Vater um Mutter um Kind

Teil 2: Auferstehung


5.2.2022

Wir haben im ersten Teil gesehen, dass das gesamte Spektrum unseres kulturellen Abstiegs, auf der philosophischen, sozialen, wirtschaftlichen bis zur persönlich-mentalen und moralischen Ebene, begriffen werden kann als die Symptome eines Abgleitens in matriarchale Strukturen, die wiederum nur die gesellschaftlich-politische Folge eines eklatanten Bewusstseinsmangels, zum großen Teil sogar Bewusstseinsverlusts der Menschheit sind. Wir haben es hier also mit einem so umfassenden und grundsätzlichen Vorgang zu tun, dass Fragen nach Schuld und Verursachung viel zu kurz greifen und uns in die falsche Richtung leiten würden.

Man könnte einmal hypothetisch ein von Menschen oder sonstigen intelligenten Wesen initiiertes Projekt zur allgemeinen Absenkung des Bewusstseinsniveaus der gesamten Menschheit annehmen, aber die Frage wäre dann immer noch, was solch einem Projekt die Grundlage gab und wie es denn kam, dass die Menschen daran – als Mittäter und Opfer – mitwirkten. Wenn wir dieses weltweite kulturatmosphärische Phänomen wirklich verstehen wollen, müssen wir bereit sein, die Ursache-Wirkungskette so weit zurückzuverfolgen, bis wir auf eine Ursache oder initiierende Kraft stoßen, die wir als essentiell gegeben und als Teil – wenn nicht des Kosmos so doch zumindest der Menschheit an sich – erkennen können. Wir können nicht einfach den diabolus ex machina erklären und alle weiteren Fragen einstellen, wenn wir den Mummenschanz beenden wollen.

Wir müssen etwas finden, dass nicht gemacht wurde, sondern der Sache selbst, also der Menschheit ihrer Natur nach immanent ist. Das wäre dann die Ur-Ursache, jene prozessauslösende Seinsqualität, die andernorts als „Karma“ bezeichnet wird: das Substrat, aus dem Ursache-Wirkungs-Vorgänge hervortreten und nur durch eine Veränderung eben dieser Seinsqualität, also des Substrats, verändert oder beendet werden können. Vorher dürfen wir nicht aufhören zu fragen, weil wir sonst nicht an die bewirkende Kraft kommen und uns nur immer weiter in jenen Kampf verheddern, dessen Ursprung in uns selbst, in unserer inneren Struktur wir nicht zu erkennen vermögen.

Die Aufklärer und Ursachenforscher, die sich dieser Dimension nicht bewusst sind oder nicht bewusst sein wollen, enden an willkürlich gewählten Punkten der Ursachenforschung und Beziehungs-Verkettung und tüfteln ihre Erklärungsmodelle nur noch in die Breite aus, ohne jemals noch einen Zentimeter an Tiefe zu gewinnen. Die Endpunkte des Nachfragens und Nachforschens sind sehr unterschiedlich – ja nach Vorlieben, emotionalen und mentalen Grenzen und biografisch vorformatierten Weltbildern. So ist zu erklären, warum gleichermaßen ernsthafte und engagierte Politik-Detektive so unterschiedliche Ursachenkonzepte präsentieren. Für die einen endet die Ursachenforschung bei den Freimaurern, andere nennen Jesuiten und Dunkelpäpste oder alte geheime Stammbaumdynastien, und der nächste glaubt, dass diese wiederum von Außerirdischen oder atavistischen Riesen eingesetzt oder gesteuert werden, welche zum letzten Mal im Alten Testament oder in ägyptischen Hieroglyphen beurkundet wurden. Was alle diese Modelle gemeinsam haben ist, dass nur die Protagonisten weltlicher, politisch steuernder Macht, also nur ausführende Figuren als Täter gesehen und dass diese Täter mit Verschuldern verwechselt werden; dass außerdem die Opfer und deren Mentalität und Motivation gar nicht untersucht werden und dass es immer bei dem Schema „die starken Bösen gegen die schwachen Guten“ bleibt ohne dass die Ursache für diese Dynamik jemals aufs Tablett kommt. Von einem Sinn und Zweck ganz zu schweigen. Ich habe in vorhergehenden Artikeln schon näher erläutert, dass zu solchen Spielen, egal ob Täter-Opfer-, Betrüger-Betrogener-, Mächtige-Ohnmächtige- oder Wissende-gegen-Unwissende-Spiel, immer zwei gehören, die beide mitspielen müssen und beide gemeinsam mit ihren Rollen das Spiel überhaupt erst zustande bringen.

Die Einwände an dieser Stelle sind stets die gleichen: wer würde denn so ein Spiel wollen? Wer würde seine Kinder opfern? Wer würde sich freiwillig versklaven lassen? Wer würde sich auf ein Spiel einlassen, bei dem er nur verlieren kann, unterdrückt, missbraucht und ausgeraubt wird? Und so weiter.

Die Antwort lautet: erstens der, der keine Wahlfähigkeit hat und zweitens der, der dieses Spiel für seine Entwicklung braucht.

Eine klügere Frage für ein tieferes Verständnis wäre deshalb: welche Bedingungen und Kräfte führten zu dieser Dynamik? Und nicht, „Wer ist schuld?“. Ein weitere kluge Frage wäre: was können wir daraus lernen?

Es wird sichtbar: wir geraten in eine völlig andere und weitere Erkenntnisdimension, wenn wir uns als betrachtende, erlebende und erkennend-lernfähige Subjekte mit in die Untersuchung der sich auftürmenden Misere einbeziehen. Also auch mit in die Fragen und mit in die Ursachenforschung einbeziehen. Damit ist jene Schwelle markiert, vor der die meisten schon mit großem Abstand kehrt machen oder abbiegen. Auch an einigen Leser-Kommentaren unter dem ersten Teil ist zu erkennen, dass die Grenze zum besseren Verständnis selbst der deutlich beschriebenen Implikationen und Bedingungen an der Stelle für manche zu einer unüberwindbaren Mauer wird, an der es darum geht, psychische Mechanismen und Bewusstseinsprinzipien als Ursache für soziale, politische und mentale Strukturen zu erkennen und den gängigen Fehler (und Selbstschutzmechanismus) zu vermeiden, dass man Ursache und Wirkung verwechselt und die psycho-kulturelle Verfassung inklusive ihrer Bewusstseinsräume für eine Folge philosophischer, sozialer oder politischer Strukturen und Veränderungen hält.

Dabei hat uns doch die Quantenphysik angeblich nichts so sehr versucht zu vermitteln wie die epistemologische Notwendigkeit, den Betrachter mit dem Betrachteten zusammen in die Betrachtung einzubeziehen. Und wenn „Schönheit im Auge des Betrachters“ liegt, warum dann nicht auch alles andere, z.B. Hässlichkeit, Macht, Geheimnistuerei, Außerirdisches, Irrungen und Wirrungen oder Täter-Opfer-Spaltung und ähnliche Schwarz-Weiß-Kachelungen?

Was das für den Einzelnen bedeuten kann und warum dieser Weg des Verstehens nur für den Einzelnen beschreitbar und zweckmäßig ist, darauf werden wir in einem dritten Teil dieser Reihe zurückzukommen haben.

In diesem Teil soll es erst einmal darum gehen, den Ausweg aus der matriarchalen Verpuppung sichtbarer zu machen und dass es – wie bei Verpuppungen so üblich – die Möglichkeit der Weiterentwicklung und Befreiung gibt – wenn man nicht vorher gefressen wird.

Setzen wir also an der Stelle fort, an der wir zuletzt geendet haben, bei dem Hinweis auf das Erinnern als Teil einer großen bevorstehenden Aufgabe zur Befreiung aus der Matrix und zur Umkehr der Abstiegsprozesse wieder aufwärts in eine Evolution.

Die Wachstumsaufgabe

Aus dem im ersten Teil Dargestellten ergibt sich die not-wendige Aufgabe, vor der wir stehen als logisch leicht erkennbare Konsequenz, wenn wir nicht im Spinnennetz der matriarchalen Hyperdominanz untergehen wollen: wir müssen intellektuell, moralisch, politisch, sozial und strukturell wieder zu den Prinzipien des Patriarchats zurückfinden. Und zwar am besten in genau dieser Reihenfolge.

Es gibt auch einen Entwicklungsweg darüber hinaus – selbst die gesunde und intakte patriarchale Ordnung ist nicht die höchstmögliche für uns Menschen und aller Weisheit letztes Wort, aber das wird frühestens für den übernächsten Entwicklungsschritt relevant werden und nichts ist relevanter (und seltener) als den unmittelbar nächsten notwendigen Schritt des Entwicklungsweges zu kennen und zu fokussieren, auf dem man sich selbst befindet.

Wenn wir erkannt haben, wie tief wir in defizienten und degenerierten matriarchalen Bewusstseins- und Machtstrukturen stecken und dass gesunde patriarchale Strukturen die Bedingungen für mehr Freiheit, mehr Wesenskongruenz und mehr menschliche Entfaltungsmöglichkeiten sind, dann ist der nächste notwendige mentale Schritt die Befreiung von der Idee, patriarchale Strukturen ständen antagonistisch gegen matriarchale. Es ist kein Entweder-oder und Nebeneinander, sondern ein Kleiner-oder-größer, ein Enger-oder-weiter, ein Niedriger-oder-höher, ein Kindlicher-oder-reifer. Also kein Konkurrenzverhältnis, sondern das von Stufen einer Entwicklung, die aufeinander folgen und aufbauen. Es geht um Wachstum und Erweiterung.

Denn die patriarchale Logik der Ausrichtung an objektiven Gesetzen, welche nur mit dem rationalen Verstand erkannt und formuliert werden können, schließt die gesunde matriarchale Versorgungs- und Bewahrungslogik nicht aus, sondern sie schließt sie mit ein und umfängt sie. Wie soll es auch anders gehen? Der Wechsel ins patriarchale, gesetzesfundierte Denken ist ein Zuwachs an Bewusstsein für menschliche Fähigkeiten, Eigenschaften und vor allem Potenziale, nämlich insbesondere für die geistigen, abstrahierenden und begriffsbildenden Fähigkeiten und somit eben auch für die Form und Struktur der Gemeinschaften, die ihm entsprechen. Durch einen Zuwachs an Bewusstsein wird das vorhandene Bewusstsein für primäre und basale Prozesse und Bedürfnisse nicht beseitigt, sondern nur relativiert und ergänzt.

Das Bewusstsein für das Zyklische und für die Notwendigkeit geschlossener Kreise und Kreisläufe bleibt im Patriarchat erhalten, aber es verliert seine Absolutheit und Dominanz, weil das abstrakt denkende Bewusstsein höhere, d.h. umfassendere Gesetzmäßigkeiten und Abhängigkeiten erkennen und nutzen kann.

Alles, was sich dreht, impliziert einen Antrieb und ist Motor, aber es hat keine Richtung. Das patriarchale Denken, also das abstrakt-rationale Denken fügt zu der Dimension des Antriebs die Dimension der Richtung hinzu – und zwar im Bewusstsein der Menschen. Rein matriarchale Gesellschaften sind Triebwerke oder Steuerruder ohne Cockpit. Ihre Kapitäne haben kein Ziel und keinen Kurs. Erst das rationale Denken in zeitlosen, nicht-dinglichen Begriffen und Gesetzmäßigkeiten kann die stetige Umdrehung des natürlich Kreisenden in eine lineare Bewegung umwandeln. Ein Auto oder ein Flugzeug beruhen auf Ideen, die über einen Motor weit hinausgehen. Ein Motor ohne Getriebe und Ausrichtung seiner Energie und Bewegung auf ein Gefüge von umwandelnden Mechanismen (Räder, Turbinen, Düsen) ist nichts weiter als ein Ding, das sich dreht, Energie verbraucht und mehr oder weniger Hitze und Lärm produziert.

Alles, was heute als Hochgeschwindigkeitsstillstand diagnostiziert werden kann, entspricht dem Prinzip „Energien und Motoren ohne Richtung und ohne Lenker“. Wenn wir zusätzlich bedenken, dass ein alter Begriff für Richtung Sinn ist, dann können wir feststellen, dass so gut wie alles Treiben der Menschen heutzutage sinnlos ist. Es ist sogar unsinnig und die darin sich um und um immer schneller Drehenden nicht mehr bei Sinnen. Das althochdeutsche sinnīg bedeutete das Gegenteil davon, nämlich „mit Vernunft begabt“, „verständig“ und “erkennend“.

Der Schritt ins patriarchale Bewusstsein ist also auch der Schritt ins verstehende, ins ingenieurstechnische und architektonische, also ins funktionale Denken.

Der Mensch kann sich damit selbst erkennen als mehr als nur einen Teil der ewig kreisenden Natur, nämlich als derjenige, der diese Kraft des Gegebenen, des natürlichen Antriebs, benutzen kann, um das Gegebene zu gestalten und zu formen. Damit als Vertreter von Geist und nicht Materie.

Das Selbstverständnis des Menschen erweitert sich auf dieser Bewusstseinsstufe also vom Nur-Teilhabenden und Gesteuerten hin zum auch Gestaltenden und Steuernden. Und zwar durch das Erkennen der Wirkmechanismen und Prinzipien der gegebenen Kräfte und Bedingungen. Das, was unsere Muskeln und später dann unsere Apparate und Maschinen steuert, sind nicht unsere Instinkte, Emotionen, Bedürfnisse oder Vorstellungen, sondern unser erkennendes und verstehendes Denken.

