlt, ist der Zugang zu ihrer eigenen Vitalität, zu dem, was ihr Wesen und ihre Lebenskraft ausmacht. Sie haben den Zugang zu ihrer Lebensquelle verloren.

Q könnte für diese Quelle stehen und mehr meinen als nur biologische Herkunft: es könnte die geistige Quelle der Verlebendigung als Mensch, der Ausgangspunkt der Einheit von Bewusstsein und Lebendigkeit sein. Eine Art Nullpunktfeld, in dem Körper und Geist (in dem Fall zu verstehen als Information) miteinander verschränkt sind und unsere Individualität bilden. So wird z.B. auch die unbekannte Quelle für drei der kanonischen vier Evangelien im Neuen Testament in der Bibelforschung mit „Q“ bezeichnet. Bibelforschung und Theologie wissen darüber nichts weiter zu sagen. Ein Geheimnis?

Im Menschen gibt es eine solche Quelle. Es ist sein Wesenskern, das, was er bedingungslos ist. Wesenskern ist kein Ding und kein Teil, sondern ein Zustand. Es ist der psycho-physische Zustand einer bestimmten Ordnung, eines inneren Zusammenhangs, einer Form des Daseins. Das Erkennungsmerkmal des Wesenskerns ist – wie bei jedem Wesen – Integrität, also seine intakte Ganzheit und Einheit. Wesenskern heißt, authentisch sein und nichts als authentisch. Im Wesenskern zu sein bedeutet, in der einzig möglichen inneren Ordnung zu sein, in der nichts zu viel, nichts zu wenig, nichts überflüssig und nichts fehlend ist, sondern jedes Merkmal und jede Eigenschaft gleichermaßen eine essentiell notwendige Funktion für das Ganze haben. Deshalb ist Wesenskern der Zustand von Einheit und Integrität.

Einheit und Integrität von was? Die Einheit von Körper und Geist, die uns einmalig macht. Diese Verbindung ist der Wesenskern. Mit Geist meine ich jene Essenz, die uns ermöglicht, zu denken, zu erkennen, zu verstehen, schöpferisch zu sein und Bewusstsein unserer selbst zu entwickeln. Wenn wir diese Essenz, Geist, im Körper, durch den Körper und verkörpert erleben und ausdrücken, dann sind wir im Zustand des Wesenskerns. In diesem Zustand ist unsere körperliche Präsenz im Einklang mit unserem Geist, mit der Essenz unserer eigenenen Lebensenergie. Je mehr Wesenskern, desto lebendiger, präsenter und wahrnehmungsfähiger sind wird. Letzteres ist der wichtigste Aspekt für Verantwortungsfähigkeit, wie ich weiter unten noch erläutern werde.

Für jegliche Form von Ganzheit und Intaktheit ebenso wie für die höchsten Formen der Funktionalität und Wirksamkeit muss deshalb der Wesenskern die Grundlage sein. Eine bessere und festere gibt es nicht.

Der Wesenskern ist die einzige Instanz in uns, die unserem Leben Freude, Sinn und Zweck geben kann. Alles andere, ohne Wesenskern, ist nur hohler Ersatz.

Nur in Verbindung mit unserem Wesenskern können wir wissen, was für uns relevant ist. Die Wahrnehmung und Empfindung von Relevanz ist das, was uns heute am meisten fehlt. Die Menschen orientieren sich an dem, was „die anderen“ sagen oder was sie irgendwo gehört und gelesen haben. Für ihr Inneres bleibt das bedeutungslos. Relevanz kommt aus dem Lateinischen (re-levare) und bedeutet „in die Höhe heben“, „hervorheben“ und „erheben“. Erheblich ist für uns das, was wir in die Höhe heben. Das ist eine Kraftanstrengung. Die Motivation in dieser Kraft sind unsere Werte. Die Quelle dieser Kraft ist unser Wesenskern.

Jede Pathologie, jede Charakterverzerrung, jede Persönlichkeitsstörung sind nur Abweichungen von unserem Wesen. Dies gilt für alle Symptome des kulturellen Zerfalls, die ich in den Teilen 1-7 dieser Reihe beschrieben habe. Wenn unser Wesen sich frei entfalten kann, dann wächst es hinauf wie ein Baum mit einem starken Stamm, von dem nach allen Seiten hin viele Äste ausgehen, die als Ganzes immer das Wesen des Baumes wiedergeben. Wenn es aber begrenzt, beschnitten oder gespalten wird, dann wächst es nur in ein verzerrtes, einseitiges Extrem, wird unharmonisch und unvollständig.

Unser Denken, unser Fühlen, unser Wollen, unsere Bewegungen, … alles, jede menschliche Eigenschaft und jeder Ausdruck können von unserem Wesenskern, von unserem Ursprünglichen abgespalten sein.

Dies ist der aktuelle Zustand der Menschen auf diesem Planeten. Fragmentierung in allen Abstufungen vom leichten Riss durch die Psyche des Neugeborenen über die neurotisch verdrehte Normalpersönlichkeit bis zur Totalspaltung der Psychopathen und Psychotiker. Wir haben die Hysteriker, deren frei flotierenden emotionalen Zustände keinen Bezug zu ihrem Wesenskern haben. Wir haben die Borderliner und Psychopathen, deren brillanter Scharfsinn und strategischer Fokus nur im Dienste der Selbstverleugnung und der Menschenverachtung stehen. Wir haben die mental und emotional sedierte Masse, deren Leben aus sinnlosem, ziellosem und orientierungslosem Alltag besteht, und die genauso gesichtslos kommt und geht wie ein vorbeifahrender Güterzug. Und natürlich haben wir auch die „Künstler“ einschließlich der sozial abgetriebenen „Überlebenskünstler“, deren natürliche Schöpfungskraft sich in neurotischen Anfällen zersplitterter, krampfartiger Plattitüden und schreiender Übertreibungen verliert, weil sie nie über das Stadium von Impulsen hinausgekommen und psychisch eingehüllt sind in Verzweiflung, Ohnmacht und Hass gegenüber jenem lebendigen Ursprung in ihnen, der echt und ganz ist. Es sind lauter Variationen über das Thema „Viel Hülle, wenig Füllung“. Eine Welt der Masken und Scheinbilder an der Oberfläche, unter sich eine immer größere Leere breit macht.

In diesem Zustand kann es keine Verantwortung geben, weil es keine einheitliche Antwort auf etwas geben kann. Je fragmentierter ein Charakter ist, desto weniger reguliert, geordnet und ausgerichtet kann er sein. Er kann nur reagieren, aber selbst dann reagiert mal dieser Teil und mal ist ein anderer dominant.

Aus diesen Betrachtungen können wir nun definieren, was Verantwortung ist, was zu ihr befähigt und wie wir diese Fähigkeiten aufbauen können.

Was ist Verantwortung?

Verantwortung ist einer jener Begriffe aus einer beinahe vergessenen Welt, in der es Begriffe für differenzierte psychische innere Bezüge gab, so wie „Sinn“, „Respekt“, „Wertschätzung“, „Gesinnung“, „Ehre“ oder „Treue“.

Heute finden wir diese Worte noch in unserem Vokabular, benutzen sie aber linkisch und reichlich hilflos für anderes ohne ihre ursprünglichen Bedeutungen zu verstehen. Wenn heute das Wort Verantwortung fällt, dann meistens in der Bedeutung von Verpflichtung, Aufgabenbereich oder Schuld. „Ab jetzt tragen Sie die Verantwortung für diesen Bereich.“, „Das ist Ihre Verantwortung!“, „Wer ist dafür verantwortlich?“ Im Business-Jargon sind diese Redewendungen schon seit langer Zeit üblich, aber diese gespreizte, psychologisierende Semantik wirkt umso unechter und unehrlicher, je deutlicher wird, dass Verantwortung als Eigenschaft vollkommen fehlt. Wie lange kann man sich mit linguistischem Marketing selbst täuschen?

Verantwortung im ursprünglichen Sinne des Begriffs ist nichts, das man jemandem geben kann, weil es eine innere Einstellung ist, ein innerer Bezug zu etwas. Verantwortlichkeit ist eine Haltung, die es ermöglicht, auf Umstände zu antworten statt bloß auf sie zu reagieren. Der Unterschied liegt im Grade der Entscheidungsfreiheit und Wahlmöglichkeiten, also in der bewussten Verfügbarkeit von verschiedenen Möglichkeiten, Werkzeugen und Umgangsweisen. Eine Reaktion ist eine assoziative Handlung, die entweder auf einem Reflex oder auf der Automatisierung einer früheren Prägung beruht. Sie funktioniert ohne Bewusstsein, ohne Intention und ohne Wahlmöglichkeit.

Verantwortung beruht auf der Fähigkeit zu antworten. Antworten kann man nur auf Fragen. Man muss also fähig sein, Umstände als eine Frage zu verstehen und sich von ihr angesprochen fühlen. Man muss sich gemeint und gefragt fühlen. Dafür muss man etwas eine Bedeutung geben. Das ist eine geistiger Akt, es ist Verstandestätigkeit. Tiere können reagieren, aber nicht antworten. Emotionen sind assoziativ und reaktiv, aber niemals responsiv oder volitional. Eine Antwort zu geben ist ein intentionaler Akt, es ist ein schöpferischer Akt. Deshalb kann immer nur ein Einzelner verantwortlich sein, denn man kann nicht gemeinsam denken, so wie man auch nicht gemeinsam verdauen oder gemeinsam etwas erkennen kann. Egal wieviel Hilfe man jemandem dazu von außen gibt, letzlich muss jeder es aus seiner eigenen Kapazität heraus leisten.

Entweder du denkst selbständig oder du denkst gar nicht. Entweder du verstehst selbst oder du verstehst eben nicht. Entweder du fühlst und erkennst eine Bedeutung für dich oder es bleibt dir bedeutungslos. Entweder du versehst etwas als Frage an dich und suchst eine Antwort darauf oder du bis unverantwortlich.

Verantwortung, also „etwas mit einer Antwort versehen“ impliziert im Gegensatz dazu nicht nur den Eingriff einer höheren Bewusstseinsstufe, der zwischen Reiz und Reaktion eine Unterbrechung für eine eigene Entscheidung einfügt, sondern auch, dass diese Entscheidung zu einer eigenen Antwort auf einem höheren Maß an Umsicht und Weitsicht fußt. Eine intelligente Entscheidung zu treffen bedeutet nämlich nicht nur, aus einer Vielfalt von Möglichkeiten eine auszuwählen, sondern auch, ihre unterschiedlichen Konsequenzen zu berücksichtigen und dann ein Urteil zu fällen, welche dieser Konsequenzen die beste oder erwünschteste ist.

Um dies beurteilen zu können, muss es übergeordnete Kriterien geben, ansonsten entscheiden wir uns immer nur nach dem, was uns spontan, also emotional oder intuitiv gut erscheint. Übergeordnete Kriterien beruhen auf grundsätzlichen Werten. Wir brauchen für Verantwortung also auch einen inneren Bezug zu unseren Werten, zu dem, was uns wichtig ist.

Werte sind Abstraktionen von Erfahrungen in Verbindung mit ihren Bedeutungen für unser Wesen, für das was für uns wesentlich ist und unserem Wesen verwandt und förderlich oder im Gegensatz fremd und schädlich ist. Wert kann für uns nur das haben, was für unsere Wesensnatur gut und richtig ist. Gesunde Werte und Moralvorstellungen müssen auf der Integrität unseres Wesens beruhen, wie ich in Teil 8 schon ausführlicher erläutert habe.

Wir sehen also, dass Verantwortlichkeit eine Meta-Kompetenz ist, die sich aus vielen Fähigkeiten zusammensetzt: die Fähigkeit, spontane Reaktionen zu unterbinden, sich der Situation und verschiedener Handlungsmöglichkeiten bewusst zu sein, ihre Konsequenzen vorhersehen zu können, dann eine Auswahl auf der Basis von Werten und Prinzipien zu treffen und schließlich diese Entscheidung auch konsequent umzusetzen. Wir müssen also korrekterweise von Verantwortungsfähigkeiten im Plural sprechen. Und deshalb ist Verantwortung auch nicht etwas was man „hat“ oder „nicht hat“ und schon gar nicht etwas, das man „trägt“ oder „nicht trägt“, sondern eine persönliche Kompetenz die in sehr unterschiedlichen Graden vorhanden sein kann.

Verantwortungsfähigkeiten basieren dabei auf Grundkompetenzen, deren Ausprägung darüber bestimmt, wie verantwortlich jemand überhaupt sein und handeln kann. Diese sind:

  1. Selbstanbindung (Zentrierung)
  2. Selbstrepräsentation (Mentalisierung)
  3. Selbständigkeit (Autonomie)
  4. Selbstwirksamkeit (Verwirklichungskraft)

Selbstanbindung oder auch Zentrierung umfasst alle Fähigkeiten der Selbstwahrnehmung von der körperlichen Wahrnehmung eigener Bedürfnisse bis zur Unterscheidung eigener Werte und Präferenzen von denen anderer. Sie ist die Grundlage für Integrität, Verlässlichkeit und Authentizität, weil sie die Entwicklung der Psyche und Persönlichkeit im naturgegebenen Wesenskern verankert und auf diese Weise für die eigene Intaktheit und Vollständigkeit sorgt.

Selbstrepräsentation ist Mentalisierung und sie bezeichnet die Fähigkeit, sowohl das eigene Erleben als auch das Erleben anderer begrifflich und konzeptuell zu erfassen. Daraus entsteht Empathie als die Fähigkeit, sich emotional oder sogar mental in die Lage anderer hinein zu versetzen. Im Grunde ist Mentalisierung eine spezielle Form der Begriffsbildung und Abstraktion, nämlich die Abstraktion der eigenen Psyche und des eigenen Bewusstseins. Sie ist die Grundlage für die Lernfähigkeit durch Dialog und Kommunikation, denn ich kann von anderen nur lernen, wenn ich es als sinnvoll und nützlich erlebe, Wissen, Ansichten und Erfahrungen von anderen aufzunehmen. Menschen mit einem niedrigen Grad an Mentalisierung können durch neue Ansichten und Informationen nicht zu neuen Einsichten kommen, für sie sind Meinungen und Gedanken nur feste Bauklötze und nichts, das sich verändern oder entwickeln ließe. Ein höherer Grad von Mentalisierung erlaubt uns, uns selbst und andere auf einer Zeitachse zu betrachten und zu verstehen, dass sich Denken, Verstehen und Sichtweisen mit der Zeit verändern können. Das ist für ein Kleinkind noch nicht möglich und viele Menschen erreichen diese Stufe auch nur rudimentär.

