Gedanken zum Film „Einfach das Ende der Welt“

Der Film „Einfach das Ende der Welt“ (Juste la fin du monde, 2016) ist ein bewundernswertes Kondensat von Beziehungen und Wirkungen, die kaum besser unsere aktuelle gesellschaftliche Situation widerspiegeln könnten. Man kann ihn als eine Abwandlung des Themas „Die Rückkehr des verlorenen Sohnes“ verstehen: Was passiert, wenn der verlorene Sohn zurückkehrt – und es gibt keinen Vater mehr im Hause? Der Film stellt aber nicht bloß die Frage, er liefert eine – und ich meine: die – Antwort. Und es geht gar nicht um den Sohn, sondern um etwas viel Verheerenderes:

Wie sieht es aus, wenn niemand da ist, wo ein Vater sein sollte?

Da ist zum einen die aufgedrehte Ehefrau und dreifache Mutter als verlorener und hilfloser Rest Eltern. Sie ist zerrissen zwischen ihren verschiedenen Motivationen und Instinkten. Nämlich erstens, den friedlichen Zusammenhalt der Familie wiederherzustellen oder zu retten was davon übrig ist – zur Not auf Kosten der Realitätswahrnehmung und Intelligenz. Dann zweitens, die Rolle des fehlenden Vaters zu ersetzen oder zumindest so zu tun als wäre der Verlust nicht so gravierend, womit sie wiederum gegen die offensichtliche Realität antritt. Und drittens, wenn auch an den Rand ihrer Noch-Kapazitäten gedrängt, der Wunsch, eine attraktive, erotisch-verführerische Frau zu sein. Das billige Make-up und die bunten Maskierungs-Prozeduren, die sie in Eile nach allen Küchenarbeiten für diesen Zweck aufwendet, sind wiederum eine Form der Realitätsverleugnung, nämlich der Realität, dass die Zeit nicht spurlos an ihr vorüber gegangen ist. Sie greift hilflos auf Teenager-Routinen zurück, wo scheinbar nichts anderes zur Verfügung steht.

Dann haben wir das Pärchen „Der älteste Sohn mit seiner Frau“ in seiner konservativen Kostümierung – mit zwei Kindern und regelmäßigen Besuchen bei den Eltern – hinter der allerdings in Wirklichkeit eine Verwicklung aus Verzweiflung, Ohnmacht, Gewalt und Verbitterung steckt.

Die junge Ehefrau und Mutter muss sich in der täglichen Zerreißprobe zwischen emanzipierter und durschauender Intelligenz einerseits und einem emotional völlig zurückgebliebenen Ehemann andererseits bewähren, wobei sie ihren Mann als Erwachsenen zu behandeln versucht, während der sich wie ein Fünfjähriger benimmt. Mit all seiner angestauten Wut und Hilflosigkeit will er am liebsten von allem weglaufen, was er aber wegen seiner kaum kaschierbaren Unsicherheit und Abhängigkeit nicht kann. Also bricht er stattdessen ständig in verbale und physische Gewalttiraden gegen alles und jeden um sich herum aus.

Das Verhältnis der Männer (Brüder) untereinander ist bestimmt durch die Unfähigkeit, auch nur ein einziges aufrichtiges Wort miteinander zu sprechen. Geschweige denn, dem anderen empathisch zuzuhören. Das ist nur indirekt möglich – über die Frauen, die die überlastende Übersetzungsarbeit verweigern wollen, weil und obwohl es ihre größte Hoffnung ist, dass die Männer endlich einmal miteinander reden. Wenn die Männer sich nicht mehr aus dem Weg gehen können, können sie nur eine Zeitlang Signale in hilflosen Gebärden senden oder stumm nebeneinander sitzen, bis irgendwann der Damm bricht und sie in den offene und rohen Kampf übergehen: der aggressive Angreifer und der gelähmte Unterworfene.