Während im Matriarchat die Kraft (letztlich der Muskeln und der Impulse aus dem Vegetativen) die Dominanz hatten, übernimmt im Patriarchat das Denken die Herrschaft. Wenn wir für einen Moment bei der physiologischen Analogie bleiben wollen: die Kultur einer Gemeinschaft wächst dabei von einer hormonell dominierten und organzentrierten Reiz-Reaktions-Kultur des Autonomen Nervensystems zu einem senso-motorischen Steuerungs-Bewusstsein des Neokortex. Und die zentrale Hauptfunktion des Neokortex ist Integration, also das Zusammenfügen vieler einzelner Elemente aus Wahrnehmung, Gedächtnis, Erfahrungen und Reaktionsmustern zu einem Ganzen. Keine andere Instanz im Menschen kann dies leisten. Und deshalb sind auch Steuerung und richtungsgebende Koordinierung nur von dort aus möglich, nur dort, wo Überblick, Gesamtverständnis und Organisation entstehen. Dort erst entsteht Sinn.

Damit haben wir im Übrigen auch schon einen Hinweis auf die drei Facetten des Erinnerns, in denen eine Bewusstseinssteigerung über das sozial-reaktive Bewusstsein hinaus liegt, nämlich des (1.) Integrierens, des (2.) Bedenkens und des (3.) sich-Besinnens. Alle diese drei Aspekte des sich-Sammelns, sich-Bündelns, also sich-Zusammennehmens und innerlich Zusammenkommens wirken als Gegenkraft zu Fragmentierung, Zerrissenheit, Widersprüchlichkeit und Zerstreuung. Wir werden auf die zentrale Funktion des Erinnerns für den Übergang vom emotional-mythischen Bewusstsein zum rationalen Bewusstsein etwas später noch ausführlicher zurückkommen.

Zunächst schauen wir noch einmal genauer hin, was dieser Schritt hin zum Steuern und Organisieren auf der Basis von abstraktem und prinzipiellem Verstehen für die gesellschaftliche Ordnung und Politik bedeutet.

Rahmen setzen – nicht nur im Bilde bleiben

Die einfachste Interaktion zwischen zwei Menschen braucht einen Rahmen mit Regeln, an dem sich beide orientieren können. Wenn man in einen fremden Kulturkreis reist, bemerkt man, wie selbstverständlich dieser gemeinsame Rahmen für uns innerhalb einer Kultur ist mit seinen festgelegten Kodizes, Normen, Ritualen, Signalen und Gesten, und wie schwierig bis unmöglich menschliche Interaktion und jede Form von gemeinsamem Handeln und Handel werden, wenn dieser gemeinsame Rahmen fehlt.

Wie viel mehr braucht es dann Rahmen und formellen Konsens für eine ganze Gemeinschaft oder gar ein ganzes Land?

Dass wir nun aber in westlichen Kulturkreisen schon lange keinen gemeinsamen Moral- und Sittenkodex mehr haben, dürfte wohl kaum jemandem entgangen sein. Dieses Vakuum an Orientierung wird bloß verdeckt durch eine gemeinsame Ideologie auf der Basis einer emotional unterfütterten, irrationalen Haltung. Genauer gesagt einer Anti-Haltung: gegen jegliche Art von Maßstab, Kodex, Grundsatz oder überhaupt Ausrichtung im Namen von „Freiheit“, eine euphemistische wenn nicht sogar unmittelbar selbstbetrügerische Parole für politische Anarchie und kulturelle Verwahrlosung.

Jeder heute weiß, dass die Regeln, die für den einfachen Bürger in seinem Alltag bindend sind und vom System eingefordert werden, für höhergestellte Machtpositionen nicht gelten. Dort gelten andere, nämlich die Mafia-Regeln von Komplizenschaft, Sonderrechten und Begünstigungen. Wir wissen, dass nicht nur die Korruption „nach oben hin“ immer mehr zunimmt, sondern auch die Inkompetenz und dass wir deshalb System-Gestalten in dem Maße misstrauen müssen, wie sie Machtpositionen innehaben. Das ist bei Jedermann längst angekommen. Welch desolateren Zustand einer Gesellschaft kann man sich vorstellen, als dass mit wachsender Macht und sozialer Stellung Moral und Verantwortungsfähigkeiten abnehmen (und umgekehrt) – und darüber hinaus sogar alle das wissen, aber keiner etwas dagegen unternehmen will?

Und welche Kräfte halten denn dann eine Gemeinschaft noch zusammen und strukturiert, wenn es keinen verbindlichen Moralkodex, keine gemeinsame Gesinnung, keine allgemeingültigen Regeln und Normen, also keine Orientierung an grundsätzlichen Werten mehr gibt? Diese Frage möchte sich in einem System der Machtverdunkelung natürlich niemand stellen, denn die Antwort ist so offensichtlich wie beunruhigend: mit Gewalt. Das bedeutet, mit der erzwungenen Unterwerfung und Zerstörung der Integrität des Einzelnen zugunsten der System-Dynamiken. Diese hatten wir im ersten Teil ausführlich beschrieben und gesehen, dass in ihrem Zentrum eine blinde Mechanik stumpfer Selbsterhaltung ohne Eigenbewusstheit steht.

Je weniger Menschen Moralvorstellungen und ethische Richtlinien als Leitprinzip für ihre Handlungen und Entscheidungen anerkennen, desto mehr müssen sie durch rohe Gewalt von außen gezwungen oder dazu korrumpiert werden, den Rahmen und Regeln für den Umgang miteinander einzuhalten. Diese simple Gesetzmäßigkeit führt dazu, dass eine amoralische Gesellschaft in kürzester Zeit die Form einer Diktatur annimmt, denn die Menschen werden sich ohne jegliche andere Orientierung und Verbindlichkeit nur dann noch rudimentär sicher fühlen, wenn das Gewaltmonopol in fester und kraftvoller, vor allem möglichst bekannter und sichtbarer Hand liegt. Menschen bevorzugen das Sichere und Berechenbare, auch wenn es ihnen schadet.

So ist das Tor in die pure Gewaltherrschaft bereits offen, sobald Menschen keinen Bezug zu moralischen Prinzipien mehr haben. Zunächst sinkt die Kontrollgewalt erst nur auf emotionale Gewalt, Manipulation, Propaganda, Täuschung und Erpressung und soziale Stigmatisierungen herab. Mit der Zeit werden sich als Herrscher und Trendsetter jedoch jene Gestalten und Apparate durchsetzen, die sich am wenigsten emotional manipulieren lassen und die am wenigsten vor physischer Gewalt – oder überhaupt vor irgendetwas – zurückschrecken: Psychopathen und andere Formen linkshemisphärisch-autistoider Intelligenz wie z.B. künstliche Intelligenz, Roboter, Programm-Netzwerke alias „Internet“ und darin – allseits bekannt und massiv unterschätzt – Suchmaschinen.

Es dürfte ausreichend bezeichnend für den Stand einer Kultur sein, wenn die letzte Verbindung des Menschen zum Geistigen – das Suchen – von Maschinen übernommen wird.

Eine allgemeingültige Moral und Ethik als verlässliche Basis menschlicher Gemeinschaftsbildung und gemeinsamen Handelns bedarf eines rationalen Fundaments statt nur eines emotional-sozialen Bindemittels. Zur Erinnerung: rational bedeutet: begrifflich-konzeptuell in ungebrochener Verbindung mit der Realitätswahrnehmung.

Dieses notwendige rationale Fundament ist Philosophie: die Kunst, die Realität und ihre Gesetzmäßigkeiten gedanklich richtig abzubilden und ihnen entsprechend richtig, d.h. gesetzmäßig korrekt zu denken. Man kann ohne Philosophie, d.h. ohne stabile Konzepte über die Welt, den Menschen, ihre Beziehung durch menschliche Erkenntnisfähigkeit und über die Gesetzmäßigkeiten des Denkens selbst keine Ethik haben. Und ohne Ethik ist Moral nichts weiter als eine sozial durchgesetzte Mode ohne Halt und Boden. Es fehlt ihr und allen Ordnungsstrukturen die Objektivität.

Sich an feststehenden, objektiv gültigen, unpersönlichen Gesetzen statt an Bedürfnissen, Stimmungen, Naturzyklen oder gegebenen sozialen Hierarchien zu orientieren, fordert mehr Ausrichtung am Geistigen und Allgemeingültigen als am Materiellen, Gegenständlichen und Prozesshaften. Objektive Gesetze und Regeln gelten zu jeder Zeit, unabhängig von irgendeiner Laune und unabhängig davon, wer auf welcher Machtposition sitzt. Diese Verlagerung ins Abstraktere zum Objektiven und Zeitlosen hin gibt den Menschen mehr Überblick, mehr Verständnis und dadurch mehr Freiheit, sich selbständig zu orientieren und zu bestimmen, aber es fordert auch mehr Abstraktionsfähigkeit von sich selbst und unmittelbaren persönlichen Wünschen, Launen und Gelüsten, weil diese ausschließlich an das momentane Geschehen und seine unmittelbaren Auslöser gefesselt sind und fesseln – ohne Bezug zu übergeordneten mentalen Schemata wie Verständnis, Überzeugungen, Zielorientierung, Voraussicht, Weitsicht und Werten.

Denken ist mächtiger als Reagieren, aber Freiheit ist anstrengender als Abhängigkeit.

Mit anderen Worten: dem Matriarchat kann man sich rein emotional-sozial und reaktiv einfügen – einkonditionieren. Ins Matriarchat kann man sich fallen lassen. In einer patriarchalen Ordnung muss man hingegen logisch-abstrakt und rational denken können, wenn man seine Prinzipien verstehen und sowohl gestaltend als auch selbstentfaltend an der Gemeinschaft teilhaben will. Im Patriarchat muss man sich aufrecht halten, d.h. man braucht die aufsteigend stabilisierenden Kräfte einer spezifisch menschlichen Wirbelsäule, die mehr kann als nur organische Anpassung und bewegliche Einformung. Man muss den Kopf oben und über allem anderen halten können.

Die Schwierigkeit für viele Menschen wird jedoch dann sein, selbst wenn sie das Grundsätzliche verstehen, diese unpersönlichere, unemotionalere und anstrengendere Ordnung zu wollen. Wie bringt man eingewöhnte Sklaven und Diener dazu, eine anstrengendere Freiheit zu wollen? Nur, indem man ihnen zum Einen die Abhängigkeit und Gängelung im vertrauten System so erdrückend und schmerzhaft macht, dass sie nur noch aus ihr heraus wollen, und indem man zum Anderen die höherwertigen, befreienden Strukturen und Ordnungen so attraktiv wie möglich macht. Und das kann eben nur das echte Patriarchat, dessen Grundlage das väterliche, also das fördernd-aufbauende und erhebende Prinzip ist.

Es muss aber gar nicht sein, dass alle Mitglieder einer Gemeinschaft oder alle Bürger eines Landes diesen Bewusstseinsprozess durchlaufen. Ganz im Gegenteil: die einpassungsgewohnten und fügsamen Menschen werden den Übergang in ein objektives Rechtssystem mitmachen, solange ihnen die positiven Seiten des sozialistischen Schutz- und Versorgungssystems nicht weggenommen werden. Die große Kunst des gesunden Patriarchats ist es, das Gebärmutter-Bewusstsein und seine sozial-instinktive Dynamik nicht zu ersetzen oder abzumindern, sondern sie nur zu ergänzen um eine weitere Bewusstseinsdimension, nämlich die des eigenständigen rationalen Denkens.

Die Struktur des Matriarchats bewahrt die Vitalität der Menschen. Das gesunde und richtig verstandene Patriarachat bewahrt hingegen das Matriarchat, so dass es nicht erstickt oder degeneriert. Jenes ist eine zusätzliche, größere Hülle, die nicht das Gebärmutter-Bewusstsein ersetzt, sondern seine dominante und autokratische Stellung. Wer würde schon freiwillig für immer und ewig im Mutterbauch wohnen wollen, wenn ein weiterer Horizont mit größeren Freiheiten und höheren Möglichkeiten sichtbar wird?

Allegorisch gesprochen kommen die Menschen durch die Weiterentwicklung ihrer Gesellschaftsstrukturen hin zum gesetzesbezogenen Patriarchat heraus aus der Gebärmutter-Struktur und unter eine größere Kuppel, nämlich die des Himmels und der Sonne, unter der sie weiter geschützt sind, aber auch freier leben und weiter wachsen können. Es ist der Himmel der Gesetze und Gesetzmäßigkeiten und die Sonne des Verstandes. Diese Weitung und Öffnung ist kein Kaiserschnitt, der im Ungeborensein festhält, sondern ein anstrengender organischer Wachstums-, Umstülpungs- und Entbindungsvorgang, bei dem die Gebärmutter erhalten bleibt.

Die drei Stufen des Aufhebens

Wir können in diesem Übergang vom matriarchalen zum höher dimensionierten patriarchalen Welt- und Gesellschaftsbewusstsein die drei Qualitäten und Etappen des Aufhebens erkennen, welche als vollständige Triade den Geist patriarchaler Ordnung kennzeichnen:

Die erste Stufe und basalste Qualität des Aufhebens ist die des Aufsammelns, Aufgreifens, zur Hand und Mitnehmens, (zu sich) Hochnehmens und des Anhebens, Emporhebens im Sinne von „auf eine höhere Ebene heben“ – also des Erhebens. Wir können darin die zentrale Welterfahrung früher Naturvölker, im Modus der Jäger und Sammler erkennen. Aber auch den ersten Ansatz von Mentalisierung, die noch nicht begrifflich ist, sondern symbolisch-magisch, denn das Emporheben von unmittelbaren Sinneseindrücken und Objekten auf das Niveau eines Symbols, also einer allgemeingültigen und vieldeutigen Abstraktion mit hohem emotionalem oder psychischem Stellenwert, ist die Vorstufe zu abstrakt-begrifflicher Sprache und Denken. Wir könnten hier von der kindlichen Stufe des Aufhebens sprechen, die noch ganz im Affekt, im unmittelbar Konkreten und im magischen Weltbild verankert ist.