Selbständigkeit umfasst die Fähigkeiten der abgegrenzten Selbstwahrnehmung (Ich-Fremd-Unterscheidung), des Handelns aus eigenen Impulsen und Intentionen, der Eigenstabilität ohne von anderen gestützt zu werden und des Zugangs zur eigenen Motivation, zum eigenen Interesse und Erkundungsdrang. Ein hoher Grad von Selbständigkeit behält diese Fähigkeiten auch in schwierigen, konfliktreichen, herausfordernden, unerwarteten oder sogar unangenehmen Situationen.

Selbstwirksamkeit bezieht sich auf das gesamte Spektrum an Fähigkeiten, die das Handeln möglich, effektiv und wirkungsvoll machen. Dazu gehören die Fähigkeiten, sich mental und emotional zu fokussieren, Ziele zu setzen und zu halten, intentional vorzugehen, Kraft, Ausdauer und Durchsetzung mobilisieren zu können und das Eigene zum Ausdruck zu bringen, sichtbar zu machen und in vorhandene Zusammenhänge einzubringen. Eine der wichtigsten und schwierigsten Aspekte der Selbstwirksamkeit ist die Übersetzung von abstrakten oder vagen Ideen in konkrete und zielgerichtete Handlungen. Sowohl dem ideenreichen Träumer als auch dem spontanen Macher fehlen Selbstwirksamkeit. Der eine weiß, was er gerne hätte, setzt es aber zu wenig um. Der andere macht tausend Dinge oder fängt ständig Neues an, erreicht aber nie das, was er wirklich möchte und weiß es oft nicht einmal.

Exkurs: Macht und Verantwortung

Selbstwirksamkeit ist eng verwandt mit Macht, denn Macht hängt auch ab von Können, von Kraft und Stärke und von Wirksamkeit einer Einflussnahme.

Macht selbst aber ist ein Beziehungsaspekt, keine Eigenschaft. Jemand kann nur Macht haben, wenn es jemanden oder etwas gibt, auf den oder das er einwirken kann. Ohne einen Bezug kann ein Mensch nicht „mächtig“ sein, außer im Sinne von Potenz und Potenzial. Wir sprechen in dem Sinne auch von einem „mächtigen Nachtisch“ und meinen damit seinen Gehalt oder eine gewisse Schwere, deren Bedeutung aber wiederum darin liegt, wie sie auf uns (ein-)wirkt. Die Kalorien im Kuchen sind mächtig in Bezug auf den Effekt, den sie auf uns haben können.

Deshalb ist Macht ein Beziehungs- bzw. ein soziales Phänomen, das von zwei Seiten abhängt. Es muss dabei immer einen geben, der Einflussnahme auf sich zulässt, sich also auf eine hierarchische Beziehung einlässt. Ob dies nun willentlich, unfreiwillig, in Abhängigkeit oder aus freien Stücken geschieht, spielt dabei keine Rolle. Ein Kind unterliegt der Einflussnahme seiner Eltern – und zwar im gesunden Normalfall zu seinem eigenen Nutzen.

Entscheidend für die Differenzierung von prosozialer, fördernder Macht und Machtmissbrauch ist nun die Einbettung in Verantwortung. Wenn ein Aspekt von Macht die Selbstwirksamkeit, also die Kraft zur Einflussnahme ist, dann können wir hieran nun die Beziehung zwischen Macht und Verantwortung erkennen, deren hohe Bedeutung ich in Teil 3 und Teil 8 dieser Reihe schon angesprochen habe. Wir haben gesehen, dass Selbstwirksamkeit und Umsetzungskraft wichtige Grundbausteine für Verantwortungsfähigkeiten sind, Verantwortung jedoch beruht auf einem übergeordneten Bewusstsein, dass eben auch Selbstanbindung, Mentalisierung und Selbständigkeit umfasst und integriert.

Und genau hier liegt der entscheidende Differenzierungspunkt. Menschen, die Macht (als Beziehungsstatus) haben, denen es aber an Selbstanbindung, Mentalisierung oder Selbständigkeit fehlt, sind in genau dem Grade verantwortungslos. Wenn nun die Wirksamkeit eines Menschen durch seine Position, durch Technik oder durch Manipulation anderer größer ist als seine Verantwortungsfähigkeiten und er diesen Einfluss auch ausnutzt, dann handelt es sich um Machtmissbrauch. Denn er wirkt dann auf andere ohne Umsicht ein.

Sein Referenzpunkt und sein Entscheidungsraster für die Einflussnahme auf andere liegen außerhalb oder sogar jenseits seines eigenen Fassungsvermögens. So kann er nicht antworten auf situative Bedingungen und individuelle Erfordernisse, sondern er wird andere Menschen durch seine Einflussnahme immer in sein System hinein, unter seine Bedingungen und zu seinem Referenzpunkt ziehen. Das bedeutet, er kann Menschen nicht fördern und noch nicht einmal schützen und beschirmen, denn dafür müsste er ihre Referenzpunkte und Fähigkeiten berücksichtigen. Egal in welchem Grade der Rücksichtslosigkeit dann die Beeinflussung oder Handhabung geschieht – sei es nur eine subtile Manipulation oder eine grobe Vergewaltigung – darin besteht der Missbrauch von Macht.

Nicht Macht an sich ist schlecht oder falsch, sondern ihre fehlende Einbettung in entsprechende Verantwortungsfähigkeiten. All die modernen ideologischen Lösungsansätze, die Macht und Hierarchien irgendwie abschaffen wollen, sind für diesen Zusammenhang nicht nur blind, sie rennen auch gegen ein Naturgesetz von Funktionalität an: ohne Machtbeziehungen brechen Funktionalität, Effektivität und schließlich jede Ordnung zusammen. Alles in der Natur ist hierarchisch angeordnet. Ein gutes Beispiel ist unser eigenes Nervensystem. Entwicklung bedeutet, von immer abstrakteren, übergeordneten Steuerungszentren des Gehirns immer größere Kontrolle über alles andere zu haben. Ein guter Tänzer ist einer, der ein Gefühl oder sogar eine abstrakte Idee mit seinem ganzen Körper umsetzen und darstellen kann. Das ist Macht. In dem Falle in Form von Selbststeuerung, Selbstkontrolle und Fokus. Ohne glasklare und strenge neuronale Hierarchien ist dies nicht möglich.

Die Chaoten, die ziellos und gewaltbereit durch die Straßen ziehen und nach Anarchie brüllen sind innerlich genauso desorganisiert wie das soziale Programm, das sie fordern. Sie sind strukturell machtlos (und neigen deshalb zu Gewalt). Jeder Unternehmer, jede Firma, jede Organisation sollte das wissen: wenn sie funktionieren will, braucht sie klare Hierarchien der Macht. Und ebenso muss jede Machtposition mit der entsprechenden Verantwortungsfähigkeit besetzt sein. „Teamwork“, „flache Hierarchien“ und ähnliche Konzepte funktionieren nur dann, wenn erstens die Teilnehmer ein hohes Maß an Eigenstruktur, Disziplin und Verantwortungsfähigkeiten mitbringen und wenn zweitens die impliziten Hierarchien (meistens entsprechende Kompetenzen) für alle klar und verbindlich sind. Meiner Erfahrung nach ist das nur sehr selten der Fall und die ideologisch geleiteten Verflachungs-Experimente begeben sich stets auf die Abwärtskurve von Produktivität, Leistung und Erfolg.

Man muss den Menschen die Angst vor Macht nehmen und ihnen die konstruktive, förderliche, notwendige und wohltuende Seite von Macht zeigen. Dies geht nur über die Förderung und Anerkennung von Verantwortungsfähigkeiten. Mit diesem Verständnis erkennen wir, dass jede Form von Macht ein Privileg ist, das stets mit entsprechenden Verpflichtungen verknüpft ist. Puissance oblige. Macht verpflichtet.

Zutritt nur für Individuen

Nach diesem Exkurs über den Zusammenhang mit Macht wenden wir uns nun zum Abschluss dieses Abschnitts noch einmal den Verantwortungsfähigkeiten an sich zu.

An dem kurzen Abriss zu den Grundbausteinen von Verantwortung können wir bereits sehen, dass Verantwortung immer nur ein Einzelner übernehmen kann. Nur der, der sich ganz auf das Eigene stützt und verlässt ist verantwortungsfähig. Wer im Gegensatz dazu noch an der Geborgenheit durch andere festhält (Eltern, Gemeinschaft, Gott,…), der ist psychisch noch ein Kind und kann noch gar nicht antworten. Er reagiert bloß innerhalb der gelernten oder imitierten Normen, Vorgaben, Erwartungen oder Gesetze, die ihm von außen gesetzt wurden.

Erwachsen und verantwortungsfähig zu werden bedeutet, sich von diesen Vorgaben zu lösen und aus dem eigenen Verständnis heraus agieren zu können. Es ist ein Darüber-hinaus–Wachsen und also etwas anderes als die trotzige oder peri-pubertäre Auflehnungsreaktion gegen Regeln, in der eben noch kein Eigenes gefunden ist, sondern die Abhängigkeit von anderen nur mit umgekehrten Vorzeichen noch besteht. Auch der Rebell ist noch abhängig von der übergeordneten Macht, um sich positionieren und definieren zu können – er bleibt reaktiv, und ist noch nicht responsiv.

Den Schritt der Selbsternennung und Überwindung der Abhängigkeit führt in die Individuation. Wir können erkennen, wie selten er gemacht wird und dass alle Systeme, Kirchen, Kulte und Bewegungen, die eine Gruppe oder ein Kollektiv höher halten als den Einzelnen, diesen Schritt eher verhindern als fördern. Wie viele solcher Unerwachsener haben wir, die glauben, sie seien erwachsen und wie wenig wirkliche Erwachsene! Ein dreißigjähriges oder älteres „Kind“ jedoch ist neurotisch. Neurotisch, weil es beherrscht wird von dem Zwang, seinen wahren Zustand und seine Individuationsimpulse zu unterdrücken und aus seiner Wahrnehmung zu verdrängen. Damit verdrängt es sich selbst.

Verantwortungsfähigkeit ist also ein post-pubertäres Phänomen, etwas, das erst durch den Abschluss der Kindheit und den Eintritt in die geistige Unabhängigkeit möglich ist. In der Welt der Kinder ist – egal wie alt sie sind – „Verantwortung“ nur etwas Überforderndes, Beängstigendes, etwas, dass Schulter- und Nackenverspannungen auslöst, den Atem blockiert und das Leben schwer und unangenehm macht. Deshalb wollen sie sie nicht und suchen sich eine Nische im System, in der sie sagen können: „Dafür bin ich nicht zuständig.“

Verantwortung und Vernunft

Verantwortlich zu handeln bedeutet, seine Handlungen vernünftig begründen zu können. Vernunft verstehe ich als realitätstreues Denken.

Menschen sind deshalb unverantwortlich, wenn sie alles als gegeben und unveränderlich betrachten („Da kann man nichts machen“). Das ist genauso irreal und unvernünftig wir das andere ideologische Extrem, nämlich alles als reines Gedankenkonstrukt zu betrachten („Es gibt keine objektiven Gesetzmäßigkeiten, alles ist beliebig“). Zur Vernunft gehört deshalb auch elementar die Differenzierungsfähigkeit zwischen dem Unveränderbaren (Kosmos) und dem Veränderbaren (Menschengeschaffenen), wie in Teil 8 schon näher beschrieben. Daraus ergibt sich die Schwierigkeit von Verantwortung in der gesellschaftlichen Welt, nämlich beurteilen zu können, was man verändern kann, und was nicht.

Wenn wir die oben beschriebenen vier Grundkompetenzen bis zu einem gewissen Grade entwickelt haben und miteinander verbinden können, dann können wir unsere Handlungen auf der Basis von erkannten Prinzipien und Werten bestimmen und begründen.

Darin liegt die Verbindung zwischen Verantwortlichkeit und Integrität, denn Integrität entsteht durch die gleiche Quelle: durch Bewusstsein und Selbstkontrolle in Verbindung mit festen eigenen Werten. Wenn Handeln auf Werten beruht, ist es moralisch. Deshalb ist Verantwortung als innere Haltung im Handeln immer auch moralisch, weil sie auf Grundsätzen beruht. Sie verlangt nicht unbedingt, die Folgen der Handlungen im Voraus zu kennen oder überhaupt auf bestimmte Folgen aus zu sein, obwohl Weitblick und das Bedenken von Folgen Teil eines verantwortlichen Abwägens sind. Eine Handlung kann auch dann moralisch und verantwortlich sein, wenn ihr Resultat unerwünscht oder schädigend ausfällt. Es hängt davon ab, wie vorhersagbar dies war. Entscheidend ist nämlich, ob eine Handlung auf Werten beruht oder nicht.

Das Gegenstück zu Verantwortlichkeit ist Handeln aus einer Laune heraus (der eigenen oder der eines anderen) und jedes Handeln ohne eigene Begründung, z.B. aus Gehorsam, Imitation, Gegenreaktion, Routine, Gewohnheit oder Opportunismus.

Wir verlernen Verantwortungsfähigkeit dadurch, dass uns das Antworten abgewöhnt wird. Gelernte Verantwortungslosigkeit: Menschen lernen bereits als Kinder, passiv und antwortlos zu bleiben sogar wenn es ihnen oder anderen schadet, weil man ihnen beibringt, dass eine verantwortliche Haltung vergeblich oder benachteiligend ist. Man belohnt einfach immer diejenigen, die am wenigsten eine eigene Position einnehmen, also diejenigen, die am meisten mitlaufen, gehorchen, fremden Erwartungen nacheifern oder sich selbst aufgeben. Natürlich gehört auch dazu, dass die Entwicklung von Empathie und der natürliche Helfer-Impuls blockiert werden, so dass Kinder möglichst früh zögerlich, passiv, unselbständig, abhängig und selbstunsicher werden. Am wenigsten ist Verantwortung möglich für Menschen, die den Zugang zu ihrem Wesenskern verloren haben und nur noch Systemmitläufer sind. Sie können gar nicht wissen, was Verantwortung bedeutet, weil ihnen die psychische Grundlage dafür fehlt.