Da haben wir die zwei dichotomisierten Männer(stereo)typen der Moderne vor uns: einerseits den gefühllos narzisstischen Macho, der im Grunde asozial ist und Spannungen nur über Brutalität von sich ableiten kann. Und andererseits den gefühlvollen, nachdenklich-introvertierten Jungen, der zwischen den Zeilen – und vor allem den Menschen – lesen kann, dabei aber dermaßen über-femininisiert ist, dass er seine eigenen Entscheidungen in der Passivität, seine Stimme in der Wehrlosigkeit und seine Wirkungsfähigkeit in kindlicher Sentimentalität verliert. Er hat die Seiten vollkommen gewechselt: er hört den Frauen aufmerksam zu, wenn sie über ihre Kinder sprechen, er befolgt ohne jegliche eigene Modulationen die Eingaben der Mutter, wenn sie ihm sagt, wie er sich anderen – wörtlich – mehr zur Verfügung stellen soll; und seine Erotik lebt er – mit Männern. Sind die zwei Brüder zwei entmannte Männer? Nein, es sind zwei Jungen, die nie Männer wurden: der zornige Dummkopf und der verweiblichte Sensible.

Und zuletzt ist da noch die Tochter, die ihren heimgekehrten Bruder nur aus Erzählungen und von Postkarten kennt. Man merkt schnell, dass ihr jeder Boden unter den Füßen fehlt. In ihrer psychisch labilen Situation wird sie wohl kaum jemals die Chance bekommen, wenigstens bis zu einer stabilen Mutterrolle im Sinne der traditionellen Kleinfamilien-Idylle heran zu wachsen. Und als verzweifelt Liebesbedürftige hat sie auch nichts, mit dem sie Männern den Kopf verdrehen könnte (stattdessen wird sie wohl eher an schon schwer verdrehte Männer geraten). Und das wird ihr sogar lieber sein, denn sie will allem, das nach Mann aussieht, den Kopf abreißen. Und dafür hat sie ansonsten nur den aggressiven Macho-Bruder, denn der schwule Künstler-Bruder ist im realsten Sinne des Wortes hinweggehoben und unerreichbar für sie – in die Sphären der abstrakten Ästhetik und der körperlichen Abwesenheit.

Warum muss sie Männliches angreifen? Zum einen als pure Selbstverteidigung gegen die Zerstörungswut ihres Bruders. Dann aber auch, um nicht an die Wunde des Vatermangels zu rühren, die bei einer Frau tiefer reicht und zerstörerischer ist als selbst die meisten aktuellen Bücher zum Thema zugeben wollen. Diese noch junge Frau hat eine Hasskarriere vor sich unter der viele leiden werden, doch sie selbst am meisten. Sie wird sich selbst verleugnen und hassen müssen: „Ich brauche keinen Vater! Ich habe nie einen gebraucht!“ Der Hass könnte dann auch bald ein Ventil nach außen finden, z.B. in der Maxime: „Tod den Vätern!“ oder, weil das dann doch wieder zu konkret ist, doch besser abstrakter, unpersönlicher: „Tod dem Patriarchat!“ Gemeint ist emotional das gleiche. Und wird sie damit nicht in die vordersten und lautesten Reihen aktiver Feministinnen aufgenommen?

Ein Bild unserer Gesellschaft und Zeit

Das Skript des Films wurde geliefert von einem Theaterstück, das mit diesen fünf Protagonisten auskommt. Der eigentliche Protagonist des Stücks – der Vater – ist abwesend, und Abwesenheit ist und bleibt sein Hauptcharakteristikum.

Seine Abwesenheit steht so markant und alles-dominierend in der Mitte des gesamten Films – ich möchte sagen: jeder einzelnen Szene – dass sie sogar noch verstärkt wird durch ihre komplette Tabuisierung unter den Personen. Über sein Wegsein wird (fast) kein Wort verloren . Aber für psychologisch offene Ohren wird den ganzen Film hindurch über nichts anderes gesprochen! Das Thema ist: Abwesenheit von Väterlichkeit. Das lateinische Wort für Vater ist pater. Daraus leitete sich unter anderem die Idee der patria, der Vaterstadt bzw. des Vaterlandes ab, was für die damaligen Sprachnutzer „Heimat“ bedeutete.