Als zweite Stufe haben wir dann das Aufheben im Sinne von aufbewahren, behalten, speichern und behüten, also ein bei Seite legen und halten für die Zukunft. Dem zugrunde liegen die Logik und der Verstand des Landwirts, denn er muss ein Teil der Ernte und einen Teil der Tiere stets aufbewahren für die neue Aussaat bzw. die Fortpflanzung im kommenden Jahreszyklus. Dies ist die matriarchale Form des Aufhebens, wie wir an ihrer Betonung des Behütens und Schützens erkennen können. Sie ist bereits eine fortgeschrittene mentale, abstrahierende Leistung, denn sie muss aus dem Verständnis der Naturgesetze und Bedingungen heraus, also deduktiv vorausschauend und zurückhaltend entscheiden und handeln können, darf vor allem nicht alles konsumieren, egal wie groß der Hunger ist, denn dann wäre der Landwirtschaftszyklus unterbrochen.

Allerdings ist das Weltbild hier noch mystisch-religiös bestimmt von Bildern, Riten und anthropomorphem Naturverständnis. Wir können das an der linguistischen Herkunft des Wortes für „heilig“ erkennen, für das in den alten Sprachen ursprünglich der Begriff für „beiseite legen“, also „für einen anderen (höheren) Zweck aufbewahren“ (und nicht profan benutzen) benutzt wurde. (Z.B. das lat. sanctificio = „Heiligmachung“ heißt ursprünglich wörtlich: „trennen und beiseite legen; im aramäischen Vaterunser finden wir das „Nithkadasch schmach“ von dem aramäischen kadiescha (hebr.: qdsch) = „widmen, für eine ehrenvolle Aufgabe absondern, beiseite stellen“, das wir gewohnt sind zu übersetzen als „Geheiligt werde dein Name“.) Geheiligt oder geweiht wird etwas in dieser Bewusstseinsstruktur eben dadurch, dass man es sich „vom Mund abspart“ und absichtlich einem höheren Zweck dienlich macht. Hier wird also zumindest im religiösen Ritus bereits die Vergeistigung dadurch geleistet und eingeübt, dass man intentional eine Routine oder Gewohnheit unterbricht und dadurch Raum – d.h. Aufmerksamkeit und Bewusstsein – für eine höhere, nicht-gewohnheitsmäßige, nicht-reaktive, also geistige Sammlung und Ausrichtung schafft, deren Besonderheit und Abgesondertheit psychologisch darin liegt, dass sie eben nur mit dieser besonderen Form des Gewahrseins und Steuerns möglich ist. Es handelt sich also um nichts weniger als die Eröffnung eines erweiterten psychischen Zustands von erhöhter, ausgerichteter Aufmerksamkeit.

Mit der dritten Stufe des Aufhebens gelangen wir zu einer noch weiter abstrahierenden und noch eindeutiger mentalen Fähigkeit, nämlich der des Außer-Kraft-Setzens, des Lösens und Ablösens, also dem Einwirken auf der eben von Gültigkeit, Verbindlichkeiten und Legitimität. In diesem Sinne aufgehoben werden kann nur das, was so grundsätzlich verstanden wurde, dass man in dessen Wirkkraft effektiv eingreifen kann, dass sie annulliert oder inhibiert wird. Das geht leichter mit von vorneherein Menschengemachtem wie z.B. sozialen Regeln und Gesetzen, ein erhöhter technischer Verstand kann dies jedoch auch mit Naturgegebenem leisten, sobald er die wirkenden Gesetzmäßigkeiten erkannt hat und sich gestaltend zunutze machen kann.

Wir haben es hier also mit der Kraft der Verneinung zu tun, eine Fähigkeit, die wir ausschließlich mental haben. Wir können weder die Erfahrung von „nicht“ noch ein Gefühl von „nicht“ haben, aber wir können das „nicht“ im Denken anwenden. Und aus dieser Fähigkeit der Negation als eine positive logische Verknüpfung haben wir ganz andere Gestaltungsmöglichkeiten. Z.B. können wir aus dieser mentalen Instanz heraus etwas nicht tun: das ist etwas anderes als muskuläre (angespannte) Zurückhaltung oder nervliche (aufgeladene) Unterdrückung. Es ist die Entscheidung und das Kommando, etwas zu tun, das wie ein Nicht-Tun ist und somit keine Energie verbraucht, weil es stattfindet bevor eine automatische Reaktion oder Ursache-Wirkungskette in Gang gesetzt wird.

Diese Fähigkeit des Unterbrechens und Inhibierens beruht auf der Funktion von Bewusstsein und Steuerung, nicht allein auf Physiologie oder Motorik. Es ist eine Funktion des Neokortex, vor allem des (präfrontalen) inhibitorischen Kortex, eine der komplexesten und am meisten vom Körperlichen abstrahierten Steuerungsstrukturen in unserem Gehirn.  Wir haben es hier also mit dem vollständigen Schritt des Aufhebens ins Geistige zu tun, der uns die Fähigkeit gibt, etwas psychisch Bestehendes aufzulösen und unwirksam zu machen und dadurch Raum für etwas anderes, neues zu schaffen. So können wir erst auf dieser Bewusstseinsstufe z.B. Gebote und Verbote, Grenzen und Zwänge, Bedingungen und Mechanismen oder Strukturen und Abfolgen aufheben und erst dadurch neu gestalten.

Und zu diesen Vorbedingungen des Neugestaltens und Neuanfangens gehört auch die aufhebende Wirkung des Entgeltens. Jemandem etwas zu entgelten, wörtlich genommen, eine Gültigkeit und damit eine Verbindlichkeit aufzuheben, bedeutet ja, etwas auszugleichen, ein Gleichgewicht (wieder-)herzustellen. Das kann durch Bezahlung, Vergütung und Entlohnung geschehen – das ist das Grundprinzip des rechtschaffenen Handels und des lauteren Wettbewerbs, die dadurch erst möglich werden. Entgeltung kann aber auch durch Erlass, durch Auflösung einer Verbindlichkeit, also durch Vergebung geschehen.

Solange etwas nicht ausgeglichen und entgolten wird, bleibt eine Schuld. Eine Schuld kann auch durch Vergebung aufgehoben, getilgt werden. So vor allem die psychische Facette der Schuld, die Schuldgefühle. Wer ahnt schon, wie sehr wir diese spezielle Aufhebungskompetenz, eine Ablöse- und Enthebungskompetenz brauchen? Kaum machen wir uns klar, wie zentral der Begriff der Schuld in all seinen Facetten und Verwendungen für unsere Epoche ist.

Über die unausgleichbare, zwanghafte Überschuldung und das Schuldgeldsystem als Systemsymptome brauchen wir nicht ausführlicher zu werden. Für die Gesamtatmosphäre unserer Kultur und für die überreizte und überspannte Grundbefindlichkeit des modernen Menschen jedoch sind die Mechanismen und Effekte von Schuld, Schulden und Schuldigsein zu verstehen. Schuld ist jenes mentale Konstrukt, das sich von einer unabgeschlossenen Vorleistung im Vergangenen direkt zu einer projizierten Gegenleistung in der Zukunft spannt und dabei die Gegenwart von eben dieser mental konstruierten „Überspannung“ und ihrem emotionalen Begleitakkord, der konstanten Sorge, verdeckt und verdunkelt. Wo die Schuld dominant wird, wird die Zukunft als Erlösungshoffnung und vorgestellte Befreiung von der Vergangenheit wichtiger als die Gegenwart. Und das Gegenwärtige wird nur noch als Verzögerung bis zu dieser Entlastung erlebt, nur als spannungsvoller Warteraum für das irgendwann Noch-zu-Leistende. Je schuldiger wir sind oder uns fühlen, desto verdüsterter und bedeutungsloser erscheinen uns unsere Gegenwart und das unmittelbare Erleben, in denen unser reales Leben stattfindet.

Egal ob Schuldner oder Gläubiger, beide leben unter der Last der Besorgnis und werden mit wachsender Spannung und Unsicherheit zu Getriebenen vom Unvollendeten in ein Zukünftiges. Die Diagnose der konstanten Beschleunigung, der Unruhe und Hast und damit der Oberflächlichkeit bis hin zur nervösen Dünnhäutigkeit ließe sich sicher zu einem großen Teil auf das Phänomen der Überspannung durch Schuld, also durch zu viel Aufgeschobenes und Vorgezogenes erklären. Auch psychisch hängt sich ansammelnde Schuld mit einem „Leben auf Pump“ zusammen, in dem zu wenig Reales, Eigenes und Erworbenes einen festen eigenen Boden geben und stattdessen zu viel nur geliehen und „auf Kredit“ (das ist Glaubhaftigkeit) konsumiert wird.

Die verschiedenartigen Schuldreligionen, auf denen der moderne Zeitgeist sich aufbaut, können Erlösung immer nur in einen mental konstruierten Raum „Zukunft“ und ein fiktives „Später“ projizieren. Die psychische Spannung von Schuldgefühlen zerreißt unsere Aufmerksamkeit in einen Teil, der sich nicht von der Vergangenheit lösen kann, und einen Teil, der ungeduldig auf eine imaginierte Zukunft zuläuft, auf eine Erlösung, die immer erst morgen kommen kann. Die also niemals eintritt. Es sei denn, wir bemächtigen uns wieder mit der Fähigkeit der Aufhebung dieser synthetischen Anspannung und erlangen die Möglichkeit zurück, das Gegenwärtige und uns selbst im Gegenwärtigen voll und ganz wahr- und anzunehmen – eben ohne unser Lebensgefühl von Unfertigem oder Unausgeglichenem verengen oder verdunkeln zu lassen. Diese Aufhebung als Enthebung, als eine psychische Variante von „Steh auf und geh!“, bedeutet aber keineswegs, dass wir Aufschub, Zukunftsprojektierung und Spannung meiden, sondern dass wir sie vielmehr als Werkzeuge nutzen ohne uns von ihnen einspannen zu lassen. Die Ablösung und Aufhebung finden dann in der Gegenwart statt und vertikal zu der Spannung alles Unaufgelösten und Unvollständigen. Wir entwickeln uns vom Status-Bewusstsein zum Prozessbewusstsein und erleben unsere Identität nicht mehr als sozial gegeben („Was denken und sagen die anderen?“), sondern als selbstbestimmt und selbstverstanden. Was wir dabei aufzuheben haben, ist der Bann der Fremdeingebung und der Ängste, die uns treiben, finanziell, emotional und moralisch über unsere Verhältnisse zu leben, weil wir uns an sozial oktroyierten Rangordnungen und Moden orientieren und weil wir unser Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen glauben erst sozial „verdienen“ zu müssen. Das ist die medusisch-matriarchale Suggestion, die wir im patriarchalen Bewusstsein hinter uns lassen können. Wir entheben uns damit der Schuldigkeit gesellschaftlich zwanghafter Selbstbeteuerung wie auch der Schuld, uns zu weit vom Wesentlichen und von uns selbst entfernt zu haben.

In alledem stecken die Ideen von Ausgleich, Gleichgewicht, Vollständigkeit und Integritätswahrung, die wir zusammenfassend abstrahieren in dem Begriff Gerechtigkeit. Wir erkennen in dieser stufenweise abstrakteren Transponierung des Aufhebens die zunehmende Dominanz des Mentalen und des Geistigen, die die Kernaspekte patriarchaler Ordnung darstellen und eben Strukturen und Prozesse ermöglichen, die in der matriarchal zentrierten Organisation nicht möglich sind und darin höchstens als Attrappe und Fassadenmalerei vorgegaukelt werden.

Nun haben wir also drei Bewusstseins-Stufen des Aufhebens, in denen jeweils der Kern von drei Rangstufen von Kultur liegen: zunächst das urzuständliche Sammeln und Hochheben, dann das Aufbewahren, Speichern und (kultische) „Heiligen“ und schließlich das Ablösen und Entkräftigen von Bestehendem, um neuen Freiraum für Wirkung, Gestaltung und gerechten Handel aus dem Geistigen zu schaffen. Wir sehen an dieser Stufenfolge, dass das Geistige und damit das einzigartig Menschliche zunehmend an Dominanz gewinnt, während die Kräfte und Gegebenheiten der Natur – auch des menschlich Biologischen – von anfangs dominierenden Kräften zu gestaltbaren Elementen, zu Stoff für den Geist werden. Auf jeder dieser drei Stufen wird „Kultur“ anders definiert und generiert.

Es dürfte aus dieser Beschreibung schon deutlich geworden sein, dass jeder Schritt auf eine höhere Stufe kein Verlust und keine Verdrängung, sondern ein Zugewinn ist und dabei nur das Verhältnis des Menschen zur Natur, zu sich selbst und damit zu der Welt, die er beeinflussen kann, eine große Wandlung durchläuft. In diesem Sinne können wir auch festhalten, dass nicht Kulturstufen sich bekämpfen, sondern nur Menschen, die sich gegen die Transformation ihres Verhältnisses zur Natur oder des Verhältnisses zwischen Geist und Natur wehren. Ansonsten nimmt eine höher-dimensionale Kultur ihre Vorläufer stets in sich auf, hebt sie an und auf.

Erinnern

Der aktive Teil im Vorgang des Bewahrens und zu-sich-Aufnehmens benötigt einen Aspekt des Erinnerns, nämlich das Nach-innen-Nehmen, das uns das Englische „re-member-ing“ noch deutlicher erkennen lässt als eine Wiedereingliederung, ein Wieder-zum-Mitglied-Machen.