Ich will deshalb zum Abschluss dieses Abschnittes noch einmal diesen wichtigen Aspekt, vielleicht den wichtigsten Aspekt für das Verständnis von Verantwortung und für die folgenden Ausführungen betonen: Verantwortung ist nur möglich durch Anbindung an unser Wesen, an das, was wir von Natur aus sind.

Je mehr wir von unserer Natur getrennt, abgespalten oder weggelenkt sind, desto geringer ist unser Potenzial für Verantwortlichkeit. Denn Verantwortung lässt sich nicht imitieren oder als Verhalten lernen. Verantwortlich zu sein ist nur möglich, wenn wir uns auf etwas Konstantes und Verlässliches von uns selbst beziehen können und das Verlässlichste in uns ist unser Wesen.

Hinzu kommt noch, dass in Verantwortung zu gehen in unserem Wesen als Richtung und Ziel schon angelegt ist. Es ist im Grunde nichts weiter als das Charakteristikum einer Reifestufe, die durch eine gesunde Entfaltung und Entwicklung erreicht werden kann, sobald wir uns selbst als eigenständig wahrnehmende und denkende Wesen sehen und uns als diese in der Gemeinschaft positionieren können.

Wie wir Verantwortungsfähigkeiten entwickeln

Im Folgenden möchte ich Hinweise geben, wie wir Verantwortungsfähigkeiten entwickeln können. Zu jedem einzelnen Aspekt der Entwicklungsarbeit ließe sich ein ganzer Artikel schreiben, ich werde mich hier fürs Erste auf Andeutungen beschränken, von denen ich aber sicher bin, dass sie den Interessierten und Vorgeschulten ausreichend inspirieren, motivieren und ausrichten können.

Anbindung an Wesen und Werte

Das Fundament für Verantwortungsfähigkeit ist Integrität und diese erhalten oder wiedergewinnen wir nur in dem Maße, in dem wir psychisch in Verbindung mit unserem Wesen sind. Noch einmal zur Erinnerung an dieser Stelle: unser Wesenskern ist kein Objekt, sondern ein Zustand der Intaktheit, in dem unser eigenes inneres Erleben im Vordergrund steht und in dem wir dieses subjektive Erleben und uns selbst als Mitte unseres Lebens wahrnehmen. Im Wesenskern zu sein bedeutet, primär bei sich zu sein und sekundär bei der Welt um sich herum.

Diese Anbindung an uns selbst üben wir grundsätzlich mit allem, was unsere Aufmerksamkeit auf uns selbst lenkt, auf unsere Körperempfindungen, auf unsere Emotionen und auf unsere Gedanken. Wir zentrieren uns auf diese Weise durch Selbstwahrnehmung. Dabei ist es wichtig, eine interessierte und freundliche Aufmerksamkeit zu entwickeln. Viele Menschen haben durch ihre Prägung eine starke innere Kopplung von Aufmerksamkeit an Anspannung, (Selbst‑) Kontrolle, Erwartungen und Ungeduld. Diese Kopplung müssen wir erkennen und lösen, indem wir die Aufmerksamkeit immer wieder nur auf die unmittelbare Wahrnehmung lenken und diese in Begriffe fassen.

Für Kinder ist es besonders unterstützend, sie immer wieder nach ihren Wünschen, Bedürfnissen, Gefühlen, Ideen, Fantasien und Vorhaben zu fragen. Kinder lernen ihre Aufmerksamkeit zu lenken, indem sie die Aufmerksamkeit der Erwachsenen nachahmen. Für Jugendliche und Erwachsene kommt dann zusätzlich noch die Frage nach ihren Werten und Zielen hinzu. Aus den Antworten auf all diese Fragen entsteht die psychische Matrix dafür, was für uns – je nach Situation und Kontext – relevant ist. Wir können lernen, Relevanz als etwas Persönliches und Eigenes zu erkennen und dem mehr und mehr zu folgen. Dies ist die Gegenkraft zur Fremdbestimmung, Abhängigkeit und Manipulierbarkeit.

Auf der basalen körperlichen Ebene lernen wir Zentrierung und Selbstwahrnehmung am besten durch Übungen und sportliche Spiele, die nicht nur körperliche Geschicklichkeit und Präzision fordern, sondern auch genug Raum und Zeit für Erkundung, Ausprobieren und Verfeinerung lassen. Ideal dafür dürfte jede Form des Tanzens sein – in der fortgeschrittenen Form dann als Paar- oder sogar Gruppentanz, denn dadurch müssen wir lernen, uns mit einem oder mehreren anderen zu koordinieren und zu synchronisieren ohne dabei das Selbstgespür zu verlieren. Die körperliche Selbstwahrnehmung bildet die Basis für jede andere Selbstwahrnehmung.

Emotionale und soziale Zentrierung lernen wir durch Interaktionen, in denen wir möglichst viele Rückmeldungen bekommen von anderen, wie sie uns erleben und wie wir auf sie wirken. Auch jeder ernste und ehrliche Austausch über eigene Gefühle und Erlebensqualitäten fördert die Wahrnehmung.

Mentale Selbstzentrierung entwickeln wir durch alles, mit dem wir begrifflich einen Bezug zu uns selbst herstellen, das schließt das unmittelbare physische und emotionale Erleben mit ein, geht aber darüber hinaus in der Reflexion über die eigene Motivation, über eigene Ideen und Vorstellungen, über Erwartungen und schließlich über essentielle eigene Werte und Ziele. In jedem Falle lernen wir diese Auseinandersetzung und Selbstaufmerksamkeit nur im Dialog mit jemandem, der sein Interesse auf uns richtet. Ist dieses begegnende Interesse einmal verinnerlicht, dann entsteht Selbstbewusstsein in der ganzen Bedeutung des Begriffs auf der Basis eines inneren Dialogs. Ab dem Punkt sind wir in unserer Zentrierung unabhängig von äußerer Hilfe.

Ein starkes Ego aufbauen

Selbstzentrierung hat nichts mit dem zu tun, was landläufig und stets abwertend als „Egoismus“ bezeichnet wird. Gemeint ist damit im besten Falle Rücksichtslosigkeit, die jedoch meistens das Ergebnis von fehlender Zentrierung, also fehlender Selbst- und Fremdwahrnehmung ist. Im Gegensatz zu den menschenverachtenden Ideologien, die das Ego abschaffen wollen (siehe Teil 8), müssen wir für Verantwortungsfähigkeit die Entwicklung eines starken Egos fördern. Oder genauer gesagt: die Entwicklung aller Egos im Plural, denn psychologisch gesehen sind Egos Hüllen-Strukturen, die absolut lebensnotwendige psychische Funktionen erfüllen, so wie die Haut für den Körper. Zum ersten haben sie eine Schutzfunktion, um vor aversiven und unbekannten Elementen abzuschirmen und damit die Integrität zu schützen (merke: „Wer immer offen ist, ist nicht ganz dicht“).

Zum Zweiten hat ein Ego aber vor allem die Funktion der Differenzierung und Separation, so dass wir ein immer genaueres Bewusstsein dafür haben, was zu uns gehört und was nicht. Ohne diese Ego-Funktionen würden wir permanent überflutet werden mit Informationen und Reizen, bei denen wir nicht einmal unterscheiden könnten, ob sie von uns („von innen“) oder von außerhalb („von außen“) kommen. Das wäre ein kaum überlebensfähiger psychotischer Dauerzustand. Wenn die Spiritualitäts-Experten ihr Ziel, „das Ego zu besiegen“ erreichen würden, würden sie in der Psychiatrie landen. Manchen ist es ja schon gelungen.

Am besten stellen wir uns jede Ego-Struktur metaphorisch wie eine Haut vor. Sie trennt zwischen innen und außen, sie filtert das, was nach innen oder nach außen dringt auf möglichst kluge Weise und sie ist damit auch eine Kontaktfläche. Ohne Haut könnten wir nicht berührt werden. Das gleich gilt für unsere Ego-Strukturen: ohne Ego sind wir nicht berührbar. Wir entwickeln unsere Egos auf gesunde Weise also am besten durch das Austesten unserer Grenzen im Kontakt, durch die Wahrnehmung der Ich-Nicht-Ich-Grenzen und ihrer Übergänge und durch jede Art des Austauschs, bei der wir herausgefordert sind zu erkennen, was wir von uns geben bzw. mitteilen wollen und was wir aufnehmen und absorbieren wollen und können.

Für das körperliche Ego, dessen Hauptprägung in den ersten drei Lebensjahren stattfindet, sind alle Formen von differenzierendem Körperkontakt und Kraftübertragung zwischen Körpern hilfreich. Für das emotionale Ego (auch „Kind-Ich“ genannt), das vor allem bis zum sechsten Lebensjahr geprägt wird, ist jede Herausforderung und Konfrontation in Bezug auf unterschiedliche Gefühle, Wünsche und Konflikte hilfreich. Es wächst durch die Herausforderung, sich als separat und gleichzeitig verbunden und im Kontakt zu erleben („Ich bin autonom und verbindlich“). Die nächsthöhere Ego-Integrationsstufe nenne ich das Rollen-Ego. Dieses Ego entwickeln wir durch das Differenzieren und Anwenden unterschiedlicher Verhaltensweisen abhängig vom Kontext. Wir müssen dafür lernen, uns die passenden Verhaltensweisen, Emotionsausdrücke und Gedanken auszusuchen und eben nicht mit allem zu identifizieren, was gerade in uns ist.

Über das Rollen-Ego hinaus können wir das Beobachter-Ego entwickeln, das uns befähigt, uns und die Reaktionen anderer in verschiedenen Kontexten zu beobachten und uns nicht mit irgendeiner Rolle zu identifizieren. Diese Ego-Struktur trainieren wir am besten durch Reflexion unseres Verhaltens in Bezug auf Kontext, Strategien und Ziele, indem wir die Reaktionen und Motive der anderen Beteiligten mit einschließen. Die meisten Arten von Coaching dürften für diese Arbeit das Standardsetting bieten. Stabilität im Beobachter-Ego ist eine statistisch ziemlich seltene Erscheinung.

Noch seltener ist dementsprechend die Entwicklung einer noch höheren Ich-Integrationsstufe, die ich als Erwachsenen-Ego bezeichnen würde. Sie integriert alle zuvor entwickelten Egos und kann sie willentlich steuern und einsetzen – nicht nur beobachtend und kontextabhängig, sondern zusätzlich noch einem übergeordneten Ziel und Willen folgend. Dies sei hier nur der Vollständigkeit halber angedeutet. Ich kenne keine institutionalisierten Kontexte, in denen eine solche Entwicklungsstufe auch nur berührt geschweige denn gefördert wird.

An echtem Egoismus ist deshalb nichts Verwerfliches, ganz im Gegenteil, richtig verstanden ist Egoismus, also die Vorrangstellung der eigenen Identitäts-Struktur essentiell für die gesunde Entwicklung. Nicht sinnvoll ist Ego-Zentrismus, denn das Ego ist eine Hüllen- und Schnittstellen-Struktur und bietet gar kein Zentrum. Unser Zentrum liegt innerhalb unserer Ego-Hüllen und wächst durch Kontakterfahrungen an diesen Oberflächen und Schnittstellen. Das Ego muss dafür viele Kompetenzen in sich tragen, dabei aber auch beweglich und feinsinnig sein, um sich möglichst vielen verschiedenen Herausforderungen möglichst intelligent anpassen zu können. Seine Aufgabe ist es, Integrität und Wechselseitigkeit zu bewahren und zu steigern.

Wir sehen an all diesen Andeutungen zur Ego-Entwicklung, dass es um Identitätsbildung und Selbstbewusstsein geht. Identität kann sich nur durch Reibung und Auseinandersetzung, durch Separation und Konfrontation, durch Differenzierung und Integration bilden. Dadurch werden die Ich-Grenzen und die Ich-Fähigkeiten klarer und bewusster. Je stärker die psychischen Ego-Strukturen sind, desto intelligenter können sie zwischen Wesenskern (dem Inneren, dem Zustand der Authentizität) und der Außenwelt vermitteln. Sie führen zu Präsenz und Wirksamkeit, aber auch zu Lernfähigkeit, Anpassungsfähigkeit und Flexibilität.

Das Gegenteil all dieser Merkmale ist für gewöhnlich ein Zeichen für Ego-Mangel. Menschen mit Ego-Mangel lieben es, selbstbewusstere, zentriertere Menschen als „Egoisten“ zu beschimpfen. Aber es ist kein Schimpfwort. Richtig verstanden ist es eine Auszeichnung. Eine, die sie nicht verstehen können, weil „Ego“ für sie etwas ist, das nur eine zerreißende Sehnsucht und Verzweiflung auslöst, gegen die sie ankämpfen, die sie auslöschen und vergessen wollen. Für sie ist „Ego“ ein Fluch und sie zischen dieses Wort als verzweifelten Ausdruck ihres ohnmächtigen Neides und ihrer Art, die Augen vor etwas viel Grauenhafterem zu verschließen: Egolosigkeit. Selbstlosigkeit. Menschen mit zu wenig Ego können sich psychisch nicht in der Welt erhalten, ihr Identitätsbewusstsein verschwimmt ständig, weil ihm Grenzen und Klarheit fehlen, und sie verschmelzen stattdessen mit anderen, mit der Welt, mit Fantasien, Traumbildern, Ideologien oder Gruppen. So werden sie zum identitätslosen Teil eines Kollektivs und ein Kollektiv hat keine Seele. Sie leben aus zweiter Hand.