Dieser in mehrerer Hinsicht (also bitte mehr als einmal hinsehen!) sehr sehenswerte Film zeigt allegorisch verdichtet die psychologische Gesamtsituation unserer Zeit. Und so einprägsam bis über die Schmerzgrenze, wie er die Personen hilflos um das eine und entscheidende Problem kreisen lässt, so eindeutig und klar verweist er auf den Bedarf, aus dem wir eine echte Lösung als Not-Wendigkeit ableiten können: wir brauchen wieder Väter. Ansonsten sind wir verloren. Als Söhne und dann als Männer untereinander, als Mütter, als Liebende und bereits als Töchter. Wenn das alles verloren ist, was können wir dann noch leben und sein? Zombies im Produktions-Konsumkreislauf? Leistungsträger im Stromnetz der Wirtschaftsmaschinerie? Psychiatrische Patienten, die sich als Bürger ausgeben?

Die Vater-Substanz, die wir brauchen

Was aber fehlt denn nun, was ein Vater, also die Kraft von Väterlichkeit, einbringen würde? Zum ersten Begrenzung, Abgrenzung und Grenzverteidigung. Jemand, der die Autorität hat, zu stoppen und damit Regeln und Werte aufrecht zu erhalten. Und damit also auch jemand, der einen Rahmen setzt und hält. Ein Rahmen von Ge- und Verboten, Regeln und Ansprüchen ist ein psychisches Gefäß, in dem Menschen sich zunächst vor allem einmal sicher fühlen können, weil sie einen gemeinsamen Bezugspunkt haben. Der muss nicht einwandfrei und pädagogisch klug sein, um zu wirken. Er wirkt bindend und verbindend durch sein Ausrichten.

Das zweite, fragilere Element ist die väterliche Aufmerksamkeit. Es ist für die psychische Entwicklung und Gesundheit des Menschen unabdingbar, Aufmerksamkeit im richtigen Moment und in der richtigen Form von außen zu bekommen. Denn nur so lernen wir, Wohlwollen und Sichtbarkeit zu verinnerlichen. Wir werden damit nicht geboren. Und es liegt ein großer Unterschied zwischen der Aufmerksamkeit von der Mutter und der vom Vater – beide hier als archetypische Rollen gegenüber dem Kind verstanden, nicht bloß als Personen. Dazu ließe sich ein ganzes Buch schreiben. Ich will einmal versuchen, den bedeutendsten entwicklungspsychologischen Kern dieses Unterschieds in einem Satz zusammen zu raffen: Die Aufmerksamkeit des Vaters stärkt und fördert die maskulinen Eigenschaften im Kind/Jugendlichen, die für die Ablösung aus der Abhängigkeit von Mütterlichkeit notwendig sind: Differenzierung, damit Ent-Scheidungsfähigkeit, Grenzsetzung, Mut, Konfrontation, Eigen-Positionierung und letztlich Selbständigkeit in der umfassendsten Bedeutung des Wortes.

Die Aufmerksamkeit des Vaters ist wie ein Transportmedium dieser Fähigkeiten. Ihr Potenzial liegt in jedem angelegt, es muss jedoch aktiviert werden, indem es vor allen Dingen gesehen und damitbestätigt und bestärkt wird.

Der Film zeigt, was passiert, wenn diese rahmensetzende Funktion verloren geht. Es führt in kürzester Zeit zu Entgrenzungen auf allen Ebenen: emotional in der unkontrollierbaren Steigerungs-Spirale von Verzweiflung und Zerstörungswut; sozial in der Ausuferung von Gewalt und Verrat; moralisch als Auflösung von bindenden Werten und damit der Basis für Solidarität; familiär in der Zerrüttung von Respekt und natürlichen Rollen; kommunikativ im Auseinanderdriften der Menschen ohne sich noch verständigen und erreichen zu können. Kurz: die Menschen radikalisieren sich in ihren Mustern von instinktivem Selbstschutz. Wir sehen eine Zuspitzung auf rohe Kampf-, Flucht- und Lähmungsreaktionen.

Aber hat man uns nicht eingetrichtert, dass das Mütterliche, Weibliche oder sogar „die Frauen“ dies lindern und verhindern sollen? Wer glaubt das noch? Was kann eine Mutter, eine Frau oder Schwester denn bewirken, wenn die Vaterkraft grundsätzlich fehlt? … um die Talfahrt aufzuhalten? Der Film beantwortet ganz realistisch und deutlich: nichts.

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