Das Matriarchat kann neu eingegliedert und nach innen genommen werden in eine Struktur, die ein neues Außen, eine neue, weiter fassende Umhüllung bringt.

Erinnern ist eine rein mentale Form des Bewahrens und Bergens und kann in seiner vollen Bedeutung und im Gegensatz zu seinen körperlichen und sozialen Vorstufen nur in jenem mental strukturierten Bewusstseinszustand stattfinden, der die Grundlage für eine patriarchale, gesetzesfundierte Gesellschaftsordnung bildet. Sich erinnern ist – anders als das Erinnert-Werden – ein Bewusstseinsakt, der hierarchisch von oben nach unten verläuft, von der Abstraktion und vom Zielorientierten ausgehend hin zum Konkreten, Unspezifischen, Unsortierten – um von dort etwas ans Licht, d.h. in die Zuordnung und Ordnung zu holen.

Dies ist ein Willensakt, dessen Ursprung im Geistigen, in einer Idee liegt, nicht im Materiellen. So wie ein Fischer seine Angel oder sein Netz ins Wasser wirft, um Fische zu fangen und sie nach oben in sein Boot oder ans feste Land zu ziehen, so ist Erinnern ebenfalls eine fokussierte, strukturierte Leistung. Wenn die Fische von selbst nach oben kommen (und ihm in Boot springen), so handelt es sich um ein Souvenir (von sub-venire = von unten kommen), ein Mitbringsel, ein Präsent, also etwas Geschenktes, nicht etwas Erworbenes.

Wenn wir also für die Wiederherstellung einer höheren und gesünderen Ordnung von der Aufgabe sprechen, uns zu erinnern, so müssen wir bedenken, dass wir damit eine intentionale und gerichtete mentale Anstrengung meinen. Durch sie verändern, erweitern und intensivieren wir unser Verhältnis zur Welt um uns herum. Denn wir wandeln uns durch diese Anstrengung von Empfängern und (Auf-) Sammlern hin zu Erwerbenden. Das ist ein enormer Paradigmenwechsel in unserem Selbstverständnis und in unserer Selbstpositionierung in der Welt, denn es führt zu ganz neuen Ergebnissen und Möglichkeiten, wenn wir unsere eigenen Anstrengungs- und Gestaltungsfähigkeiten als Ausgangs- und Referenzpunkt wählen und nicht mehr das, was uns von der Natur und ihren Gesetzmäßigkeiten gegeben wird. Das bedeutet, dass nicht mehr die Materie und die Rohstoffe der Welt im Vordergrund unseres Denkens und Wahrnehmens stehen, sondern ihre Verfeinerung und Veredelung.

Dieses Selbstgewahrsein als erinnernd Erwerbende und aus Ideen heraus Formende wird uns sehr schnell dazu führen, auch uns selbst als formbaren, verfeinerbaren, veredelbaren Stoff zu betrachten und nicht bloß als fertig Gesetzte, Abgeschlossene, Begrenzte. Wir sind dann nicht mehr geliefert. Und eben auch keine Ausgelieferten mehr.

Unser Menschenbild erfasst dann zwei Aspekte: den gegebenen, natürlichen Menschen, der in die übergroße kreisende Natur eingebettet ist, und den geistigen Menschen, der die Welt um sicher herum und sich selbst versteht und gestalten kann. Wir können uns und die Welt dann ausrichten – und aus dem ewig Kreisenden hinausführen. Das heißt wir können dann, wenn diese beiden Aspekte in Beziehung zueinander treten, nicht nur Erwerbende sein, sondern auch Erworbene. Wir erwerben und verfeinern uns selbst – wann immer wir diesen aktiven Vorgang des Erinnerns auf uns selbst vollziehen.

Die Existenzialisten, die sich ideologisch gegen die Einsicht von Existenz verschworen haben, starren an dieser Stelle wie Autisten auf ihre entgeisterten, fremdgesteuerten Körper (und entsprechend natürlich alle andere Körper) und resümieren im Absoluten: der Mensch ist ein Geworfener. In solchen intellektuellen Eskapaden können wir das extreme Gegenteil der beschriebenen Anstrengung des Erinnerns beobachten. Dieses Extrem des Vergessens wird durch die Abspaltung des begrifflich-konzeptuellen Bewusstseins von der Körper- (Existenz-) Wahrnehmung verursacht – man sieht nur noch die existenzielle Hälfte des menschlichen Daseins.

Wir sollten also gewarnt sein, dass der Prozess der Ganzwerdung schieflaufen und ins Kranke abdriften kann. Nicht die Philosophien sind krank, sondern der Geist ihrer Erfinder. Den Existenzialismus-Opfern, so wie ihren Geschwistern, den Opfern von Nihilismus und seinen politischen Auswüchsen, den Sozialismen, kann man letztlich nur das geistige Heilmittel der tropfenweisen Erinnerung anempfehlen: die vergessenen und verleugneten Anteile ihres Menschseins nach oben (ans Licht) und nach innen (ins Selbstgewahrsein) zu holen und sich selbst dadurch zu erwerben.

Merken wir uns dementsprechend also auch für unser besseres Verständnis der gesunden patriarchalen Ordnung schon mal vor: sie muss auf der Leistung beruhen, die naturmystisch-matriarchale Ordnung ins Licht des Bewusstseins zu holen, sie nach innen zu holen, um sie als Kraft und Fundament zu bewahren und sie dann anheben, und veredeln. Die Kultur, die daraus entsteht, ist dann nicht mehr eine des Sammelns und Erntens, sondern eine des Erwerbs, des Handwerklichen und des Handels als erweiterte und vorrangig mentale Basis für alles Menschenverbindende und Menschenfördernde.

Erinnern als Bedenken

Den Begriff des Erinnerns gebrauchen wir jedoch nicht nur für das Nach-oben- und Nach-innen-holen, sondern im Alltag ja vor allem auch dafür, uns etwas Vergangenes ins Gedächtnis zu rufen.

Sich etwas ins Gedächtnis zu rufen bedeutet, es zu bedenken, seiner zu gedenken und sich von dem Andenken daran leiten zu lassen. Das Gedächtnis ist etwas Gedachtes und wir sehen, dass der zweite Aspekt von Erinnern eine spezielle Form des Denkens fordert. Was ist eine Erinnerungsfeier? Eine Gedenkfeier. Und die Figur zur Erinnerung ist ein Denkmal. Denk mal! und Bedenke! sind auch Imperative des Erinnerns und wir wollen sehen, inwiefern sie etwas mit dem Übergang in die patriarchale Ordnung und die dafür notwendige Bewusstseinsstruktur zu tun haben könnten.

Welches Vergangene sollten wir bedenken? Das, was Menschen vor uns leisteten, und zwar nicht nur technologisch, sondern viel mehr noch kulturell und gesellschaftlich. Das, was als menschenmöglich bereits bewiesen wurde.

Uns der Leistungen und der Kultur unserer Vorfahren oder sei es auch nur einiger ihrer herausragenden Charaktere zu erinnern ist eine Denkleistung, die über das rituelle Beiseitestellen und das kultische Absondern und Behüten des matriarchalen Aufhebens hinausgeht, wie wir weiter oben schon gesehen haben. Es ist nach innen zu holenundzu bedenken. Es ist ins Denken zu holen.

Was des Vergangenen sollten wir bedenken?

Von wo die Macht ausgeht. Wo der Ursprung der Macht liegt und wer ihr Träger und Hüter sein sollte.

Diejenigen, die glauben, der Mensch würde seit tausenden von Jahren nur von reptiloiden Außerirdischen oder dergleichen kontrolliert, gegängelt und versklavt, sollten einmal wieder einen Spaziergang durch die Museen dieser Welt machen und sich besonders die Kunst der Renaissance ansehen. Würden reptiloid beherrschte und unterdrückte Menschen solche Bilder malen? Bilder von einem Licht und einer Geistigkeit, wie sie nie zuvor und seitdem nie wieder gemalt wurden? Und sie sollten sich auch einmal die Skulpturen der griechischen Kunst ansehen und deren Architektur studieren. Sind diese feierlichen Darstellungen des Menschen als Integrität in sich selbst das Werk von gebeutelten Sklaven?

Oder man lasse auch nur eine einzige gotische Kathedrale auf sich wirken. Wo ist da auch nur ein Schimmer von Knecht- oder Opfermentalität?

Man höre nur ein einziges Werk von Johann Sebastian Bach, führe sich die Stücke von Shakespeare zu Gemüte oder verweile vor einem Selbstportrait Rembrandts – wer wird dann der Herr im Hause des Geistes und des Universums sein? Der geistig freie und sich-beherrschende Mensch oder irgendwelche Stammhirn-Scheusale mit höchst unwahrscheinlicher High-Tech-Ausstattung? Wo in alldem wäre auch nur ein Hauch jener dunklen, unterirdischen, höllensuchenden Ängstlichkeit und Primitivität, wie sie in den letzten 150 Jahren die Geschicke aller menschlichen Kultur dominierte und unsere Köpfe besetzt?

Wer sich mit der menschlichen Kultur der Vergangenheit und den Leistungen des menschlichen Geistes nicht auskennt und dann als „Aufklärer“ und „Helfer des Erwachens“ auftritt, macht sich nicht nur bodenlos lächerlich, er belegt damit auch, dass er in jener Stammhirn-Propaganda, die er zu entlarven und anzuprangern glaubt, noch so eingetaucht schwebt wie ein Embryo in der Gebärmutter, das auch nichts anderes von sich geben kann als das Fruchtwasser, das es zwei Minuten vorher geschluckt hat.

Es gibt für die Misere der letzten 150 bis 300 Jahre zwei grundsätzliche Erklärungsmodelle. Entweder: „Die anderen waren es (und wir sind bloß Opfer)!“ oder: „Wir waren es selbst (und es gibt keine ‚anderen‘).“ Ersteres Modell gehört noch zur Dunkelheit selbst und beruht auf den Schwarz-Weiß-Fantasiebildern eines erst noch dämmernden menschlichen Bewusstseins. Uns mit dem zweiten Modell und seinen vielfältigen Implikationen anzufreunden wird unsere Aufgabe für die Zukunft sein, wenn wir aus der massiven historischen Bewusstseinstrübung herausfinden wollen, denn nur indem wir uns unsere Eigenverantwortung wieder vollständig aneignen, können wir ganz werden und genesen. Nur indem wir den abgespaltenen, verdrängten und projizierten Macht-Komplex wieder zu uns zurücknehmen, nur indem wir uns an diesen Teil von uns erinnern, können wir überhaupt wieder in Bewegung und Gestaltung kommen.

Es sei in dem Zusammenhang auch der seltsame Widerspruch all jener erwähnt, die mit großer emotionaler Vehemenz darauf bestehen, dass wir uns jetzt „selbständig“ und „aus eigener Kraft“ befreien müssten und nur selbständig befreien könnten. Ich habe bisher auf keine Andeutung meiner Blogartikel so viel und so ungehaltene Widerrede mit so viel aufgeladener Entrüstung erhalten wie auf die (bisher nur am Rande vermittelte) Erkenntnis, dass wir ohne Hilfe von außen gar nichts leisten können und auf sie auf Gedeih und Verderb angewiesen sind. Übrigens eine durch und durch jüdisch-christliche Haltung, wenn man bedenkt, dass dies die durchgängigste Grundbotschaft der gesamten Bibel ist.

Dieselben Wortführer verkünden jedoch mit ähnlicher Vehemenz, dass irgendwelche anderen die Schuld tragen, weil sie uns Menschen unterdrückt haben. Also was denn nun? Sind wir nun selbstverantwortliche Macher oder hilflose Opfer? Und wie genau bitte, nach Jahrhunderte langer, angeblich sogar Jahrtausende währender Unterdrückung und Ausplünderung, sollen wir uns nun „ganz allein selbst befreien“? Wer von „uns“ soll das wann und wie tun?

Dieser logische Widerspruch ist typisch für das geschlossen Kreisdenken des sozial-mystischen Bewusstseins, für das gut und richtig nur sein kann, was innerhalb der eigenen, vertrauten Kreise liegt, während alles Äußere per sozial-emotionaler Gewohnheitsdefinition schlecht und falsch ist. „Hilfe von außen“ ist deshalb für diese Bewusstseinsstufe eine Unmöglichkeit. Wenn es wirklich von außen kommt, dann muss es ja fremd und also schlechter sein. Und wenn es wirklich Hilfe ist, dann muss es von innen, aus der Mitte des eigenen Kreises kommen.

Das patriarchale Bewusstsein folgt einer dem entgegengesetzten Logik: es erkennt, dass echte Hilfe nur von „außen und oben“ kommen kann, dass also stets ein Eingriff von einer höheren und nicht involvierten Ebene notwendig ist, um grundsätzlich etwas zu ändern. Um noch einmal auf die erwähnte jüdisch-christliche Haltung zurückzukommen: die moderne rekursive Krümmung im Denken zurück auf immer wieder die gleichen emotional programmierten Prämissen, Dogmen und Axiome könnte sich als Rückfall auf ein vorbiblisches Kulturniveau erweisen. Sich Hilfe von außen überhaupt wieder vorstellen zu können, würde uns zumindest wieder jene weltanschauliche Weite geben, die für viele entfernte Generationen unserer Vorfahren selbstverständlich war. Das könnte die weniger offensichtliche Bedeutung der Vorhersage sein, dass unsere Befreiung aus der Abstiegsdynamik „biblisch“ werde.