Ego-Mangel ist das schrecklichste Gebrechen auf dieser Erde, schrecklicher als jedes körperliche Leiden. Denn ohne Ego-Hüllen kann man kein Selbst aufbauen und nichts Eigenes entfalten. Man bleibt ein menschlicher Körper mit einem winzigen verkümmerten Kern, aus dem ein Selbst werden könnte, aber dieses Potenzial bleibt verschlossen und ungenutzt, während der Körper älter wird und die Psyche, also das Selbstbewusstsein, irgendwann ebenso unentwickelt stirbt, wie es mit einem, zwei oder drei Jahren aufgehört hat zu wachsen. An allem Weiteren bleibt man dann ein Leben lang unbeteiligt und ohne Verbindung zu etwas Eigenem. Die leblose Leere, die in solchen Menschen herrscht, kann einen Horror auslösen, der jede anderen Gräuel übertrifft: Menschen, die eine Seele hätten haben können, aber ohne Seele leben und sterben.

Mentalisierung fördern

Wie oben schon beschrieben ist Mentalisierung die Fähigkeit, die eigene Psyche und die Psyche anderer kognitiv zu erfassen. Sie ist die Grundlage für Empathie, Umsicht, Weitsicht, Lernfähigkeit und Führungskompetenzen.

Wir lernen Mentalisierung durch Begriffsbildung eigenen Erlebens und durch das Aufnehmen von fremdem Erleben und neuen Ansichten. Diese Fähigkeit ist die wichtigste für alle sozialen Kompetenzen. Nicht umsonst ist alles, was man unter klassischer Psychotherapie versteht im Grunde nichts anderes als Mentalisierungstraining: Gefühle in Worte fassen, neue Perspektiven in Bezug auf sich selbst und die eigene Biografie einnehmen, über sich nachdenken, die Sichtweise eines anderen auf einen selbst aufnehmen und verarbeiten, Erfahrungen in Konzepte umwandeln und integrieren und dann aus Konzepten eigene umfassende, zusammenhängende Landkarten und innere Haltungen aufbauen.

Frühe Mentalisierungsstufen brauchen den Dialog mit einem interessierten und offenen Gegenüber. Sobald wir jedoch fähig sind, andere Sichtweisen zu integrieren und für uns zu verwenden, können wir sie vor allem durch Literatur, durch Filme und letztlich jede Form von Kunst aufnehmen, wenn wir sie als Ausdruck eines anderen Geistes, einer anderen Psyche verstehen. Wachsende Mentalisierung zeigt sich in wachsendem Verstehen, in immer größeren, zusammenhängenden Landkarten und dafür in abstrakteren Begriffen, die jedoch stets die Anbindung an ein konkretes Erleben behalten. Menschen mit hohen Mentalisierungsgraden sind stets neugierig und stets darauf aus, mehr und umfassender zu verstehen.

Deshalb gilt es für den Prozess der Entwicklung vor allem Neugier zu befeuern und zu fördern. Außerdem natürlich Dialog über Ansichten, Meinungen und mögliche Perspektivwechsel. Gerade das Theaterspiel und jede Darstellung des Innenlebens von Menschen fördert Mentalisierungskapazität.

Wahrnehmung für Authentizität und Relevanz schulen

Im Zeitalter der Informationsfluten können wir unsere eigene Richtung, Fokus und den Überblick nur bewahren, wenn wir schnell erkennen können, welche Informationen relevant, plausibel und beachtenswert sind.

Da wir in einer Kultur der permanenten Lüge und Manipulation leben, wird es eine wichtige aber auch mühselige Arbeit werden, wieder einen Blick für die Authentizität und den Stellenwert von Informationen zu gewinnen. Wir müssen dafür erstens lernen, zwischen Information, Meinung, Glauben und Wissen zu unterscheiden, und zweitens lernen, wichtige Informationen oder Hinweise zu verifizieren.

Wir können Informationen verifizieren, indem wir sie einzeln überprüfen. Bei so etwas wie „Hey Walter, der Wasserhahn im Waschkeller tropft!“ ist das leicht. Bei Nachrichten über einen Terrorangriff in Teheran ist das schwieriger. Bei den Informationen, die uns täglich erreichen, geht es deshalb zunächst einmal darum, einen Filter zu entwickeln, mit dem wir entscheiden können, ob diese Info für uns relevant ist, wofür genau und welche Art der Aufmerksamkeit sie benötigt. Ein Hinweis auf Relevanz können unsere unmittelbaren Emotionen sein. Wenn wir besonders erfreut, traurig, geschockt, neugierig oder angewidert reagieren, dann trifft die Information uns. Das bedeutet aber weder, dass sie uns auch betrifft noch dass sie tatsächlich wichtig und schon gar nicht dass sie richtig ist.

Dafür ist es wiederum wichtig, Informationen spätestens im zweiten Schritt so unemotional und affektfrei wie möglich aufzunehmen. Unsere Emotionen sagen nur etwas über die Beziehung zwischen einer Information uns unserer Prägung – mehr nicht! Der Hinweis, „Entschuldigen Sie, man kann ihre Unterhose sehen!“ mag bei einer streng-islamisch erzogenen jungen Frau einen Schockzustand auslösen, während eine gleichaltrige Brasilianerin spontan freudig lächelt und doppeldeutig zurückzwinkert. Die meisten Menschen reagieren auf jegliche Art von Informationen nur emotional gesteuert, was nichts anderes bedeutet, als dass ihre Verarbeitung identisch ist mit ihrer Kindheitsprägung. Tatsächlich können wir selbst unsere ganz spontanen emotionalen Reaktionen ein Leben lang verändern und modulieren, wenn wir nämlich ihre Basis verändern: unsere Erwartungen und Wertvorstellungen.

Rationalen Umgang mit Informationen und Inhalten lernen wir dadurch, dass wir sie

  1. analysieren und in ihre (meist unausgesprochenen) Prämissen und Motive zerlegen;
  2. auf innere Stringenz, Kohärenz und Plausibilität prüfen, also z.B. auch Unterschiebungen, Gedankensprünge, Emotionalisierungen, Ablenkungen, fehlende oder falsche Begründungen, unlogische Ableitungen, rhetorische Tricks usw. erkennen;
  3. mit anderen Informationen zum gleichen Thema vergleichen.

Diese Kompetenzen müssen Schritt für Schritt gelernt und mit Begriffen und Konzepten verknüpft werden. Es geht darum, eine feine Wahrnehmung für Unstimmigkeiten und Brüche zu entwickeln und diese gleichzeitig in eine größere Verständnis-Landkarte einzuordnen, so dass man daraus immer treffender Rückschlüsse und Beurteilungen ziehen kann.

Das braucht natürlich Zeit und Übung. Aber es geht immer noch schneller als jede Information faktisch überprüfen zu wollen. Dies ist nicht nötig. Viele politische Aufklärer gerade in dieser Zeit der Aufdeckungen und Entlarvungen machen den Fehler, dass sie andere durch ein Lawine von Fakten und Beweisen überzeugen wollen. Dies funktioniert aber nur, wenn es eine Bereitschaft gibt, die zuvor die gelernten Konzepte und „Fakten“ loszulassen oder zumindest zu hinterfragen und zu vergleichen. Ansonsten nehmen Menschen Widersprüche und Unbekanntes bloß als Bedrohungen wahr (was natürlich auch durch ein Mentalisierungs-Defizit kommt).

Ich denke, dass wir unseren Kindern allem voran, diese Fähigkeiten im Umgang mit jeder Art Information, Darstellung und Behauptung so gut beibringen sollten, dass sie sie ganz automatisch und ohne Anstrengung anwenden. Das wird sie immun machen gegen Manipulation und gegen den Informationsmüll, der 95% der Internet-Inhalte ausmacht. Diese Fähigkeiten sollten sie nicht nur in Bezug auf verbale Informationen lernen, sondern auch in Bezug auf Bilder und Symbole. Vielleicht wäre „Text- und Bildanalyse“ eines der wichtigsten Fächer für Grundschüler und Fünft- bis  Zehntklässler in einem neuen Schulsystem. Zum Thema Schule und Bildung kommt zum Ende dieses Artikels noch etwas mehr.

Begriffliches Handeln lernen

Nichts ist mächtiger in unserem Gehirn als ein Begriff. Denn Begriffe sind integrativer als Gefühle und Bilder. Ein abstrakter Begriff kann viele Bilder zusammenfassen und enthalten, aber ein Bild kann keine Begriffe integrieren.

Man sagt, ein Bild sage mehr als tausend Worte. Das ist Unsinn, denn Bilder sagen überhaupt nichts. Bilder müssen interpretiert werden. Wir können tausend Worte in ein Bild hineinlegen, aber das Bild selbst ist stumm, weil es nonverbal und nicht-begrifflich ist. Bilder können Symbole enthalten oder symbolisch interpretiert werden, aber Symbole sind vor-begrifflich. Ein Kind kann Symbole und Gesten verstehen lange bevor es abstrakte Begriffe verstehen kann.

Was Begriffe von Bildern und Symbolen fundamental unterscheidet ist ihre Exaktheit. Begriffe beruhen auf linearen Bezügen und abgrenzenden Definitionen. Worte können missverständlich, schwammig, ambivalent, doppeldeutig und vage sein, aber ein Begriff ist mehr als ein Wort, es ist die mentale Verknüpfung zwischen einer Wahrnehmung bzw. Information und einer abstrakten Kodierung. Das Wort „Honig“ ist kein Begriff, wenn es sich nicht auf die vielfältige Erfahrung von Honig bezieht. Daraus folgert, dass man Illusionen und Lügen zwar aus Worten, aber nicht aus Begriffen aufbauen kann.

Um Menschen dazu zu bringen, die absurdesten und unlogischsten Lügen zu glauben, muss man sie also mit Bildern, Symbolen und Worten zuschütten und sie gleichzeitig daran hindern, Begriffe zu bilden. Dies ist die „pädagogische Funktion“ all unserer Massenmedien, welche sie auch mit beinahe restlosem Erfolg erfüllt haben.

Wir lernen Begriffsbildung durch die korrekte Verknüpfung von Wahrnehmungen mit Worten. Deshalb sprechen wir nur dann vom Begreifen. Es ist ein im Wort selbst hörbarer körperlich-sinnlicher Prozess der Integration: begreifen, erfassen, verstehen, einsehen, durchblicken, durchschauen. Die sinnliche Erfahrung wird dann im Begriff mental abstrahiert und kodiert.

Nur mit solchen korrekt kodierten Begriffen können wir denken ohne den Realitätsbezug zu verlieren. Die Entwicklung des begrifflichen Denkens findet durch immer höhere Abstraktionsstufen statt. Wir bilden als kleine Kinder zunächst Begriffe von Objekten und einfachen Handlungen, dann von Beziehungen durch Generalisierungen und „Oberbegriffe“, dann, etwa ab dem vierten Lebensjahr von Prinzipien und konkreten Regeln. Ab dieser Stufe, ab etwa dem sechsten Lebensjahr, können wir Begriffe aus Begriffen ableiten und neue Ideen und Erkenntnisse aus Gedanken auch ohne konkrete eigene Erfahrung gewinnen. Diese erste Entwicklungsstufe von begrifflichem Handeln wird von den meisten Menschen kaum erreicht. Darüber hinaus können wir aber auch noch weiter abstrahieren von eigenen und konkreten Erfahrungen, indem wir lernen, aus abstrakten Begriffen universelle Begriffe zu synthetisieren, wie z.B. „Mensch“, „Welt“ oder „Natur“.

Die schwierige Herausforderung beim Lernen immer abstrakterer Begriffsbildung ist es, die Verbindung zu den eigenen konkreten Erfahrungen und Begriffen nicht zu verlieren. Sonst haben wir es nicht mit abstrakten, sondern mit losgelösten, pseudo-philosophischen Worten zu tun, die „gut klingen“ mögen, aber ohne Sinn, d.h. nicht sinnlich und dadurch ohne Bezug sind. Es ist nicht-begriffliches Gebrabbel.

Was wir dafür lernen und üben müssen sind Abstraktion und der Umgang mit Abstraktionen. Dafür ist es wichtig, Zeit und Unterstützung zu haben, um Begriffe auf deren sinnlichen Bezug hin zu überprüfen und ein Verständnis von Logik aufzubauen. Eine einfache Erfahrungslogik ist z.B. die von Ursache und Wirkung. In ideologischer Propaganda geht diese meist verloren und uns werden Wirkungen angedreht, um – angeblich – zu einer Ursache zu kommen (z.B. „Übe zu lächeln und Du wirst glücklich.“ oder „der Markt (Konsumenten) kurbelt die Innovationskraft an.“ oder „Wenn jeder glücklich und versorgt ist, wird Frieden herrschen.“). Um logisch denken zu können, müssen wir Begriffe von logischen Verknüpfungen bilden, d.h. wir müssen lernen, Begriffe korrekt zu kombinieren und in Verbindung zu bringen. Die abstrakteste Form davon ist die Mathematik. Deshalb ist Mathematik so wichtig. Allerdings müssen mathematische und logische (Gedanken-) Operationen immer in Verbindung mit ihrer konkreten Bedeutung bleiben, sonst sind sie nicht anwendbar und nicht verifizierbar. 

Tatsächlich unterstützen wir Begriffsbildung und begriffliches Handeln durch alles, was die Verbindung von rechter und linker Gehirnhemisphäre unterstützt. Während die rechte Hemisphäre gut für die Verarbeitung von Beziehungen und komplexen Erfahrungslandschaften ist, ist die linke spezialisiert auf Präzision und das Erkennen kleinster Unstimmigkeiten und Fehler. Die optimale Kombination beider Hemisphären haben wir, wenn wir etwas konkret, erfahrungsbezogen und umfassend betrachten und gleichzeitig exakte Begriffe, klare Worte und eine passende Semantik dafür verwenden können.

Für diese Verbindung können uns philosophische Reflexionen helfen, solange sie intellektuell redlich sind, was leider insgesamt in der Welt des gedruckten Wortes seit 1940 sehr selten geworden ist. Genauso hilft die differenzierte Sprache der Literatur und besonders der Dramatik und der Lyrik. Denn der echte Dichter ist jemand, der Erfahrungen in Worten und Bildern verdichtet – nicht nur Wörter oder Laute aneinanderreiht.

Objektives Denken entwickeln

Objektives Denken ist etwas, dass es nach der modernen Auffassung nicht gibt. Wir werden dieses vielerorts implizierte und in alle akademischen Zweige hinein gesickerte Axiom hinterfragen und falsifizieren müssen. Objektiv denken können bedeutet, von der subjektiven Erfahrung abstrahieren zu können. Diesen Gedanken zu verstehen ist elementar. In unserer psychologischen Entwicklung ist unser Denken zunächst rein subjektiv: wir haben zunächst nur Begriffe in Bezug auf unsere eigene Erfahrung – was auch sonst? Der „große Philosoph“ Immanuel Kant baute seine „großartige Philosophie“ auf der Annahme auf, dass es über diese Entwicklungsstufe hinaus nichts gibt. Das hat die Moderne unreflektiert zur Basis all ihrer erkenntnistheoretischen Paradigmen gemacht. Sozialpsychologisch hat sie sich damit nur selbst bestätigt: die Menschen und die Kultur, die sie schufen, fußen auf infantil-subjektivem Denken kombiniert mit Fantasie und freien Spinnereien, denn „Objektivität gibt es ja nicht“. Alle Geisteswissenschaften stecken in diesem intellektuellen Sumpf fest.

Die Naturwissenschaften und schon gar nicht ihr Ableger, die technischen Wissenschaften, können sich methodisch so etwas Irrationales natürlich nicht erlauben, weil sie sich ja mit den Gesetzen der Wirklichkeit beschäftigen wollen. Aber auch sie werden zunehmend in den Sumpf des Irrealen gezogen.

Was ist also nun echte Objektivität und wie finden wir sie?

Objektivität kann es erst ab der Stufe des abstrakten Denkens geben. Abstrahieren bedeutet, „von etwas abziehen“ oder „aus etwas herausziehen“. Was müssen wir wo raus ziehen? Wir ziehen Schlussfolgerungen aus Beobachtungen und Erfahrungen. Eine Schlussfolgerung ist eine Abstraktion. So erkennen wir Prinzipien, Regeln und Gesetzmäßigkeiten – egal ob nun menschengemachte oder naturgegebene. Wir können diese Prinzipien logisch und empirisch überprüfen und dadurch unser Verständnis von ihnen verfeinern. Je abstrakter wir dabei werden – indem wir z.B. Muster in Prinzipen und damit Gesetzmäßigkeiten entdecken – desto objektiver werden wir. Nicht als Gegenpol zum Subjektiven, sondern als Essenz im Subjektiven.

Das Objektive ist im Subjektiven implizit enthalten. Es liegt nur zwischen den Zeilen der Erfahrung. Deshalb braucht man Intelligenz, um objektiv sein zu können (inter-legere = „zwischen den Zeilen lesen“). Deshalb können wir nur in dem Grade objektiv sein, indem wir subjektiv überhaupt wahrnehmen können. Der Weg zu Objektivität geht durch die vollkommene Subjektivität.

Wer die Schwerkraft nicht spüren kann, für den ist sie bloß eine Idee, die er irgendwann mal in der Schule gelernt hat. Wenn dann jemand kommt und behauptet, es gäbe keine Schwerkraft, dann ist das eine ebenso gute Idee und je nachdem wie viel Schokoladenpudding noch da ist, fangen dann die Schwerkraft-Vertreter und die Anti-Schwerkraftler an, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.

Man hat uns beigebracht, dass wir nicht subjektiv sein dürfen, sondern objektiv sein sollen. Dass die Wissenschaft „rein objektiv“ sein muss und deshalb „nicht subjektiv“ sein kann. Aber was ist eine Wissenschaft ohne Subjekt? Eine Wissenschaft ohne Wissenschaftler? Nachdem dieses schwachsinnige Paradoxon einmal erfunden und behauptet war und niemand sich mehr traute, es zu hinterfragen („akademische Obrigkeitshörigkeit, siehe Teil 7), haben sich nun 150 Jahre lang „Wissenschaftstheoretiker“ und Feuilletonisten die Finger wundgeschrieben über das schwierige „Rätsel“, wie denn Wissenschaft überhaupt objektiv sein kann, wenn es doch  so viele subjektive Einflüsse gibt. Und was ist ihre schlaue „Lösung“? Wissenschaftlich, reden sie uns ein, sei, wenn man sich soweit wie möglich von der Erfahrung und Beobachtung löse und unabhängig mache und stattdessen im frei schwebenden Raum der fantastischen Theoriebildung und kreativen Konzept-Erfindung produktiv würde. Kreatives Schreiben als Wissenschaft. Die Geisteswissenschaften tun mittlerweile fast nichts anderes mehr und wundern sich, warum Menschen mit gesundem Menschenverstand sie nicht mehr im Geringsten ernst nehmen. Die Naturwissenschaften treten in diesem intellektuellen Narrenkostüm nur in Publikationen und auf Kongressen auf. In der realen Forschung kann man sich so eine Verblendung natürlich nicht leisten.

Was lernen wir daraus? Wir müssen wieder denken lernen (und akademisches Geschwurbel erkennen und ignorieren)!

Wir lernen objektives Denken durch Induktion von Prinzipien aus Erfahrungen und durch das Überprüfen von abgeleiteten, deduzierten Ideen anhand von Erfahrungen und Beobachtungen. Das ist Wissenschaft.

Unabhängig davon, ob wir nun wissenschaftlich arbeiten wollen oder nicht, sollten wir lernen, diesen Ansatz auf uns selbst anzuwenden. Das heißt, wir können lernen, uns selbst gegenüber objektiv zu werden. Dafür müssen wir ein starkes Beobachter-Ego (s.o.) entwickeln und lernen, uns in abstrakten Begriffen zu reflektieren, die uns die Möglichkeit geben, Muster und Prinzipien in unserer eigenen Erfahrung zu erkennen. Selbst-Bewusstsein und Selbstreflexion beruhen darauf, zeitübergreifende Muster und Motive in sich selbst (und anderen) zu erkennen und auf diese Weise bewusste Individualität zu entwickeln. Individuell (= unteilbar) sind wir nur in dem, was nicht zerlegbar, nicht weiter abstrahierbar in uns ist: unser Wesenskern. Den aber erkennen wir bewusst nur, wenn wir uns nicht von (subjektiven) Erfahrungen hypnotisieren lassen, sondern aus ihnen heraus uns selbst, den Erfahrenden und Erlebenden erkennen.

Nur das bedeutet geistige Entwicklung: sich geistig mehr und mehr von der unmittelbaren subjektiven Erfahrung zu befreien, indem wir in unseren Erfahrungen das Objektive, das Gegebene, die Gesetzmäßigkeiten erkennen und uns selbst in diesem Konstanten, in diesem Festen entdecken. Unser Kern ist das Objektivste an uns. Wir erkennen dann immer umfassender, dass wir nicht unsere Erfahrung sind, sondern dass unsere wesentliche Identität im Erfahren selbst liegt. Dass wir nicht unsere Gefühle und Gedanken sind, sondern derjenige, der fühlt und denkt. Objektives Denken ermöglicht es uns nicht bloß, Naturgesetze „da draußen“ zu erkennen – das üben wir nun schon seit Aristoteles – sondern es ermöglicht uns, uns selbst zu erkennen. Wir erkennen uns in der Erfahrung und Beobachtung, nicht jenseits oder außerhalb von davon.

Dadurch, und nur dadurch wächst unser Selbst-Bewusstsein, denn „Selbst“ ist das rätselhafte Etwas, was sich nicht verändert, auch wenn alles andere sich verändert. So werden wir objektiv, indem wir lernen ein begriffliches Bewusstsein für unseren unvergänglichen Wesenskern zu entwickeln. Und das ist etwas Zeitloses, das nur durch Bewusstsein möglich ist.

Solidarität der Stärke

Über die Solidarität der Stärke habe ich vor einiger Zeit schon einen separaten Artikel geschrieben, auf den ich hier für das Verständnis des Konzeptes verweise. Ich beschränke mich hier darauf, zusammenzufassen, dass es darum geht, dass wir Kindern und Jugendlichen schon ab dem Grundschulalter beibringen müssen, wie sie ihr volles Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, ihre Talente und Kompetenzen in eine Gruppe einbringen können und gleichzeitig die Gruppe als Ganzes im Blick haben und sich selbst als Teil der Gruppe sehen können.

Diese spezielle Kombination ist wichtig, um Gruppenstärke aus Individualität und Einzigartigkeit zu gewinnen, nicht aus Anpassung, Unterwerfung, Gleichschaltung oder Selbstaufgabe.

Dies braucht aktive Förderung von außen. Kinder müssen lernen, mit Gruppendynamik anders umzugehen als bloß durch emotionale Reaktionen oder den bloßen Fokus auf isoliert, nur für sich stehende Einzelne. Beide Umgangsweisen sind in Ordnung, aber wir müssen zusätzlich Begriffe und Dynamiken der Gruppeninteraktion lernen. Eine Gruppe, die ein Ziel oder einen Zweck hat, muss es irgendwie schaffen, ihre Kräfte zu bündeln. Die Kunst der sozialen Bündelung ist es, eine gemeinsame Richtung zu generieren, bei der jedoch keine Fähigkeiten und Eigenschaften verloren gehen – vor allem keine, die für den Gruppenzweck wichtig sind.

Wir müssen also lernen, gruppenspezifische Rollen zu übernehmen. Das gehört mit zu Entwicklung des Rollen-Egos (s.o.). Wir müssen dann lernen, in Gruppen Rollen je nach Anforderungen zu wechseln ohne dabei unsere Identität und unser Selbstwertgefühl zu verlieren. Dafür brauchen wir ein stabiles Körper- und emotionales Ego (s.o.). Z.B. braucht eine zielgerichtete Gruppe stets eine Alpha-Position. Wer diese Position jedoch ausfüllt, hängt vom Ziel, von der Situation und den Anforderungen ab. Wir müssen also Gruppenintelligenz entwickeln, um dies zu verstehen und solche Prozesse aktiv unterstützen zu können.

Je früher wir diese besondere Logik im Zusammenspiel von Einzelnem und Gruppe verinnerlichen, desto verantwortungsfähiger sind wir politisch, d.h. in Gemeinschaft und Gesellschaft. Nur so werden wir vielleicht eines Tages einmal demokratiefähig.

Das aktuelle Weltgeschehen, oder besser gesagt, dessen Aufarbeitung in den nächsten Jahren wird unwiderlegbar beweisen, dass die Menschen selbst in den entwickeltsten Ländern nicht annähernd demokratiefähig sind. Das, was uns als „Demokratie“ beigebracht wurde, beruht auf der unausgesprochenen und ungeprüften Prämisse, dass jeder Mensch weiß, was das Beste für die Gemeinschaft ist oder dass sich dieses Beste zumindest von selbst findet, wenn jeder seiner Meinung folgt. Nun wissen wir, dass die Menschen nicht einmal für sich selbst alleine sorgen können, oft nicht einmal für ihre eigenen Kinder, und das der Denk- und Verständnis-Horizont der meisten Menschen ein paar Meter hinter ihrem Wohnzimmerfenster endet. Und diese Menschen sollen durch „freie Wahlen“ bestimmen, wer die kompetentesten Führer für ein ganzes Land sind? Wozu das führt, haben wir nun vor Augen geführt bekommen. In den völligen Abgrund und Zerfall. Niemand würde auf die Idee kommen, in einer Familie mit drei Kindern alle Entscheidungen demokratisch zu treffen. (Wobei Kinder noch eine natürliche Klugheit haben, die den neurotischen Erwachsenen der „Demokratie“ fehlt: sie würden über kurz oder lang wollen, dass die Eltern entscheiden, weil sie kompetenter sind.)

In unserer „Demokratie“ wird das Talent und das Genie mundtot gemacht zugunsten einer nur mengenmäßig überlegenen Mittelmäßigkeit. Individualität ist für sie stets ein Störenfried. Demokratie ist Sozialismus light – sie zögert den Untergang nur etwas länger hinaus. Und diese Prägung beginnt bereits im Kindergarten.

Im Folgenden gebe ich eine stichwortartige Liste der acht (bzw. 16) wichtigsten Funktionen innerhalb einer Gruppe, eines Teams oder einer Gemeinschaft, die durch ihre Mitglieder eingebracht werden müssen (Reihenfolge hier unerheblich):

  1. Vision und Überblick
  2. Ideen und Impulse
  3. Standpunkte bestimmen und Meinungen formen
  4. Differenzieren und Konflikte aufzeigen
  5. Initiieren und ausführen
  6. Bewerten und Prüfen
  7. Entscheidungen treffen und Ziele anpassen
  8. Unterstützung und Fürsorge

Um diese Funktionen als Rollen präsent zu haben, müssen Menschen ihre Fähigkeiten einbringen und sich darin gegenseitig unterstützen. Mit diesem Verständnis gibt es keine Notwendigkeit, dass „alle gleich“ sind, sondern ganz im Gegenteil, sind Spezialisierung und Unterschiedlichkeit von größerem Vorteil. Je nach Prozess und Ziel wird immer mal jemand anderes aus seinen Fähigkeiten heraus „führen“.

Was Kinder dabei möglichst früh lernen sollten, um eine Basis für die spätere Sozialisierung in eine größere Gemeinschaft vorzubereiten, ist, die Ganzheit der Gruppe (oder später Gemeinschaft) und ihre Anforderungen an sie selbst als einzelne Mitglieder zu erkennen und zu verstehen. Dazu gehören die Fähigkeiten, sich mit der Gruppe zu synchronisieren, sich sowohl zurückhalten also auch sich behaupten zu können, wenn es ein Gruppenziel fordert (und alle wichtigen Talente zu fördern sollte meist eines der zentralen Gruppenziele sein). Es bedeutet vor allem, die schwierige mentale Brücke zu halten zwischen Eigeninteresse und Gruppeninteresse – nicht als Gegensätze und nicht für Kompromisse, sondern als zwei Bedingungen, die gleichzeitig erfüllt sein müssen. Das bedeutet Eigenständigkeit im Gruppenverbund. Der Einzelne dient der Gruppe, aber die Gruppe wird durch nichts anderes definiert als durch ihre einzelnen Mitglieder. Das heißt, der Einzelne kann lernen, sich selbst durch eine Gruppe zu dienen und mit einer Gruppe seine eigenen Ziele zu erreichen. Sonst wird Gruppe für den Einzelnen schädlich und zerstört somit die Grundlage ihrer eigenen Kraft.