Selbst bei den wenigen, die sich mit Machtmatrix-Analysen und -Aufklärung in die Öffentlichkeit bewegen, findet man kaum auch nur ansatzweise eine Erkenntnis über den ursächlichen Gegner. Aber schon wird zu den Waffen gerufen! Zu welchen Waffen aber denn bitte? Die Menschen stehen mit leeren Händen dar,  völlig verängstigt und desorientiert, den Kopf voller irrealer Glaubensdogmen und Fiktionen, ohne Gespür für die einfachsten Tatsachen ihres eigenen Daseins und Menschseins, körperlich abhängig von den täglichen Giften in Nahrung und Luft, mental abhängig von den täglichen medialen Aufputschmitteln und sozial abhängig von gesichtslosen Institutionen, aus denen Autoritäten auftauchen wie Holzfiguren aus einer Rathausuhr und sich als einzig wahre Wegweiser und Berater vorstellen. Also diese embryonalen und unterernährten Wesen sollen sich nun selbst aus einer High-Tech-Versklavung befreien?

Warum bloß dieser ganze paradoxe, an den Haaren herbeigezogene Unsinn? Weil die Menschen im ersten kurzen Aufblitzen einer besseren Realitätswahrnehmung schon die alte Angst vor der eigenen Ohnmacht alldem gegenüber verspüren. Vergessen wir nicht: das Bindemittel defizient-matriarchaler Systeme besteht aus Desorientierung und tief verankerten Ohnmachtsgefühlen (und den daraus erwachsenden Selbst- und Weltbildern).

Das Lebensgefühl, dem wir uns also auf dem langen psychischen Weg aus dem mentalen Magnetfeld des Matriarchats heraus zu stellen haben, ist: „Du hast nicht die geringste Chance!“. Wenn wir weit genug Abstand bekommen haben von dieser rein emotionalen und irrationalen Programmierung, dann können wir irgendwann erkennen und ergänzen: „… bis zu dem Zeitpunkt, ab dem wir von außen Hilfe bekommen!“ Dann besteht die Aufgabe nur noch darin, die entgegengestreckte Hand und die angereichten Werkzeuge anzunehmen. Die Anstrengungen, die dann folgen und erst dann folgen können, werden Herausforderung genug bis an die Grenzen des Leistbaren sein. Aber von „Selbermachen“ wird in unserer Kultur noch auf lange Sicht hin nicht die Rede sein können – wenn wir ehrlich bleiben. Anstreben jedoch sollten wir es.

Und was ist eines der wichtigsten Werkzeuge, die wir annehmen und anwenden lernen müssen, um diesen Weg gegen die matriarchale Konformitäts-Gravitation gehen zu können? Es ist das Erinnern im Sinne von Gedenken und Bedenken. Also zunächst die korrekte Benennung, die treffende begriffliche Erfassung aller „Ach wie gut, dass niemand weiß“-Rumpelstilzchen, die sich dadurch keineswegs in Luft auflösen, sondern bloß in die Erde versinken, zurück zu jenen materiellen, natürlichen Gesetzmäßigkeiten, zu denen sie gehören. Für das Matriarchat tummeln sich diese gefährlich-wertwollen Männchen, wie wir bereits ausführlich erläutert haben, vor allem dort, wo es um Macht und Selbsterhalt geht. Das sind die nächtlichen Feuer, um die wir sie tanzen sehen können – wenn wir bereit sind, hinzuschauen, d.h. wenn wir bereit sind, angstfreie und wahrnehmungsbezogene Begriffe und Konzepte von ihnen zu generieren. Das ist gemeint mit: sie bei ihrem wahren Namen nennen können.

Der zweite Schritt nach dieser Anbindung des begrifflichen Denkens an unsere Realitätswahrnehmung ist dann das Bedenken des Erkannten und Benannten im Sinne moralischer Prinzipien. Sie zu bedenken heißt, den erkannten Kräften, Dynamiken, Bedürfnissen und Potenzialen einen Platz auf unserer Landkarte von Werten zuzuweisen und sie auf diese Weise in unserem Bewusstsein – in unseren mentalen Landkarten – neu zu sortieren: nicht mehr nach ihrer Stärke, nach ihrer emotionaler Intensität oder nach ihrer energetischen Magie, sondern nach ihrer Nähe und Distanz zu den moralischen Werten, die wir für uns als Menschen, als geistige Wesen erkannt haben. Die Natur, vor allem unsere eigene Natur so zu bedenken bedeutet, einen neuen zentralen Referenzpunkt für alles zu definieren und anhand seiner eine neue zusätzliche Ordnung herzustellen, die das Naturgegebene unter- und einordnet in das Geistig-Menschliche: die Dimension von Bewusstheit.

Dieser neue Referenzpunkt liegt dann nicht mehr „innen“, in der Mitte eines umschließenden und geschlossenen (materiellen, matriarchalen) Kreises, für den alles Außen fremd und bedrohlich bleibt, sondern er liegt „oben“, im Mentalen, in der Repräsentation der Natur und alles Körperlichen als Wirkungsort und Bühne für formende, eingreifende, ordnungsschaffende und veredelnde Kräfte und Prinzipien.

Erinnern als Besinnen

Wir haben jetzt schon gesehen, dass für diese Erweiterung des Bewusstseins und seiner Ordnungsprinzipien um das Rationale und Gesetzmäßige zwei Aspekte des Erinnerns essentiell sind: das integrierende Nach-Innen-Holen und das Bedenken.

Es gibt jedoch noch einen dritten Aspekt des Erinnerns, der für die Etablierung einer rationalen Kultur entscheidend ist: das ist das Erinnern in Form von Besinnung. Besinnung ist mehr als Versinnlichung. Es bedeutet, „zu seinen Sinnen zu kommen“ und womit? Mit dem erfassenden, begreifenden Bewusstsein. Zur Besinnung zu kommen bedeutet, zu Bewusstsein zu kommen, und zwar zum körperlichen Bewusstsein angebunden an die Sinne.

Vollständiges Erinnern ist erst möglich, wenn wir mit unserem Bewusstsein an unsere Sinne angeschlossen sind und uns anhand unserer unmittelbaren Wahrnehmung orientieren können. Das ist vergleichbar mit der Funktion eines Navigators: er braucht sowohl eine exakte Standortbestimmung als auch möglichst detaillierte Karten zur Berechnung der möglichen und besten Routen. Orientierung ist nur mit beidem möglich.

Auf der Bewusstseinsstufe der mythischen, prärationalen Weltanschauung gibt es nur sehr grobe und vage Landkarten, die auch nur sehr lose und impressionistisch mit der konkreten Sinneswahrnehmung verknüpft sind. Die Ungenauigkeit der Seinsbestimmung wird im gesunden Matriarchat durch Tradition und Mythen ersetzt: die Menschen verorten und bergen sich selbst in Narrativen und im Gruppenbezug. Was in dieser Weltkognition nicht möglich ist, sind die individuelle Seinsbestimmung und die Identifikation einer Ziel-Route.

Das ist die Vorstufe zum rationalen Bewusstsein, so wie ihre matriarchale Ordnungsstruktur die Vorstufe zur patriarchalen ist. Was aber passiert, wenn die Kultur von der patriarchalen Ordnungslogik regrediert und ihre Integration von sinnlicher Empirie und begrifflicher Konzeptbildung wieder verliert? Dann rutscht sie zunächst in defizient patriarchale Strukturen, in denen sich Weltwahrnehmung und Weltkonzeption voneinander ablösen und verselbständigen, und schließlich, der Gravitation der sozialen Orientierung folgend, in die völlige Abkopplung voneinander. Einstmals rationale Konzepte fossilieren dann zu bloßen Narrativen, deren Zweck nicht mehr ontologische Seins- und Wegbestimmung ist (Navigation), sondern Erkennungszeichen von Gruppenzugehörigkeit und letztlich Statussymbole für Macht. Es ist so, als würde ein primitives Dschungelvolk gefundene Elektroteile und High-Tech-Geräte einer vergangenen Hochkultur als Zauber-Anhänger oder Totem verwenden ohne auch nur die geringste Ahnung ihrer ursprünglichen Funktion und Bedeutung zu erlangen.

Das ist der Zustand, in dem wir intellektuell und kulturell seit vielen Generationen schon leben: wir verwenden noch Worte und Etiketten, die einstmals Teil eines konzeptuellen Gesamtgefüges zur mentalen und kulturellen Navigation waren, verstehen sie aber nicht mehr, sondern benutzen sie nur noch als Erkennungsmerkmale für sich bekämpfende Clans und „Interessengemeinschaften“.

Dieser Prozess fortschreitender kultureller Demenz lässt sich in allen Bereichen unseres Lebens leicht diagnostizieren, aber wohl nirgendwo so frappant wie in der Medizin, die im Ursprung als ärztliche Kunst eine komplexe Erfahrungswissenschaft war, seit über hundert Jahren jedoch in der Dissoziation zwischen Empirie und Theorie begriffen ist und zuletzt jeden Bezug zwischen Realität und Konzept verlor, so dass ein Großteil ihrer Protagonisten dazu imstande war, eine von mächtigen Clans erfundene Krankheit ohne epidemiologische Fakten zu „behandeln“ mit Mitteln, die mehrfach bewiesen reines Gift ohne die geringste positive Wirkung sind. Diese offensichtliche und groteske Scharlatanerie, die nur mit einer paranoiden Psychose vergleichbar ist, hat ihre Wurzeln keineswegs in diesen Figuren oder eines geldgierigen Pharmakartells, sondern tief in der Bewusstseinsstruktur unserer Gesellschaft und ihrer kulturellen Verfassung. Auf dieser Ebene wurde nämlich ganz grundsätzlich das Denken und Abbilden der Welt von unserer Realitätswahrnehmung getrennt.

Das ist der Zustand der Besinnungslosigkeit. Konzepte verselbständigen sich in imaginäres Wunschdenken, in situative Abhängigkeit von Launen und Impulsen, in willkürliche Regieanweisungen der aktuellen Machtzirkel und in neo-mythische Narrative, die sich nur noch des Jargons von Wissenschaft, Philosophie und Ethik bedienen – drei Gebiete des Rationalen, die es per definitionem im matriarchalen Sozialbewusstsein gar nicht geben kann. Dass die Menschen in diesem Niedergang weiterhin an dem Glauben an diese Konzepte und Worte festhalten, beruht zum größten Teil auf magischem Denken: sie spüren, dass dahinter etwas Wichtiges steckt, das sie nur nicht mehr greifen können. Also halten Sie an Worten und Ideenfragmenten fest wie an zerbrochenen Bauteilen und Papierfetzen in der Überzeugung, diese Worte und Ideenhülsen hätten die magische Kraft, ihnen das verlorene Etwas zurückzubringen. Das dürfte ein wichtiger Teil der Erklärung dafür sein, warum Menschen sich heute mehr denn je an Ideen und Ideologien klammern ohne auch nur nach ihrem Realitätsgehalt und ihrer Funktionalität zu fragen.

Der einzige tatsächlich wirkungsvolle Weg zurück zu der originären Hochkultur mit ihrer Kohärenz von Erfahrung (Sinneswahrnehmung) und Verstehen (rationale Konzeptualisierung) ist der Weg der Besinnung. Wir können die losen Schlagworte und Paradigmenreste, die wir heute als kulturellen Schutthaufen oder im besten Falle noch in musealen Archivierungen vorfinden, lernen, wieder zu Elementen eine kohärenten, mit unserer menschlichen Natur harmonisierenden Kultur und Weltsicht zu machen, indem wir uns ihrer Bedeutung erinnern und sie wieder zu Begriffen machen, also zu Symbolen für etwas Begriffenes. Indem wir mit anderen Worten unsere Konzepte wieder be-sinnen, mit Sinneswahrnehmung und der Frage nach dem Sinn verknüpfen. Das ist Arbeit.

Vier große Schlagworte, an denen wir uns beispielhaft üben können, moderne matriarchale Kollektivismen wieder zu differenzierten Begriffen umzuwandeln, sind die folgenden, die besinnungslos nur noch als bloße affektive Signalverstärker oder ideologischen Mitgliedsausweise verwendet werden: von „rechts“: Tradition und Autorität, und von „links“: Gleichheit und Humanität (oder auch: Solidarität).

Mit diesen Etiketten sind die wichtigsten Hauptattraktoren der heutigen Weltanschauungsprogrammierung umfasst. Um sie herum bauen sich die verschiedenen Ideologie-Sippschaften und politischen Meinungssekten auf mit ihren Ideenderivaten von „Demokratie“, „soziale Gerechtigkeit“, „soziale Marktwirtschaft“, „Sozialstaat“, „Lobby-Politik“, „Parteienspektrum“, „Privatisierung“, „Globalisierung“, „Umverteilung“, „Solidaritätssteuer“, „soziale Verantwortung“, „Umweltverantwortung“, „Diversität“ und immer und für alles natürlich „Wissenschaftlichkeit“.

Wir können sehen, dass sich mit den emotional aufgeladenen Ideologien um solche Losungslaute herum die Links-Matriarchalen und die Rechts-Matriarchalen untereinander in unzählbaren Splittergruppen gegenseitig bekämpfen. Wir sollten jetzt wissen, was sie alle mit diesen Signalvokabeln tatsächlich gleichermaßen meinen und wollen: die Verneinung individueller Rechte und Freiheit und den Vernichtungskampf gegen den gesunden Menschenverstand. „Tradition“ meint bei ihnen Festhalten an Gewohnheiten und Zuständen ohne nachzudenken und auf moralische Werte zu überprüfen; „Autorität“ meint Unterwerfung unter eine Autokratie – ohne weiter nachzudenken; „Gleichheit“ meint Gleichschaltung und kollektive Entrechtung (mit Ausnahme der „Gleicheren“) – ohne Bezug zu Werten und Tugenden; „Humanität“ meint – wenn es überhaupt noch irgendetwas meint und nicht bloß als leere Deckphrase verwendet wird – dass Armut, Mangel und Defizite über Ressourcen, Besitz und Kompetenzen bestimmen und verfügen sollen. Also auch geistige Armut und intellektuelle Defizienz über Bewusstsein, Wissen und Kompetenz.

In der rationalen Struktur des Patriarchats werden die gleichen Worte zentral und maßgeblich verwendet, jedoch nicht als assoziative Marketing-Schablonen, sondern als Begriffe. Das heißt mit einer fest definierten, objektiven Bedeutung, mit der sie sich auf das Gefüge einer Verständnis- und Werte-Hierarchie beziehen – nicht auf situativ wandelbare Bedürfnisse, doppelbödige Absichten und die Notwendigkeit, Menschen verbal zu hypnotisieren.

Das ist der Schritt, den wir zur besinnenden Erinnerung zu gehen haben. Wir müssen Empirie und Theorie wieder integrieren. Und zwar in beide Richtungen: sowohl als Anstrengung, unsere Wahrnehmungen, Beobachtungen und Erfahrungen korrekt in Begriffe zu fassen, als auch die Anstrengung, neue Ideen, Konzepte und Deduktionen anhand von wahrnehmbaren Fakten zu überprüfen.

Damit entdecken wir den Kern der Ästhetik (von gr. aisthánesthai = „durch die Sinne wahrnehmen“) wieder, einer Form der Selbst- und Welt-Erkenntnis, die über das unmittelbare Wahrnehmen geht, aber dabei eben nicht stehen bleibt, wie die Hier-und-Jetzt-Hypnotiker mit ihren Formeln von „Konzeptfreiheit“ und Kopflosigkeit beschwören, sondern eben aus den Landschaften der Wahrnehmung Landkarten des Verstehens herstellt. Das befreit uns von der Anästhesie der Besinnungslosigkeit und das geht nur mental. Je mehr wir uns in diesem empirisch-konzeptuellen Verstehen den Gesetzmäßigkeiten der Natur und des Menschseins annähern, desto mehr werden wir die Repräsentation dieser Gesetzmäßigkeiten und ihre Harmonien als Schönheit erkennen.

Diese Wiederverankerung unseres Denkens in der Realitätswahrnehmung bringt uns nicht nur zur Besinnung, so dass wir erkennen und verstehen können, was uns und wie es uns geschieht, sondern sie ermöglicht es auch, uns wieder Sinn zu geben. Sinn verstanden als Richtung (wie in „Uhrzeigersinn“). Der Boden der Realität und ihrer Gesetzmäßigkeiten ist der einzige Boden, auf dem wir alle gemeinsam stehen. Jede andere Ersatzform von Gleichmacherei erübrigt sich, wenn wir diese Gleichheit der natürlichen Bedingungen anerkennen. Wir sitzen alle im gleichen Boot – und eben nicht in unterschiedlichen Distanzen zu künstlichen, willkürlichen sozialen Machtzentren.

Wir müssen nicht „alle gemeinsam hingehen wo irgendeiner hingeht“. Wir müssen erkennen, dass wir bereits alle gemeinsam in dem stehen, worin jeder einzelne steht. Und dass wir darin alle gemeinsam getragen, gehalten und umhüllt sind. Nicht in einer fiktiven mentalen Matrix, sondern im Kosmos.

Nur daraus kann eine ethische Moral entstehen, nämlich eine, die Grundsätze für alle Menschen formuliert – nicht bloß folkloristische Sitten, soziale Moden oder reaktiver Marotten. Eine ethische Moral beruht auf der Realität des Menschseins, auf seiner Natur und ihrer Erkenntnis. Nicht auf Ideen und schon gar nicht auf Wünschen! Sie formuliert die Leitlinien und Grundsätze, die dieser Natur entsprechen und sie ohne Einschränkungen zur vollsten Entfaltung bringen. Das ist die Freiheit, die im Patriarchat erlangt und garantiert werden kann, aber nicht im Matriarchat. Die Libertären und ihre unverblümteren orthodoxen Brüder, die Anarchisten, verstehen das nicht. Sie glauben, es ginge um Unbeschränktheit im Handeln und Glauben – ohne Verankerung in objektiven Werten. Sie beschwören auch die Idee der „Freiheit“, machen aber denselben Fehler aller Ideologismen, nämlich dass sie die Realität und die Natur des Menschen nicht studieren, sondern sie bloß entsprechend ihren Lieblingsideen definieren und zurechtstutzen wollen.

Die größtmöglich erstrebenswerte Freiheit ist nur da möglich, wo wir unserer Natur gerecht werden können. Und dies ist nur möglich, wenn wir uns unserer Natur begrifflich bewusst werden und sie als den großen gemeinsamen und gegebenen Nenner erkennen.

Und die große Erkenntnis, die aus dieser Bewusstseinsöffnung ebenfalls erschließbar ist, ist, dass „wir alle“ nicht „das Kollektiv“ ist, sondern „jeder Einzelne“. Der Einzelne kann durch Besinnung den großen gemeinsamen Boden lokalisieren und dadurch begreifen, dass in der objektiven gemeinsamen Realität nichts Besonderes, nicht gesondert ist, sondern er unabdingbarer Teil von ihr ist. Die Erkenntnis, nichts Besonderes zu sein ist der Anfang von etwas reichlich Ungewöhnlichem und Seltenem.

Soweit die Theorie. Wir werden an anderer Stelle auf die Fragen der Praxis zurückzukommen haben.

Dunkel zu Licht

Nun wenden wir uns den Wirkungen und Effekten dieses dreigliedrigen Erinnerns im Sinne von Integrieren, Bedenken und sich-Besinnen zu und werfen ein paar gedankliche Schlaglichter auf ihre Implikationen für die Ordnung einer Gesellschaft und ihr kulturelles Fundament.

Wir haben gesehen, dass der Wechsel vom matriarchalen zum patriarchalen Ordnungsbewusstsein der Wechsel ist von der Geheimhaltung (von Macht und Methoden) – also vom Privat- und für sich Behalten – hin zum Aufdecken, Sichtbar- und Zugänglichmachen. Der Wechsel vom Dunkeln ins Licht. Vom Unwissen zum Bewusstsein. Denn das Hauptmerkmal des Patriarchats ist Transparenz und damit auch Durchdringung, wohingegen, wie im ersten Teil ausführlich beschrieben, die Hauptmerkmale des Matriarchats Einhüllung, Verschleierung und Verdunkelung sind.

Im Patriarchat sind Machtstrukturen und ihr Oberhaupt für alle sichtbar. Seine Führungsfiguren haben nicht nur steuernde und kontrollierende, sondern vielmehr repräsentative und exemplarische Funktionen. Sie verweisen auf das maßgebliche und richtungsweisende Oben. Sie vertreten keine Interessengruppe und keinen Clan, schon gar nicht sich selbst als eigenwillige Person, sondern die für alle gültigen objektiven Gesetze und Regeln. Sie sind Vertreter und Hüter von Ordnung und Struktur, nicht von Launen und Bedürfnissen.

Ihre Rolle basiert nicht auf Machterhalt, sondern auf dem Erhalt der Machtstrukturen und ihrer Prozesse, und zwar der objektiven, rationalen, für alle gültigen. Das ist etwas hochgradig Unpersönliches.

Damit ist das archetypische Prinzip des Königs skizziert und der Unterschied zum Tyrannen deutlich gemacht. Wer heute en vogue und ideologiekonform desinformiert gegen Monarchien, Könige und Kaiser motzt oder nörgelt, der hat diesen qualitativen Unterschied nicht erkannt und dieses Prinzip nicht verstanden. Die Menschen sind in Wirklichkeit gegen Tyrannei, aber die Tyrannei, in der sie widerstandlos eingewickelt sind, hat ihnen beigebracht, gegen das Bessere und Gesunde zu wettern – das sie sich im Übrigen gar nicht mehr vorstellen, nicht mehr denken können.

Wenn Macht, Machtstrukturen und Machtpositionen durch die Transparenz der Objektivität derart ins Licht der Sichtbarkeit gerückt sind, dann sind es natürlich auch ihre Eigner und Halter. Wenn sie aber nicht durch Gewalt und Clanherrschaft in ihren Positionen gehalten werden, sondern durch strukturelle Prinzipien, dann muss es ein Gleichgewicht geben zwischen Machtprivilegien und Machtpflichten.

Das vergessen die Revoluzzer seit eh und je, für uns Europäer historisch besonders fatal vor allem seit der Französischen Revolution. Man will Rechte „für alle“ deklarieren und deklariert keine einzige Pflicht. Stattdessen entrechtet man die Pflichtträger, die Verantwortungsbewussten und die Kompetenten. Dieser Abstieg auf ein Kinderwunschniveau und Pippi-Langstrumpf-Politik ist definitiv unterhalb der aristokratischen Herrschaftsordnung, in der das Noblesse oblige von alt her eingewoben war. Wir werden dieses balancierende Prinzip noch mühsam wiederentdecken müssen:

Je größer die Macht und ihre Privilegien, desto mehr Verantwortung für das Ganze und das Allgemeine, also für die Struktur, die Prozesse und die Mitglieder der Gemeinschaft, muss damit verbunden sein. Die Regulation und Begrenzung von Macht findet nicht horizontal und stutzend statt, sondern vertikal und komplementierend. So kann man auch punktuelle Macht ohne Gefahr und zugunsten aller und des Ganzen weit ausdehnen. Das soziale Macht-Prinzip ist nicht saturnale Beschränkung und Verengung, sondern joviale Expansion und Wechselseitigkeit. Es lohnt, die Folgerungen und Forderungen daraus einmal für die konkrete Umsetzung durch zu kalkulieren.

Es müssen also dementsprechend auch die Verantwortungsfähigkeiten der Machtinhaber und Führenden in Balance mit ihren Privilegien sein. Wer Pflichten auferlegt bekommt, muss sich vorher ihrer fähig erweisen. Eine patriarchale Ordnung hat diese, die Kompetenz zur Macht vor allem anderen im Blick. Denn das ist das originär väterliche Prinzip: Macht gekoppelt an Verantwortung und Kompetenz.

Wir brauchen also eine volle Erinnerung und Besinnung dieser vergessensten Schlüsselelemente der sozialen Ordnung: Macht und Privilegien, Pflichten und Kompetenz.

Dann können wir die Ordnung aufbauen, die wir brauchen, um uns als Menschen frei und individuell entfalten zu können. Das ist es, was wir anstreben sollten. Das ist es, wonach sich die Menschen – mehr unwissend als wissend – auf allen Ebenen ihres Daseins sehnen.

Die Antwort auf die Sehnsucht

Die fein verästelte Darstellung der matriarchalen Bewusstseins- und Ordnungsstruktur im ersten Teil dieser Reihe kann nur dann sinnvoll genutzt und vollständig verstanden werden, wenn sie nicht bloß als gesellschaftlich-politische Analyse gelesen wird, sondern als Allegorie für einen Bewusstseinszustand. Unseren Bewusstseinszustand.

Natürlich werden Menschen von der Kultur und der von ihr vermittelten Bewusstseinsstruktur geprägt. Aber irgendjemand muss diese Kultur ja auch initiiert haben und aufrechterhalten, denn Kultur ist etwas Menschengemachtes und nicht naturgegeben. Der Beginn jedes menschlichen Konstrukts aber liegt immer beim Einzelnen. Deshalb liegt der Beginn von dem, was wir jetzt neu gestalten müssen auch beim Einzelnen. Jede menschliche Leistung beginnt beim Einzelnen und geht immer auf einen Einzelnen zurück. Denn jede menschliche Leistung ist im Ursprung eine geistige Leistung, egal von wie vielen sie dann ausgeführt, vervielfältigt oder mechanisiert wird.

Mit dieser Erkenntnis entziehen wir jeder linkspolitischen Idee, jedem auch nur im Ansatz sozialistisch angehauchten Kulturkonstrukt allen Boden unter den Füßen und können es auf der Müllhalde menschlicher Irrtümer zerfallen lassen.

Die Sehnsucht nach anderen Organisationsformen hören wir seit Jahrzehnten schon überall dort, wo Menschen etwas besser oder zumindest irgendwie angenehmer machen wollen und nach „flachen Hierarchien“ rufen. Was genau soll das sein? Immerhin ist diese fragwürdige Begriffskombination schon ein Zugeständnis, dass es ohne Hierarchien wohl nicht geht. Aber warum sollen sie „so flach wie möglich“ sein? Weil die Menschen Struktur mit Starre, Ordnung mit Pedanterie, Rangordnungen mit Unfreiheit und Macht mit Machtmissbrauch in einen Topf werfen und dann wegkippen wollen. Und das liegt vor allem daran, dass sie die gesunde Alternative nicht mehr kennen.

Das Element, das dabei fehlt ist Bewusstheit, also im Einzelnen: Transparenz, Durchblick, Umsicht und Aufmerksamkeit. Wonach die Flache-Hierarchien-Fraktion eigentlich sucht, sind: Fairness, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Handlungsfreiheit, Talent- und Potenzialförderung, intelligente und bewegliche Zusammenarbeit und gute Kommunikation, Effektivität und Effizienz. Die Frage an sie wäre: wären sie bereit, ihre „Flache-Hierarchien“-Konzepte aufzugeben, wenn sie dafür all dies bekämen?