So lernen wir, dass wir zusammen mehr erreichen können als alleine – das aber nur, wenn wir zusammen auch tatsächlich mehr erreichen als alleine. Performanismus statt Sozialismus. Und das gilt es zu lernen.

Umgang mit Scham und Angst

Emotionen und Gefühle sind wichtige adhoc-Signale über den eigenen Zustand und die inneren Reaktionen auf etwas, aber sie sind keine verlässliche Entscheidungsgrundlage. Emotionale Reaktionen beruhen auf Prägungen und zeigen nur an, wie die momentane Beziehung zwischen einer Sache und unseren gelernten Gewohnheiten, Präferenzen und Normen ist. Manche Menschen freuen sich darüber, verletzt zu werden, weil sie einmal prägend gelernt haben, dass dies die beste zu erwartende Zuwendung ist. Manche Menschen ärgern sich darüber, dass ein anderer Erfolg hat, weil ihre geprägte Assoziation ist, dass sie dadurch benachteiligt werden. Manche Menschen schämen sich ihrer Kraft, ihrer Meinung oder ihrer Sinnlichkeit, weil sie prägend konditioniert wurden, diese Aspekte von sich selbst verstecken zu müssen. Emotionen sagen nichts über den tatsächlichen Wert von etwas für uns aus. Sie sind nur schnelle Urteilsheuristiken, die auf unseren Kindheitsgewohnheiten beruhen. Manche davon mögen nützlich sein, andere hingegen sind beengend und blockierend.

Wir müssen lernen, Emotionen als das wahrzunehmen, was sie sind: erste, schnelle Gewohnheitsreaktionen. Und wir müssen lernen, sie nicht höher zu stellen als Begriffe, Gedanken und Erkenntnisse, sondern sie mit Hilfe von Begriffen noch besser zu erfassen und einzuordnen.

Emotionen müssen nicht per se „ausgedrückt“, sondern gelesen und verstanden werden. Der emotionale Ausdruck ist nur ein Mittel zu diesem Ziel, nämlich, um sich die eigenen Emotionen im Kontakt bewusster zu machen. Die alte kathartische Idee, Emotionen müssten „freigelassen“ und „losgelassen“ werden, ist ein grobe Verallgemeinerung, die in allen möglichen psychologischen Experimentierfeldern bis heute schon eine Menge Schaden angerichtet hat. Diese Idee ist nur in ganz bestimmten Situationen blockierten Ausdrucks therapeutisch richtig. Ansonsten besteht psychische Entwicklung darin, Emotionen ohne äußeren Ausdruck wahrzunehmen und begrifflich zu erfassen, d.h. sie durch Abstraktion und Symbolisierung auf die mentale Ebene zu heben.

Die beiden Grundemotionen, mit denen es die deutsche Kultur schon seit langem besonders schwer hat, sind Angst und Scham. Beide Emotionen gehören so natürlich zu uns wie jede andere Grundemotion, aber wir Deutschen lernen schon früh und gründlich, auf sie mit Lähmung und innerem Kollaps zu reagieren. Darunter liegt die instinktive Reaktion des Sich-Totstellens, die unser Körper nur dann wählt, wenn er keine andere Alternative hat. Diese künstliche Alternativlosigkeit im Umgang mit Furcht und Scham ist ein typisches Symptom von Traumata, d.h. von massiven Überforderungen, durch die eine Verbindung verloren geht. Sie führt zu einer inneren Haltung der Resignation, Kraftlosigkeit und deshalb scheinbaren Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Die daraus entstehende reale Unfähigkeit, mit diesen Zuständen konstruktiv umzugehen, pflanzt sich von Generation zu Generation fort: immer stehen Kinder mit ihren Gefühlen vor überforderten oder gelähmten Erwachsenen und fallen dann selbst in die gelähmte Hilflosigkeit.  Das ist nichts Politisches, sondern etwas Kulturelles, aber es kann natürlich politisch ausgenutzt und verstärkt werden.

Was müssen wir lernen, um mit Angst und Scham oder Beschämung konstruktiv umgehen zu können? Es gibt drei Ansätze, die diesbezüglich sehr machtvoll sind: Spiel, Dankbarkeit und Stolz.

Spiel ist die leichteste, natürlichste und sozialste Form der Verarbeitung von allem, was schwierig ist. Tiere, besonders Herdentiere nutzen sie ständig, um Konflikte zu lösen und Kompetenzen zu entwickeln. Das müssen wir Menschen in der Konsum-, Leistungs- und Vergleichskultur erst wiederentdecken. Zum Spielen gehören das Rollenspiel, das Schauspielen, die Übertreibung, das Spiel mit Ideen, Bildern und Worten und der Humor. Je nach Alter und Präferenzen wird jeder seinen eigenen Zugang dazu finden. Es ist enorm hilfreich, wenn Kinder involviert sind, denn für sie ist Spielen einfach ein Ausdruck ihres Wesens.

Dankbarkeit ist ein hochintegratives Gefühl, das über Emotionen weit hinaus geht. Wir können Dankbarkeit üben durch bewusste Wahrnehmung, durch intentionales, offen-empfangendes Sehen, Hören und Spüren. Dankbarkeit entsteht, wenn wir uns der Kongruenz und Stimmigkeit mit unserem Wesen, unseren Bedürfnissen und Eigenschaften bewusst werden. Sie entsteht, wenn unsere Aufmerksamkeit auf dem ruht, was alles vorhanden ist und nicht auf Vorstellungen darüber, was fehlt oder nicht richtig ist. In Extremsituationen kann man Dankbarkeit dafür empfinden, dass man atmen kann. Das kann man in Bezug auf jede Wahrnehmung von Lebendigkeit üben. Es ist unmöglich, dankbar zu sein und in Angst oder Scham stecken zu bleiben.

Stolz ist eine Grundemotion, die aus unserer Integrität entsteht. Ähnlich wie für Dankbarkeit geht es im Üben von Stolz darum, die Aufmerksamkeit zu lenken – in dem Fall auf Fähigkeiten, Kompetenzen und Errungenschaften. Dass den Deutschen das besonders schwerfällt und sie besonders viele abwertende Vorurteile gegen Stolz haben, ist nur ein weiterer Grund, sich darin zu üben. Stolz ist die Komplementäremotion zu Scham und führt zu Selbstermächtigung, Aufrichtung und Kraft. Man kann lernen, auf seine Fähigkeit zu fühlen stolz zu sein – es ist keine Selbstverständlichkeit – und irgendwann sogar stolz sein darauf, dass man Scham bewusst fühlen und erleben kann. Dies können wir auch vermitteln: „Ich finde es bewundernswert, dass du Scham so fein spüren kannst (und nicht gefühllos reagierst wie ein Psychopath) und so sensibel bist.“ Und dann: „…und dadurch kannst du lernen (z.B. nicht so laut zu sein?)“ oder auch: “… und dafür brauchst du dich nicht zu schämen“.

Stolz ist die Emotion von Integration während Scham signalisiert, dass wir etwas oder uns nicht integrieren können. Den gesunden Übergang von Scham zu Stolz können wir nur durch Anerkennung, Erkenntnis und Verständnis erreichen. Scham löst sich auf, sobald wir etwas verstehen können oder uns wieder angenommen fühlen. Die Frage bei Scham sollte also immer sein: was kann hier noch nicht integriert werden und was braucht es, damit es integriert werden kann? Deshalb ist Scham so wichtig:  sie motiviert uns, mit etwas Gewohntem anzuhalten, hinzusehen und uns für Integration einzusetzen. Nur durch Integration erweitern wir unsere Integrität. Ohne sie wären wir nur eine fragmentierte Zusammensetzung von wilden Impulsen, die alle gleich gültig wären. Wir wären nicht integer, nicht moralisch, nicht zurechnungsfähig und nicht sozial. Scham ist ein Integritäts-förderndes Gefühl, wenn wir sie verstehen und genau dafür nutzen. Psychopathen können keine Scham empfinden (weil ihnen die Mentalisierung von Integration fehlt) und deshalb könne sie auch keine Integrität entwickeln. Einem schamlosen Menschen können wir nicht vertrauen und nichts anvertrauen.

Scham ist die große Stief-Emotion der westlichen Welt. Auch die akademische und die populäre Psychologie verstehen sie erschreckend wenig – trotz zahlloser Forschungen und Publikationen. Sie ist unser großer blinder Fleck. Ihr Mangel mag der Hauptgrund sein für den verheerenden Verlust bis zur Abwesenheit von Demut und Ergebenheit in unserer Kultur. Blockierte, verdrängte oder betäubte Schamfähigkeit erzeugt genau den kaltschnäuzigen Narzissmus und den impulsiven, infantilen Materialismus, der so kennzeichnend für unser Leben geworden. Ich vermute, dass sich der rücksichtslos-asoziale, chronisch frustrierte und wert-konfuse Zustand unserer Gesellschaft sich auf den Mangel an Scham zurückführen lässt.

Nicht bewusste und nicht verarbeitete Scham führt zu chronischen Minderwertigkeitsgefühlen, aus denen sich ganze Persönlichkeitsstrukturen bilden können, und zu Schuld-Halluzinationen. Wir erkennen diesen latenten Allgemeinzustand vor allem an der überall treibenden Sucht nach Anerkennung kombiniert mit einem (sehr typisch deutschen) Streben nach Selbstbeschneidung und Selbstopferung, um sich von irgendeinem diffus erdrückenden Gefühl zu ent-schuldigen. Beide Besessenheiten bleiben natürlich stets frustriert und aktiviert, weil sie auf Vermeidung beruhen, nicht auf einem echten Streben nach etwas.

Der Angst entgegenzutreten fordert ähnliches von uns wie die Integrationsaufgabe der Scham. Zunächst geht es darum, Angst wahrnehmen und benennen zu können. Dafür müssen wir das irrsinnige Tabu durchbrechen, das aus der Lähmung und dem unfreiwilligen Schweigen entstanden ist.  Wir sollten erkennen, dass wir nicht schweigen wollen und dass Nichts-sagen-Können niemandem guttut.

Dafür müssen wir uns unseren persönlichen Ablenkungs- und Schutzmechanismen gegen Angstwahrnehmung stellen: z.B. der Lähmung, der Betäubung, dem Hang zu Zerstreuung und Drogen, der kindlichen Abhängigkeit durch Feigheit, der selbstzerstörerischen Opfermentalität bis hin zur Selbstverachtung, dem Hass, den Schuldkomplexen, der emotionalen Überforderung, der Wirklichkeitsabkopplung und schließlich all den Produkten eines von Angst verführten und vernebelten Intellekts, die als wahnhafte Ideologien, als menschenverachtende Systeme, als fantasieverzerrte Konzepte und als irrationale Wunschbilder den Menschen den Kopf dermaßen vermüllen, dass sie nicht mehr denk- und selbststeuerungsfähig sind. All dem müssen wir einzeln und ohne Ausnahme entgegentreten und dabei die Prinzipien des integrierten Verstandes und der Logik des Geistes aufrecht erhalten. Das ist es, was uns Jahrhunderte gefehlt hat und was wir nun wieder lernen müssen.

Wie machen wir das? Wie überwinden wir diese Jahrhunderte alte und durch schreckliche Traumata verschärfte und zementierte Lähmung durch Angst?

Nicht indem wir regressiv werden und uns in den Schoß matriarchaler Geborgenheitssysteme zurückwünschen oder in den martialischen Zustand primitiven Stammesdenkens. Progressiv mit Angst umzugehen heißt, im Auge des Unbekannten forschend und zielgerichtet zu bleiben. „Forschend“ heißt: nachfragend, untersuchend, vertiefend, erkundend – kurz neugierig! Neugier reduziert Angst. „Zielgerichtet“ heißt: den eigenen Werten treu bleibend, daraus Prinzipien ableitend und eine Richtung einhaltend – kurz: im eigenen Willen bleiben.

Wir werden niemals angstfrei sein, das wäre widernatürlich. Angst ist das Signal unserer Begegnung mit dem Unbekannten. Wir können uns aber dafür entscheiden, im Angesicht des Unbekannten unsere Vernunft, unseren Verstand und unsere Willenskraft einzusetzen, und neue Territorien und damit neue Horizonte zu entdecken. Diese drei können auch mit und in Angst funktionieren – sogar von ihr angetrieben werden. Und sie sind Ausdruck des immer forschenden menschlichen Geistes. Darauf sollten wir unsere Kultur und vor allem unsere Bildung ausrichten.

Zu Schule und Bildung

„Man lernt fürs Leben und nicht für die Schule“, heißt es. Aber das ist genauso unsinnig und falsch wie „Man lernt für die Schule“ – wenn nicht sogar noch falscher. Um im Leben etwas zu erreichen, muss man etwas können, aber bevor man es kann und etwas erreicht, muss man lernen. Warum sollten wir es lernen? Warum lernen wir?

Wir lernen für… Falsch! Genau da ist schon das Problem, die Abspaltung, die Trennung, die Verführung, die Abrichtung und die Entfremdung.

Wir lernen, weil es Freude macht. Weil es unserer Natur entspricht. Weil wir im Lernen wir selbst sind. Alles andere ist krank und macht krank. Das Kind lernt für das Erleben von Lernen. Wenn es in der Schule so lernen kann, wird ihm die Schule Spaß machen. Dann wird ihm Schule-Erleben Freude machen. Es lernt für seine Schulung selbst. Das ist richtig und gesund. Und dann wird es nie im Leben damit aufhören.