Wer Gruppendynamik und die Prinzipien menschlicher Zusammenarbeit aufrichtig empirisch erforscht, wird sehr schnell feststellen, dass man all das im Höchstmaß und stabil nur haben kann, wenn es klare hierarchische Strukturen, Positionen und Rollenverteilungen gibt. Die allererste Frage, die in jeder Struktur und Organisation aufkommen muss, ist: wer sorgt dafür, dass der Zusammenhalt und die Regeln gewahrt bleiben? Wer kümmert sich um alles Strukturelle, damit es einen verlässlichen Rahmen für alle gibt? Wer steht dafür ein, dass das gemeinsame Fundament von Werten, Zielen und Grundüberzeugungen nicht verlassen oder zertrümmert wird? Wer schützt und verteidigt all das?

Die Ideologen-Antwort lautet: „Alle und jeder“ – und ignoriert jede Empirie und den psychischen Zustand der Menschen. Die klügste Antwort darauf wäre: der, der es am besten kann. Es ist keine „demokratische“ Entscheidung, sondern eine empirisch-faktische. Es ist eine Frage des Möglichen unter den real gegebenen Bedingungen, nicht ein Frage der hübschesten Fantasie im Land des Wunschdenkens.

Hier liegt jedoch für die meisten Menschen bereits die erste Denkblockade, weil sie es gewohnt sind, dass Führungspositionen nach allen möglichen Kriterien besetzt werden, aber nur selten nach echter Führungskompetenz und Verantwortungsfähigkeit. Dieses Phänomen ist umso stärker, je weniger es um Wettbewerb und Leistung geht: nirgendwo finden wir den blinden Fleck für gesunde, organische Macht – überhaupt für Machtdynamiken – größer als in all den sozialen Berufen und Institutionen, deren täglich Brot sie ist – sowohl praktisch als auch theoretisch. Wir finden im „Sozialen“ Feld die stärkste Fixierung, alles, was mit Macht und Einfluss zu tun hat, ins Diffuse, Doppelbödige oder Unsichtbare zu verschieben und aus allen sonstigen Bestrebungen nach Transparenz und Prinzipientreue herauszuhalten. Diese Dynamik kennen wir bereits und wir müssen uns nicht mehr wundern, warum sie ausgerechnet im „Sozialen“ tief strukturell mit eingewebt ist.

Insgesamt ist dies aber keine Randerscheinung oder bloß deformation professionelle, sondern es ist das ausschlagebende Defizit der abendländischen Kultur und Denkweise überhaupt mit all ihren verheerenden Folgen bis hin zum globalen Steuerungsprogramm unter dem hanebüchenen Deckmantel einer „Corona“-Fiktion.

Was ist passiert, dass unsere gesamte Philosophie, im Sinne von Weltverständnis und Weltanschauung, und alle Denker seit über 200 Jahren politische Macht nicht an Vernunft und Verstand knüpfen, sondern an… gewaltsame Bedürfnis-Befriedigung und Clanherrschaft? Also nur noch an das Recht des Stärkeren?

Wenn wir es schaffen, Licht in diese Frage zu bekommen, könnten wir den Schlüssel für unsere kulturelle Rekonvaleszens und unsere kühnsten Träume für Freiheit und Frieden in die Hand bekommen.

Bewusstseinsverfall

Um die Frage beantworten zu können, müssen wir von weit genug oben schauen, um die große Entwicklungslinie menschlicher Kulturepochen überblicken zu können. Strukturell unterscheiden sich Kulturen durch das Ausmaß an menschlichen Wesensaspekten, die sie integrieren und zu einem stabilen und kohärenten Ganzen verknüpfen können. Eine Hochkultur leistet die Integration eines viel größeren Spektrums an Aspekten und Potenzialen des Menschen als eine archaisch-barbarische Stammeskultur. So konnten die Hochphasen der europäischen Kulturgeschichte Ausnahmegenies wie Leonardo da Vinci, Bach, Mozart, Goethe und Artefakte wie gotische Kathedralen, den Buchdruck und den Ottomotor hervorbringen. Das ist von einem indigenen Urwald-Stamm nicht zu erwarten.

Wodurch sich Kulturen also essentiell und qualitativ unterscheiden ist ihre integrative Kompetenz. Die zentrale integrative Kompetenz des Menschen ist Bewusstsein. Bewusstsein ist eine repräsentierende, abbildende und somit rezeptiv-reflektierende Funktion. Bewusstsein ist nicht, wie es aus den Dunstkreisen moderner spiritu-sibyllinischer Lebenslotsen vermittelt wird, irgendeine geheimnisvolle kosmische Substanz oder irgendeine universale Energieform, die man sich mehr oder weniger einfangen und zunutze machen kann. Das mag die verdinglichende Sichtweise archaisch-schamanistischer Kulturen gewesen sein, auf die heute – ohne Bewusstsein für diese geistige Blamage – einfältig zurückgegriffen wird. Sie entbehrt jeglicher begrifflicher und kausal-logischer Differenzierung und gehört zu den magisch-naturreligiösen Bewusstseinsstufen, die wir alle als Kinder durchlaufen haben und die uns also zurück, ins Regressive führen, nicht vor- und schon gar nicht „aufwärts“.

Bewusstsein und seine Entwicklungsstufen

Wir können Bewusstsein als Funktion und Fähigkeit beschreiben. Also als einen Aspekt von Lebewesen, der entwickelt werden kann und muss und somit in seiner Entwicklung sowohl gefördert als auch gehemmt oder blockiert werden kann. Ob wir Pflanzen und probiontischen Tierchen diese Funktion bereits in der Form zum Beispiel chemischer Reaktionsspeicher und reaktiver Strukturbildung zusprechen wollen, ist eine reine Definitionsfrage. Für die Qualitäten von Bewusstsein, um die es hier geht, ist die grundlegendste Bedingung die, das ein Wesen ein komplexes, erinnerungsfähiges Nervensystem hat.

Für den Menschen gibt es grob schematisch betrachtet folgende Stufen der Bewusstseinsentwicklung, die Grade der Integration darstellen:

Die erste Stufe, die einige Monate nach der Geburt konsolidiert ist, ist die der körperlichen Integration. Der gesunde Säugling verfügt über eine autonome und in sich geschlossen funktionierende Reiz-Reaktions-Fähigkeit auf der Basis der Unterscheidungsfähigkeit, was zu seinem Körper gehört und was nicht. Zentral für diese Entwicklungsstufe ist die Integration von Empfindungen, Reflexen und Bedürfnissen zu einem zusammenfassenden, ganzheitlichen, zentral steuernden Organismus-Bewusstsein. Diese Stufe können wir als instinktives Körperbewusstsein bezeichnen. Die Bewusstseinsfunktion reguliert sich auf dieser Stufe über die Polarität von Wohlbefinden und Angst: Wohlbefinden stimuliert die expansive, erkundende und integrative Kompetenz während Angst diese hemmt und den konservierenden, zusammenziehenden und verschließenden Rückzug verstärkt.

Die nächste Stufe der menschlichen Bewusstseinsentwicklung besteht in der Integration dieses vorhandenen Körperbewusstseins mit Eindrücken aus der Umgebung und den Folgen bzw. Reaktionen auf Handlungen. Zentral dabei sind natürlich erst einmal die unmittelbaren Reaktionen der wichtigsten Bezugspersonen (Mutter, Vater, Geschwister usw.) auf eigene körperliche Signale und Handlungen, deshalb können wir hier von sozialem Bewusstsein sprechen. Die primären zusammenfassenden und situationsübergreifend wirksamen Bewusstseins-Einheiten, die diese Integration ermöglichen, nennen wir Emotionen. Emotionen sind basale Bewertungen über das Verhältnis zwischen (körper-) eigenen Impulsen oder Bedürfnissen und den Reaktionen auf sie aus der (sozialen) Umwelt. Die Grundemotionen für einen Mangel an Passung sind Furcht („zu gefährlich/bedrohlich“), Wut („zu nah/einschränkend“), Ekel („zu giftig/schädlich“), Trauer („zu viel Verlust von Eigenem“) und Scham („nicht integrierbar“). Die Grundemotionen für eine gute Passung zwischen eigener Integrität und Umwelt sind: Freude („dem Eigenen entsprechend“), Anziehung oder Neugier („das Eigene erweiternd/bereichernd“) und Stolz („die eigene Integrität bestätigend/bejahend“).

Diese soziale Bewusstseinsstufe reguliert sich nun auf zwei Dimensionen: der Körper-Polarität (Wohlbefinden vs. Angst) und der emotionalen Färbung bzw. Kommunikation mit der Umwelt. Die funktional zentrale und mächtigste Emotions-Achse für die soziale Bewusstseinsentwicklung ist die von Scham und Stolz, denn Scham signalisiert, dass etwas nicht integriert werden kann (entweder innerlich-emotional oder sozial, das ist auf der emotionalen Ebene identisch). Komplementär dazu signalisiert Stolz, dass ein Aspekt des Eigenen besonders gut emotional oder sozial integriert werden kann.

Wenn also Bewusstsein unsere wichtigste Integrationsfunktion ist, dann sind Scham und Stolz unsere wichtigsten Bewusstseinsemotionen.

Exkurs: die Beschämung von Stolz

Stolz ist mehr als Freude. Stolz fügt zum Gefühl der reinen Passung und Stimmigkeit noch die Hervorhebung eines Merkmals als etwas Besonderes und besonders Wertvolles hinzu. Stolz trägt in sich das Gefühl einer besonderen Anerkennung und Aufwertung von etwas, das wir zu uns gehörig wahrnehmen. Im Gegensatz zu Freude kann Stolz nur da entstehen, wo es einen Maßstab, eine Wertehierarchie und Bewertung gibt. Wir freuen uns, wenn wir etwas schön und passend finden, aber stolz sein können wir nur, wenn etwas von uns auch ein innerer oder äußerer Wert beigemessen wird. Die Orte, an denen gesagt oder vermittelt wird, dass nichts bewerten werden und es keinen Maßstab geben dürfe, sind die Orte, an denen Menschen nicht stolz sein dürfen, können wollen.

Stolz sind wir als Kinder, wenn wir erleben, dass etwas, das wir haben oder können, besonders wertgeschätzt wird oder – technischer formuliert – zu einer besonders guten Integration führt. Je älter wir werden, desto mehr können wir den Wertmaßstab für gute oder mangelhafte Integration in uns entwickeln und Stolz unabhängig von jeglicher sozialen Referenz empfinden. Das wäre erwachsener Stolz. So sind wir z.B. auch stolz, wenn wir plötzlich etwas verstehen oder einen Zusammenhang erkennen oder auch schon, wenn wir gelernt haben, etwas korrekt zu benennen. Wachsendes Verständnis ist die Hauptquelle von erwachsenem Stolz.

Umgekehrt lösen Unverständnis, Überforderung, etwas nicht benennen zu können oder überhaupt etwas nicht zu können Scham aus, vorausgesetzt wir erleben unser Unvermögen als relevant.

Die Funktion und Auswirkungen von Stolz und Scham sind sehr vielfältig und haben einen sehr großen Einfluss auf alle unsere Lebensbereiche, unsere Verhaltensweisen, unsere Denkweise, unsere Anschauungen und Glaubensschemata. Es ist symptomatisch für unsere Kultur, dass diese Implikationen nicht nur weitgehend unbekannt sind, sondern systematisch  ignoriert und verzerrt werden – auch und besonders in der Psychologie und all ihren Nebenfächern. Die Dynamik von Scham und Stolz hat uns fest in der Hand und wir bemerken es nicht. Man könnte darüber ein ganzes Buch schreiben, das Thema soll hier aber nur angedeutet werden, um seine zentrale Bedeutung für Bewusstseinsentwicklung und -prägung anzuzeigen. Es sei dazu hier nur am Rande erwähnt, dass alle sogenannten Schuldgefühle und ‑themen in ihrer Wurzel Schamgefühle und -themen sind und von der mentalen Konstruktion von „Schuld“, die wir weiter oben schon als Hemmschuh der Besinnung erwähnten, bloß überdeckt und verdrängt werden. Wer Schuldkomplexe wirklich lösen wollte, der müsste sich mit Scham und ihrer Auflösung, also mit Integration beschäftigen. Und die größte Integrationskompetenz in uns hat, wie gesagt, unser Bewusstsein.

Psychologisch besonders vertrackt wird es, wenn wir als Kinder lernen, dass unser Gefühl von Stolz per se sozial unterwünscht ist uns also als „nicht integrierbar“ beigebracht wird. Das führt dazu, dass wir uns jeglicher innerer Signale von Stolz (die völlig automatisch und natürlich entstehen wie oben angedeutet) schämen. Wir schämen uns dann unseres Gefühls von Stolz. Das bedeutet, dass wir allein schon die Signale und Impulse der Integration und Bewusstwerdung als schmerzhaft und falsch erleben. Machen wir uns klar, welche fundamentale Blockade des Wachstums und der mentalen Reifung das verursacht: nicht weniger als die Blockierung und Tabuisierung unseres Strebens nach Integration, also nach Verstehen, korrektem Benennen, Klarsicht und Urteilsvermögen.

Da Stolz die Komplementäremotion zu Scham ist, bedeutet darüber hinaus die Beschämung von Stolz, dass Scham nicht mehr balanciert, also überhaupt nicht mehr reguliert und nicht mehr aufgelöst werden kann. Es gibt dann nur noch zwei Möglichkeiten, damit zu leben: entweder mit dem chronischen, diffusen und alles umfassenden Grundlebensgefühl dominanter Scham, mit dem man sich latent desorientiert, falsch, unstimmig und inkompetent fühlt; oder mit der „Befreiung“ davon durch die Unterdrückung der Wahrnehmung von Scham und damit auch der Unterdrückung der Funktion von Scham, was uns in eben dem Maße auch schamlos macht. Die Extremform dieser „Befreiung“ ist der Psychopath. Die weniger pathologische Form ist der Narzisst, der die innere Verbindung zwischen Außenpersönlichkeit und Innenleben auf Eis gelegt hat.