Ich werde ab und zu auch in Bezug auf diese Artikel-Reihe gefragt, welche Hinweise ich denn für die Bereiche Schule, Bildung und Erziehung geben könnte insbesondere hinsichtlich der Förderung von Verantwortungsfähigkeit. Ich glaube, dass vieles dafür sich aus dem bisher Geschriebenen schon ableiten lässt. Ich möchte in diesem Abschnitt deshalb nur ein paar Andeutungen geben, was grundsätzlich zu beachten und zu bedenken ist, wenn es um neue Bildungsansätze geht (und diese sind das Wichtigste für Veränderung überhaupt!).

Unser gesamter institutionalisierter Schul- und Bildungsbetrieb fußt auf der Intention, Menschen zu funktionierenden Teilen eines Systems zu machen und sie dafür von der Entwicklung von Individualität, Selbständigkeit und freiem Denken abzuhalten, mit all den Konsequenzen besonders für alle akademischen Bereiche, wie ich sie in Teil 7 dieser Reihe beschrieben habe.

Bei älteren Generationen von Lehrern und Dozenten mag es noch Reste klassischer Bildungsideale geben, in denen es um eigenständiges Denken und die Herausbildung von Verantwortungsfähigkeiten geht, wie ich sie oben beschrieben habe. Die Ideologie-, Gehorsamkeits- und Inkompetenz-gesteuerten Systeminstitutionen haben jedoch mittlerweile über 70 Jahre daran gearbeitet, dieses Bildungsverständnis zu vernichten – und mit Erfolg. Ich schätze einmal, dass bis auf ganz seltene Ausnahmen alle Tätigen im Bildungsbereich ab Jahrgang 1980 für verantwortungsorientierte Bildung nicht zu gebrauchen und nicht umzuschulen sind.

Für eine Darlegung der praktischen und organisatorischen Probleme ist an dieser Stelle kein Platz. Mir geht es um etwas Grundsätzliches. Es liegt nicht daran, dass diese Menschen kein bedeutungsvolles Wissen mehr aufgenommen haben und nicht mehr gelernt haben, in Zusammenhängen zu denken und Dinge zu hinterfragen. All dies könnte man in vielen Fällen nachschulen. Das Problem ist fundamentaler: diese jüngeren Generationen haben nie gelernt, in eigenständigem Denken und Hinterfragen überhaupt irgendeinen Wert zu sehen. Sie wurden von Kindheit an darauf, programmiert nach Anerkennung und Zugehörigkeit zu suchen und dafür alles zu tun oder aufzugeben, ohne sich jedoch jemals anerkannt oder zugehörig fühlen zu können. Dieser Generation fehlt nicht nur die Kompetenz, ihren Verstand eigenständig zu nutzen, sie lehnt den gesunden Menschenverstand kategorisch und mit emotionaler Vehemenz ab. Je jünger, desto mehr. (Mir ist klar, dass sich mancher Leser dieser Zeilen als Ausnahme davon sehen kann und sollte).

Kommen wir nun also zu einigem Grundsätzlichen als Fundament für eine gesunde, verantwortungsfördernde Bildung.

Der Mensch ist ein Entfaltungswesen. Das Menschliche zeigt sich in der fortwährenden geistigen Entfaltung, in steter Neugier und dem Streben nach mehr Verständnis und nach mehr Einfluss von Verstand und Geist, wobei die Dominanz des Materiell-Körperlichen proportional abnimmt. Menschen, die diesen Drang nicht oder nur marginal haben, sind offenkundig krank oder behindert. Jede menschenfreundliche Bildung muss diesem Wesen des Menschen gerecht werden und es fördern. Das heißt, sie muss vor allem anderen seine Entfaltung fördern.

Das wichtigste Prinzip für ein solche Bildung muss dafür die wörtliche Herausbildung von Charakter sein. Charakter ist die Summe unserer Fähigkeiten und Eigenschaften, die es uns ermöglichen, unser Wesen und unsere Anlagen zu entwickeln und in die Welt zu bringen. Der Fokus von Schule und Studium muss deshalb primär auf Fähigkeiten und Kompetenzen liegen und nur sekundär auf Inhalten. Welche Fähigkeiten? All jene, die ich in diesem Artikel angesprochen habe, d.h. alle Fähigkeiten, die die Entfaltung, den Ausdruck und die soziale Einbringung von Talenten und Kompetenzen bestärken.

Es gibt zwei Eigenschaften, mit denen Kinder von Natur aus ausgestattet sind, wenn man sie nicht behindert, und die die wichtigsten für die Entwicklung im ganzen Leben sind: Neugier und Ausdauer. Neugier beruht auf der Fähigkeit, Angst zu regulieren und Ausdauer beruht auf Willenskraft, das heißt auf der Fähigkeit, Ideen und Impulse zielgerichtet zu bündeln und umzusetzen. Dies sind die beiden wichtigsten Motoren für Erfolg im Leben – in allen Bereichen des Lebens. Bildung muss deshalb diese beiden Merkmale erhalten und fördern. Ein Lehrer der beide hat, wird damit automatisch ansteckend auf seine Schüler wirken.

Auf dieser Grundlage lässt sich auch die Frage nach den besten Unterrichtsformen ideologiefrei beantworten: jede Form, die entsprechend den Fähigkeiten der Lernenden ihre Neugier fördert und ihre Ausdauer fordert, ist richtig. Kinder wollen von Erwachsenen lernen, ihnen zuhören, ihnen nacheifern. Sie brauchen Anreize, Struktur und Material. Weder reiner Frontalunterricht noch der mechanische Zwang zu struktur- und ergebnislosen Gruppenarbeiten sind optimal. Es wird eine intelligente Mischung aus allem sein. Ein Prinzip für das beste Lernen ist dabei stets: spürbar herausfordernd und schaffbar. Außerdem möglichst häufige Erfolgserlebnisse, die zum Weitermachen motivieren.

Jede Fertigkeit und Kunst beruht auf Wahrnehmung. Ein Maler muss auf besondere Weise sehen können. Ein Musiker hören. Ein Sportler oder Tänzer seinen Körper wahrnehmen. Ein Wissenschaftler beobachten und logische Stimmigkeiten erkennen können. Eine Führungskraft ihre Anbefohlenen wahrnehmen können. Ein Bildungssystem, das verantwortliche Charaktere hervorbringen will, muss primär und durchgehend die Wahrnehmung der Menschen schulen. Dazu gehört vor allem die Selbstwahrnehmung – körperliche, emotionale und mentale Selbstwahrnehmung (pädagogisch stets in der Reihenfolge).

Darin liegt das wichtigste Gegengewicht zu den blind-reaktiven Tendenzen, Schule zu „digitalisieren“. Wahrnehmung ist analog. Deshalb sind Selbstregulation, Sozialverhalten, Führungskompetenzen und Verantwortung analog. Die besten Computer haben nichts davon und zu frühe, zu dominante Präsenz von digitalen und virtuellen, zweidimensionalen Maschinen im Leben von Kindern bremst oder zerstört gar ihre geistige Entwicklung.  

Wir haben es hier mit den zwei grundverschiedenen Funktionsweisen der rechten und der linken Hälfte des Neokortex zu tun, wie ich sie weiter oben und in Teil 7 schon beschrieben habe. Nur die „analoge“, vernetzende rechte Hemisphäre kann mit Komplexität umgehen. Selbststeuerung und Sozialkompetenzen sind hochkomplex. Deshalb sollte die rechte Hemisphäre mit ihrer holistischen Logik psychologisch immer der Chef sein – innerpsychisch genauso wie sozial, institutionell und kulturell. Nur sie hat Überblick, Wahrnehmung, Einfühlung und Zugang zu Erinnerungen und Erfahrungslandkarten. Die linke Hemisphäre sollte ihr untergeordnet sein, ihr dienen und von ihr gesteuert werden mit ihrer Genauigkeit, Fehlersensibilität, Begriffsbildung, Abstraktionsfähigkeit und Kontextunabhängigkeit.

Wir trainieren die rechte Hemisphäre durch alles, was Körperwahrnehmung schult, durch alles, was soziale Umsicht, Einfühlungsvermögen und Überblick braucht, durch alles, was Intuition, Kreativität, Spontaneität und Eigenmotivation fordert. Vor allem aber durch alles, was im zwischenmenschlichen Kontakt stattfindet. Autisten haben nur eine linkshemisphärische Identität, deshalb ist bereits die einfachste Kontaktsituation für sie eine Überforderung. Eines der wichtigsten Elemente von Verantwortungsschulung sind Kontakt und Austausch mit gegenseitigen Auseinandersetzungen und gegenseitigen Rückmeldungen.

Jeder, der sich über neue Bildungskonzepte für Talent- und Intelligenz-Förderung Gedanken macht, sollte diese Grundprinzipien kennen und berücksichtigen.

Zur Genesung der deutschen Wesens-Kern-Kraft

Wie oben zum Thema Angst und Scham schon angedeutet, ist gerade die deutsche Charakterkultur stark geprägt durch Lähmungs- und Totstell-Reaktionen auf Angst und Scham. Der Grund dafür liegt meines Erachtens in der über Jahrhunderte hinweg, bis heute wirksamen und von Deutschen sehr gepflegten Tradition, System und Struktur höher zu schätzen als alles Kindliche und Lebendige.

Dies führt dazu, dass Kinder zu früh dazu gezwungen werden, sich an ihre Umwelt (Familie, Schule, …) anzupassen. Zu früh deshalb, weil sie dazu gezwungen werden, bevor sie wirklich anpassungsfähig sind. Was tun sie also? Sie unterwerfen sich. Das ist ein psychosomatischer Kollaps, der einen fügsamen und innerlich kontrollierten, aber unselbständigen, willensschwachen und unlebendigen Charakter hervorbringt. In der ultra-preußischen Pädagogik war es die zu frühe Einpassung in Disziplin, Selbstkontrolle und Gehorsam. Heute ist es die ebenso unfreiwillige Fügung unter die viel subtileren Erwartungen, Idealvorstellungen und den daraus entstehenden Leistungsdruck, unter dem heute Eltern stehen, um „gute Eltern“ zu sein, und den sie unbewusst auf die Kinder übertragen, weil sie ihnen weder die Aufmerksamkeit noch die Freiheit geben können, so zu sein wie sie – als Kinder – eben sind. Der meist unausgesprochene permanente Vergleich mit Idealvorstellungen und Ansprüchen wird in der Moderne nicht mehr so sehr mit Strenge und Dominanz überwacht, sondern über Aufmerksamkeitsverteilung gesteuert. Die hohen Ansprüche, die wir in Deutschland gegenüber uns selbst und natürlich auch gegenüber unseren Kindern mit uns herumtragen, werden bloß verschleiert durch eine scheinbare Laisser-faire-Haltung, die in Wirklichkeit Mangel an Aufmerksamkeit, Interesse und Wertschätzung ist. Das neue Laisser-faire ist Vernachlässigung (siehe dazu Teil 2: die Psychologie von Links).

Unsere Kinder wachsen in einem verwirrenden Double-bind auf: Tu, was du willst – aber erfülle unsere Erwartungen! Sei spontan – und zwar so, wie wir es uns wünschen! Diesen Konflikt kann ein Kind nur lösen, indem es eine Als-ob-Persönlichkeit entwickelt, mit der es nach außen hin das Bild von Einpassung aufrechterhält, während die Verbindung zum inneren Wesenskern immer dünner und schwächer wird. Daraus entsteht entweder die Tendenz zum Narzissmus, also der Abtrennung der äußeren Persönlichkeit von eigenen Bedürfnissen und Gefühlen, oder im Extremfall die Tendenz zur Borderline-Störung, das ist die Entwicklung einer sozial-funktionierenden Persönlichkeit ohne körperlich und emotional verankerte Identität.

Eine sehr deutsche Haltung, die tief in unsere Identität eingeprägt wurde, ist: Ich muss einem Ideal, einer Idee, einer Erwartung entsprechen! Und deshalb ist die deutscheste aller Fragen: Darf ich das? Gefolgt von der zweit-deutschesten Frage: Ist das richtig so?

Mittlerweile ist das Verb „dürfen“ auch im links-psychologischen Sprachgebrauch semantisch erweitert worden um die Bedeutungen „können“ und „wollen“. Das ist Borderline-Sprache und nicht mehr narzisstisch: man möchte an kein Können oder Wollen mehr erinnert werden (weil man es nicht mehr hat) und verdreht dafür die Sprache in ein neues, vages, alles- und nichtssagendes „dürfen“: „Da durfte ich eine schwierige Erfahrung machen“, „Das darf ruhig noch besser gemacht werden“, „Ich darf mir jetzt ein Eis gönnen – wenn man das mal so sagen darf“. Auch wenn der moderne mentale Kollektiv-Partikel alias “Mensch” sich für frei und autonom hält, verrät ihn seine Sprache als infantilen Sklaven: für ihn ist alles eine Frage des Dürfens oder Nicht-Dürfens geworden. Die ihn bestimmende und drangsalierende Autorität ist dabei zu einer unsichtbaren psychischen Omnipräsenz geworden, die man in früheren Zeitaltern noch korrekt als Besessenheit bezeichnet hätte. Die Deutschen sind offensichtlich nicht mehr bei Sinnen, sondern Unterwürfigkeits-besessen.

Die Verantwortungslosigkeit der Deutschen liegt deshalb nicht am Mangel an Interesse an anderen – davon haben wir noch eine Menge – sondern am Mangel an Selbstwahrnehmung und Selbstrespekt. Man muss es deutlich sagen: an unserem Mangel an Selbst. Und wer nicht weiß oder nicht glaubt, dass er etwas Wichtiges und Wertvolles in sich trägt, der wird auch in sich nicht nach Antworten suchen, also passiv, fügsam und ohne Antworten bleiben. Stolz ist ein entscheidendes Merkmal von Verantwortungsfähigkeit.

Wie kommen wir da wieder raus? Wie kommen wir zurück zu der Fülle und Echtheit unseres Wesens? Wie können wir von dieser Krankheit der Wesens-Entfremdung wieder genesen?

Die deutsche Kultur hat das Heilmittel vor langer Zeit selbst einmal hervorgebracht mit einer in der ganzen Weltgeschichte bisher einmaligen und in der ganzen Welt bisher einzigartigen Kulturphilosophie: der Romantik. Es gibt nur eine Romantik im philologischen Sprachgebrauch: die deutsche Romantik.

Und ich möchte darauf hinweisen, dass es umgekehrt genauso ist – und das ist für das Thema meiner Artikel-Reihe viel bedeutsamer: das, was die Romantik als Kulturerscheinung ausmacht, kann ihrem Wesen nach nicht nur ausschließlich deutsch sein, das Deutsche ist seinem Wesen nach romantisch. Ansonsten ist es nicht vollständig, nicht authentisch oder nicht gesund.

Mit anderen Worten: die größte Integrität des deutschen Geistes als Ausdruck des deutschen Wesens finden wir in der Geisteshaltung der Romantik und all ihren Früchten und Ablegern.

Was bedeutet das konkret?

Es bedeutet, dass wir den Faden wieder aufgreifen müssen, den die deutsche Kultur zusammen mit sich selbst vor über 140 Jahren verloren hat. Das Studium dieser Epoche ist ein Thema für sich, für das in diesem Rahmen kein Platz ist, aber es lässt sich sagen, dass die Kultur der Romantik niemals über ihre kleinen Anfänge und über ihre großen Entwürfe hinausgekommen ist. Sie ist nie realisiert worden. Uns kamen „irgendwie“ politischer Verrat, psychopathische Machtapparate und zwei Weltkriege dazwischen.

Was nicht heißt, dass wir den Faden nicht wieder aufgreifen könnten. Ich glaube, wir müssen ihn wiederfinden, auch wenn das ein langer und anstrengender Weg wird. Nicht, weil damals alles „schön und besser“ war, sondern weil in den damaligen Anfängen und Ansätzen der einzige Weg zu unserer Gesundung und Entfaltung im Sinne unseres Wesens liegt.

Was müssen wir wieder aufgreifen?

Wir müssen den großen Gedanken wieder aufgreifen, dass der fühlende und denkende Mensch in der Mitte des Universums steht. Dafür müssen wir die subjektive, psychische Sichtweise in unsere objektiven Betrachtungen einbeziehen. Mit den ganzheitlichen Verstehens-Ansätzen der romantischen Dichter und Denker zur Gründung einer wahrhaft humanistischen Philosophie überwinden wir den kantschen Agnostizismus und Irrationalismus und alle die darauf fußenden menschenfeindlichen Ideologien von Kollektivismus und Altruismus. Die Geisteshaltung der Romantik würde uns zurückbringen zum Bezug auf unsere menschliche Natur, wie sie ist und was sie braucht, und erkennen, dass Leben über Technologie, Verstand über Gefühlen und Geist über Materie steht. Sie würde uns zurückbringen zum Erkennen des Wesentlichen und seiner gesunden Ordnung.

Wir müssen dann die kulturell erhabene Intention wieder aufgreifen, Religion, Kunst und Wissenschaft zu verbinden unter einer umfassenden Philosophie des menschlichen Geistes. Diese Philosophie ist nur vollständig, wenn sie sowohl Metaphysik als auch Erkenntnistheorie, Ethik und Ästhetik umfasst, wobei die Ästhetik als die Frucht dieser Philosophie zu betrachten ist. Die Romantik hat verstanden – oder wiederentdeckt – dass objektive Richtigkeit und Schönheit zwei Facetten der gleichen Medaille sind. Es gibt deshalb eine Ästhetik des Körpers, eine Ästhetik der Sinne, eine Ästhetik der Moral, eine Ästhetik der Psyche und des Verstandes und eine Ästhetik der Gemeinschaft und des sozialen Miteinanders. Man könnte von der Schönheit und Richtigkeit in Organisationen und Institutionen sprechen, die Hand in Hand gehen miteinander und auf den gleichen Prinzipien aufbauen wie die Schönheit, die ein Mensch ausstrahlt, wenn er integer, aufrichtig und authentisch ist.

Für eine Genesung im ganzheitlichen Sinne der Romantik brauchen wir Motivation zu Schönheit. Das Zerstörungsziel der Psychopathen und aller anti-humanen Kräfte lässt sich auf einen Nenner bringen: es ist die Zerstörung von Schönheit. Also zuerallererst die Zerstörung unserer natürlichen ästethischen Wahrnehmungsfähigkeiten. So wurde uns die Fähigkeit zum Fühlen über Jahrhunderte hinweg sukzessive und willentlich betäubt und zerrüttet. An der modernen Architektur können wir besonders gut ablesen, was mittlerweile alle kulturellen Institutionen ausmacht: die Fixierung auf die Produktion von Würdelosigkeit, Hässlichkeit, Morbidität und Destruktivität. Es ist diese schleichende Zersetzung von Gefühl und Ästhetik, die uns der Menschlichkeit beraubt hat. Wir werden sie umgekehrt nur über Gefühl und Ästhetik wiederfinden können.

Der Geist der Romantik hat genau dieses Ideal vor Augen. Er beschäftigt sich nicht primär mit dem, was ist, sondern mit dem was sein sollte. Das ist mehr als eine moralische Frage, es ist die Frage nach den Möglichkeiten und den guten Zielen des menschlichen Geistes – unter Berücksichtigung der ganzen Schöpfung wie wir sie vorfinden. Diese Geisteshaltung erkundet und untersucht die gegebene Natur und ihre Gesetze, aber sie richtet sich an etwas noch Höherem aus: an dem, was der Mensch daraus und damit machen und gestalten kann. Sie sieht den Menschen als Gestalter und Schöpfer und nicht als Opfer.

Dieser Geist der Ganzheit und Ästhetik als Ausdruck unseres Verstandes kann uns zu der Besinnung (zurück-)bringen, die uns aus der Lähmung und den Krämpfen der Fragmentierung, der chronischen Überforderung, der Oberflächenverblendung und dem Materialismus aufwachen und herauskommen lässt. Nach der Besinnung gibt er uns auch eine klare Orientierung, um sowohl innerlich als auch äußerlich Harmonie und Ganzheit wiederherzustellen. Eben nicht durch neue, freischwebende Ideen und „Es wäre doch schön, wenn“-Ideologien, sondern durch das Studium und Erkennen der Naturprinzipien um uns und in uns.

Er zeigt uns den Weg zurück zur Natur – aber mit all unserer modernsten Technologie, mit unserem Verstand und all unserem Wissen von Quantencomputern, über Skalarwellen-Energie und signalfreie Informationsübertragung. Wir haben uns daran gewöhnt, Technik und Natur als Gegensätze zu sehen, weil wir das Bindeglied, den menschlichen Verstand, diskreditiert und ausgeblendet haben als wäre er eine Störung. Wir dachten, wir könnten mit Konzepten über „Umwelt“ und „Ökologie“ die Kontrolle wiedergewinnen und haben dabei die Natur vergessen.

Ich habe in Teil 8 schon die Grundzüge des deutschen Wesens nachgezeichnet anhand der zentralen Begriffe Besinnung, Betrachtung und Verinnerlichung. Damit sind sicher nicht alle, aber meines Erachtens die wichtigsten Kräfte des deutschen Wesenskerns benannt, die wir Deutschen leben und verkörpern müssen, um mit uns im Einklang zu sein. Dafür müssen wir sie wiederentdecken.

Mit diesen Kräften, die unserem Wesen entsprechen und entspringen, können wir jene wertvollen Antworten finden, die nicht nur wir, sondern die Menschheit in der jetzigen Epoche von Hochtechnologie ohne Geisteskultur unbedingt braucht, weil wir uns sonst selbst vernichten wie ein Horde wilder Affen in einem Hightech-Labor.

Der Geist und die Erkenntnisse der Romantik sind meines Erachtens die einzigen, die dem gerecht werden können, weil sie den ganzen Menschen ins Zentrum und über jegliches System stellen. Das ist die Umkehrung der teuflischen Abwärtsspirale, die irrationale Ideologien, Systeme und Technik immer höherstellt und den Menschen zu immer erniedrigenderer Unterwerfung verführen will.

Wir müssen wieder zurückkehren zu den geistigen Anfängen unserer Vorfahren des 18. und 19. Jahrhunderts – diesmal um ein Vielfaches klüger und erfahrener durch die vielen Sackgassen und Fallen der letzten 150 Jahre. Das heißt vor allem kampfbereiter, das Gesunde und Richtige mit Kraft zu verteidigen und durchzusetzen gegen Täuschung, Lüge, Verrat, Schindluder und die Ambitionen des Gestörten. Das heißt verantwortungsbewusster und verantwortungsfähiger.

Abschluss und Entschluss

Worum ging es in dieser Artikel-Reihe? Um Verantwortung? Um die Misere der Gesellschaft? Um den kulturellen Untergang und ihre Rettung? Um ein „deutsches Wesen“? Um kollektive Genesung?

Nein. Es ging um etwas anderes, das ich nur unter dieser gesellschaftlichen Problemstellung und Kollektiv-Flagge eingeschmuggelt habe. Es ging um dich, den Leser, den Einzelnen. Alle Teile dieser Reihe handeln von dir. Sie handeln nicht bloß von dem, was du siehst, wenn du in die Welt oder in die Nachrichten schaust, sondern vielmehr von dem, was du siehst, wenn du in dich selbst hinein und in den Spiegel schaust.

Das Kernthema dieser Artikel-Reihe war nicht Verantwortung, sondern Integrität. Deine Integrität. Welche sonst?

Es ging um Übereinstimmung. Dafür mussten wir den Blick für Nicht-Übereinstimmung schulen, für all die Krankheiten und Perversionen, die entstehen, wenn wir abweichen. Abweichen wovon? Von unserer Wesensnatur, von dem, was wir von Anfang an sind. Von der einmaligen Kombination aus Körper und Geist, die dich und jeden im Ursprung ausmacht. Wenn du sehen kannst, wo und wie du von dir selbst abweichst, und wenn du das Unbehagen, die Unzufriedenheit, den Schmerz, die Verzweiflung darüber lang genug aushalten kannst ohne davor wegzulaufen und dich abzulenken, dann hast du genug Führung in dir, um den Weg zu dir selbst zurück zu finden und von dort aus zu gehen.

Wenn wir irgendeinen anderen Weg gehen, können wir durchaus alles bekommen, was die Welt und die Gesellschaft uns geben können: Geld, Anerkennung, Ruhm, Wohlstand, Macht, Zugehörigkeit, Geborgenheit, Zufriedenheit, Bequemlichkeit, Dankbarkeit, sogar einen funkelnden Heiligenschein. Aber wir bekommen das Eine, das Wertvollste nicht: das, was wir in uns selbst finden müssen. Wir bekommen uns selbst nicht.

Verstehen kann das nur, wer erkennen kann, dass dies wertvoller ist als alles andere; dass die größte, hellste und schönste Illusion weniger wert ist als ein einziger Groschen, der echt ist. Dafür muss man aber noch einen Rest an Verbindung zu seinem eigenen Wesen haben. Um Gold herzustellen, musst du zu Anfang schon ein kleines bisschen Gold haben, sagten die Alchemisten. An dieses Gold kommen viele, sehr viele Menschen nie in ihrem Leben dran. Es ist das Erbstück, dass sie unangetastet hinter Eisentüren verwahrt lassen und eingerollt, unbenutzt und unentwickelt verkümmern lassen.

Wenn du durch diese paar Worte dieser Artikel an dieses Gold kommst, dann warst du sowieso schon ganz nah dran. Andere brauchen noch aufsprengendere Erfahrungen im Stil von Hammer und Meißel oder von einem Sturz aus dem fünften Stockwerk, etwas, das ihnen die durchdringende Einsicht in die Sinnlosigkeit und Leere eines Lebens ohne Wesenskern gibt. 

Fast jeder versteht das. Auf seinem Sterbebett.

Wir haben uns angesehen, was mit dir passiert, wenn du von dir selbst abbiegst, einer Illusion über dich unterliegst oder einen Teil von dir so sehr extremisierst, dass du deine Intaktheit verlierst. Wir haben diesen Weg zurückgelegt um zu zeigen, dass es nur einen einzigen Weg gibt, der richtig ist, weil es zu deiner Integrität keine Alternative gibt. Weil es zu dem, was du in deinem Wesen bist, keine Alternative gibt. Du musst nicht wählen und entscheiden, sondern erkennen und unterscheiden. Dann kannst du dich entschließen, das heißt aufschließen und erschließen, nicht um dich zu machen, sondern um dich zu finden und aus dem einen Echten heraus zu verwirklichen.

Alles andere ergibt sich danach und daraus. Alles andere ist nicht wichtig. Jede Anleitung ist nur dazu da, dich zu dem zurückzuführen, was ursprünglich an dir ist. Danach sprudelt diese Quelle von selbst und deine Aufgabe ist nur noch diese: mit ihr in Verbindung und Übereinstimmung zu bleiben; dich von nichts und niemandem davon abziehen zu lassen; deine Navigation durch das Leben immer weiter zu verfeinern, so dass du immer genauer deine Richtung und deinen Kurs wahrnehmen und halten kannst.

Die Belohnung ist eine ganz einfache: du wirst dein Leben leben und kein anderes. Du wirst dich entfalten und nichts anderes.

Etwas Größeres gibt es nicht.

Aufrufe: 2.162


Bitte beachten Sie zum Kommentarbereich den Abschnitt “Kommentare und Rückmeldungen” im Haftungsausschluss und Widerrufsbelehrung zu diesem Blog.

2 Kommentare
  1. Marie
    Marie sagte:

    Seneca befand: „Das höchste Gut ist die Harmonie der Seele mit sich selbst.“ Dieses höchste Gut fanden Individuen und Gesellschaften während der gesamten Menschheitsgeschichte in zeitlosen WERTEN wie Schönheit, Wahrheit, Zuverlässigkeit, Selbstdisziplin, Mut, Forschergeist, Ehrlichkeit, Freiheit, Integrität, Loyalität, Durchhaltevermögen, Pflichterfüllung, Verantwortungsbewußtsein, Freundschaft, Liebe.

    Wir – die westlichen Gesellschaften Europas und Nordamerikas – fangen gerade an, uns daran zu erinnern.
    DANKE für Ihre großartige Analyse!

    Antworten

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.