Der wachsende Narzissmus unsere Gesellschaft ist schon sprichwörtlich geworden. Dass die einzig wirksame Heilung dieses Phänomens jedoch ist, wieder Stolz erleben und stolz sein zu können, wurde bisher so gut wie gar nicht erkannt. Was auch kein Wunder ist, denn die Ratgeber und Psychologen sitzen selbst mitten im kollektiven blinden Fleck, eingehüllt in das Generaltabu unserer Kultur.

Die Beschämung und Tabuisierung von Stolz führt dazu, dass unser emotionaler Zugang zu Selbstintegration und Selbstwertschätzung blockiert wird. Wir können dann keinen Selbstwert, keine Selbstsicherheit, kein Selbstvertrauen mehr fühlen. Das Ergebnis ist auch, dass Menschen sich ihres natürlichen Strebens nach Selbstwert und Integrität schämen und es mit allen Mitteln versuchen zu bekämpfen. Sie schämen sich für ihre Natur und ihre mentalen Wesensaspekte, die sie erst zu Menschen machen würden. Wir leben dann in einem sozial-existenziellen Paradox: Wir bekämpfen unsere Stärke und alles, was uns Würde gäbe in der Hoffnung, dann eines Tages „stolz“ sein zu können. Stolz auf was? Darauf, besonders minderwertig, orientierungslos, begriffsstutzig, abhängig und unbewusst zu sein. Was für ein Stolz wäre das? Ein künstlicher, nur von außen durch soziale Referenzen gehaltener Ersatz-Stolz. Ein soziales Anerkennungs-Gerüst als Ersatz für Würde und Selbstgefühl. Soziale Netzwerke als Ersatz für innere Integration.

Mit diesem Verständnis haben wir einen klareren Blick für die Ursachen unseres kulturellen und gesellschaftspolitischen Zustands, aus dessen Grundverwirrung und Blindheit wir nur herausfinden, wenn wir einen anderen Boden unter den Füßen haben und eine andere Luft als ihren Dunst atmen. Nämlich solche, die erlauben, Stolz zu verstehen und zu fördern. Und dadurch fähig zu werden, die Dominanz von Scham aufzulösen.

Ansonsten bleibt den Empfindsamen und Integeren in so einer blockierten Gesellschaft nur die Alternative, ihr Selbstwertgefühl und ihren Stolz zu verstecken, ganz privatissimus für sich und aus der Gemeinschaft und der Öffentlichkeit heraus zu halten. Auch wenn ein Rest von Würdeempfinden dadurch gerettet wird, treibt diese Aussonderung und Verheimlichung die Gemeinschaft ebenfalls nur weiter voran in die Selbstverneinung bis zur Selbstvernichtung. Eine Gemeinschaft, die Stolz tabuisiert, ist dem Untergang geweiht.

Die beschriebene Generalblockade von Stolz und damit Wachstum, Verstehen und Würde führt, solange sie unaufgelöst bleibt, dazu, dass es irgendwann in einer Gemeinschaft und schließlich in der gesamten Kultur keinen Stolz, kein Selbstwertgefühl und in der Folge kein Selbstbewusstsein – in der fundamentalsten Bedeutung des Begriffs – sowie keine Würde mehr gibt. Das heißt, diese Blockade führt dazu, dass die Menschen in so einer Kultur ihr Bewusstsein für sich und alles Menschliche nicht weiter entwickeln, sondern auf der Stufe von desorientierten, ängstlich-abhängigen Kleinkindern stehen bleiben und sich nur noch äußerlich und sozial orientieren – ohne Zugang zu den Prozessen mentaler Reifung. Damit ist dann auch die Weiterentwicklung auf die nächste Stufe des Bewusstseins gesellschaftlich verbarrikadiert.

Wir brauchen mehr Integrationskraft

Kehren wir nach diesem Exkurs, dessen Andeutungen uns zu einem späteren Zeitpunkt noch beschäftigen werden, zu unserer Erläuterung der Stufen von Bewusstsein zurück.

Die dritte Bewusstseinsstufe ergibt sich aus der nächsthöheren Integration des Körperbewusstseins und des sozial-emotionalen Bewusstseins mit den kognitiven Fähigkeiten der Abstraktion, der Begriffsbildung, des Planens und des Arbeitens mit Konzepten anhand mentaler Werkzeuge wie Logik, Realitätsprüfung , Induktion und Deduktion, kausalem Denken und definitorischer Differenzierung. Also aus der Integration der entwickelten Körperidentität und der sozialen Identität in eine umfassendere, nämlich mentale Identität. Das mentale Bewusstsein entwickelt und reguliert sich anhand der Dimension von richtig und falsch im Sinne von „wahr“, „der Wahrnehmung entsprechend“ oder „der Wahrnehmung bzw. verifizierten Konzepten widersprechend“.

Wenn wir falsche Konzepte und Denk-Schemata lernen, also Konzepte, die nicht mit der sinnlich wahrnehmbaren Realität übereinstimmen, dann benutzen wir dafür zwar auch unsere mentalen Funktionen, entwickeln aber kein mentales Bewusstsein. Gesunde Bewusstseinsentwicklung beruht auf einer entsprechend mitwachsenden Ich-Bildung. Das, was die Bezeichnung „Ich“ verdient, ist das Zentrum von Bewusstsein und seine oberste Integrations-Instanz, nämlich das subjektive Erleben von Ganzheit und damit Integrität, also Intaktheit und Einheit. Diese erlebte Ganzheit ist nicht von Natur vorgeben und nicht Teil unseres natürlichen Erbes, sondern von Natur aus nur Potenzial. Erst durch eine kulturell von außen genährte und geförderte Entwicklung, die wir nur als individuelle Anstrengung leisten können, können wir aus diesem Potenzial eine Identität machen.

Ein Ich zu entwickeln ist Aufgabe unserer Bewusstseinsfunktion und wir können darin scheitern. Ein gesundes mentales Bewusstsein ist rational, das heißt es schafft eine kohärente und stringente, zusammenhängende, begriffliche Abbildung der wahrgenommenen Welt und strebt nach mehr und vor allem nach widerspruchsfreiem Verständnis der Welt, ihrer wirkenden Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten. Je mehr dieses Verständnis die eigenen Wesensmerkmale und die des generisch Menschlichen umfasst, desto mehr kann daraus Vernunft entstehen. Vernunft ist die Fähigkeit, rationale, dem eigenen Wesen und dem Wesen anderer entsprechende Urteile und Entscheidungen zu treffen.

Die Bewusstseins- und Ich-Entwicklung der wiederum nächsthöheren vierten Integrationsebene vollzieht sich durch eine Zusammenfügung von Körper-, sozialem und mentalem Bewusstsein im zeitunabhängigen Gewahrsein der eigenen Wesensaspekte. Wir können diese vierte Stufe als biografisches Schicksals- und Gegenwartsbewusstsein bezeichnen, weil der Mensch auf dieser Integrationsstufe seine Identität nicht mehr auf körperliche, soziale oder mentale Merkmale oder Fähigkeiten gründet, sondern auf der Wahrnehmung und inneren Abbildung jener Kräfte, die diese sich verändernde und wachsende Gesamtheit, die wir unser „persönliches Leben“ nennen, formen und hervorbringen.

Auf dieser Integrationsstufe werden wir uns unserer eigenen Aufmerksamkeit bewusst, wohingegen wir auf den drei vorhergehenden Stufen nur mit dem Inhalt unserer Aufmerksamkeit beschäftigt waren. Das wahrnehmende Subjekt selbst und das Bewusstsein selbst mit seinen verschiedenen Zuständen und Modalitäten werden auf dieser Bewusstseinsstufe relevant. Erst hier erkennen wir die metaphysische Macht von Bewusstsein und dass es die einzige Quelle aller Kultur und der einzig entscheidende Aspekte für Entwicklung ist.

Für das Thema dieses Artikels ist wichtig zu verstehen, dass die Entwicklung von Bewusstsein die Steigerung von Integrationskraft bedeutet und dass die Weiterentwicklung der Integrationsfähigkeit an jeder Stelle des beschriebenen Prozesses unterbrochen werden kann. Das Ergebnis ist dann nicht unbedingt ein Mangel an Wesens-Funkionen und Fähigkeiten, aber definitiv ein Mangel an Einheit und Identität.

Eine vehemente Behinderung der Entwicklung von Körperbewusstsein zum Beispiel führt zu Autismus. Autismus ist eine Ich-Entwicklung ohne Körper-Integration. Ein Autist hat durchaus eine Menge Funktionen zu seiner Verfügung haben, vor allem jene, die von Körperintegration unabhängig sind, wie z.B. Einzelobjekterkennung, Sprachentwicklung und analytisch-sequentielles Denken. Aber er hat keine Repräsentation von „Ich“, die seinen Körper, seine Impulse, Emotionen uns seine somatische Selbstwahrnehmung umfasst. Sein Ich ist mehr oder weniger körperlos.

Eine abgestufte, aber immer noch drastische Form von Integrationsmangel, die ebenfalls in das Spektrum psychiatrischer Grundstörungen fällt, entsteht durch die (etwas spätere) Unterbrechung der Bewusstseinsentwicklung während des Aufbaus der emotional-sozialen Integrationsstrukturen. Die Borderline-Störung hat ein einigermaßen intaktes basales Körper-Ich, bei ihr ist jedoch das Ich von den grundlegenden sozialen und emotionalen Fähigkeiten dissoziiert. Auch wenn diese psychotoide Defizitstruktur in der Bevölkerung seit Jahrzehnten massiv zunimmt, liegt die nach wie vor verbreiteteste und „normalste“ Blockade der Bewusstseinsentwicklung unserer Gesellschaft auf einer noch etwas weiter integrierten Stufe, nämlich im Übergang vom emotional-sozialen zum mentalen Ich-Bewusstsein, in dem die Entwicklung in der narzisstisch-depressiv gespaltenen Selbststruktur steckenbleiben kann: mit einer sozial angepassten, außengesteuerten und abhängigen Außenseite und einer authentischen, aber abgekoppelten, kindischen und verwahrlosten Innenseite.

Was wir an diesen pathologischen Zuständen am besten erkennen können und was für das Thema dieses Artikels bedeutend ist, ist die Tatsache, dass Mangel an Bewusstsein zu Dissoziation und Fragmentierung führt. Diese Fragmentierung bzw. die fehlende Kraft der Integration führen ebenfalls zu einem Mangel an Struktur und Ordnung, denn je geringer die Integration, desto weniger können die einzelnen Elemente der Wahrnehmung miteinander in Verbindung gebracht werden. In der Folge können dann keine Gemeinsamkeiten zwischen Eindrücken und Erfahrungen erkannt werden, also keine stabilen Schemata gebildet werden, keine grundsätzlichen Regeln und Wirkmechanismen begriffen werden und somit weder Schlussfolgerungen noch irgendwelche allgemeingültigen, situationsübergreifenden Erkenntnisse aus Erfahrungen und Wahrnehmungen gebildet werden. Erfahrungen und Wahrnehmungen können nur „gesammelt“ werden und bleiben als rohe Eindrücke auch in Erinnerung – aber ohne Bezug, ohne Sinn und ohne Konsequenz.

Man bemerke, dass diese Form von elementarer Unfähigkeit und Bewusstseinsmangel von vielen sogenannten „esoterischen“ „Bewusstseinslehren“ als Ziel verkauft wird: nämlich „nur noch im Moment zu sein“ ohne irgendeinen Bezug zu etwas Vergangenem, zu Wünschen oder Intentionen, zu Zielen oder Erkenntnissen, geschweige denn zu der Frage nach einem Sinn herzustellen. Im besten Falle erreicht man damit das Bewusstseinsniveau eines Hundes. Was für die „Herrchen“ solcher Rollenspielgruppen durchaus attraktiv sein kann. Aber wer ist es, der glaubt – und glauben will – dass dies die „höchste Stufe des Menschen“ und erstrebenswert sei?

Chaos ist Bewusstseinsmangel

Wir benötigen folgendes fundiertes Verständnis: wo immer Bewusstsein fehlt oder schwächelt, entstehen Fragmentierung und Unordnung. Und zwar nicht in der realen Welt, sondern in der Repräsentation dieser Welt in uns. Salopp ausgedrückt führt Mangel an Bewusstsein zum Chaos im Kopf. Wobei mit „Kopf“ jede Instanz der Repräsentation und Abbildung innerhalb unseres Nervensystems gemeint ist. Chaos ist also das Symptom eines Mangels, nämlich des Mangels an ordnungsstiftenden Kräften innerhalb unserer Abbildungen, Begriffs- und Konzeptbildungen aus unseren Wahrnehmungen.

Chaos ist kein Merkmal der Realität, sondern nur des Bewusstseins. Und es entsteht auch nicht durch irgendwelche aktiven ur-chaotischen Grundkräfte, elementare „Durcheinanderwerfer“ (dia-boli) oder kosmische „Unordnungsstifter“, sondern nur durch unterlassene oder fehlerhafte Bewusstseinsbildung. Die „Kräfte“ – wenn man diesen Begriff überhaupt rechtfertigen kann – welche Chaos verstärken, sind bloß passive Potenziale, während allein die Gegenkraft zum Chaos, das Heilmittel für Unordnung und Fragmentierung als aktiv bezeichnet werden kann: Bewusstseinsbildung. Sie fordert eine Anstrengung, nämlich die der strukturierten, korrekten, sortierten und differenzierenden Bildung innerer Selbst- und Welt-Landkarten, sei es aus Bildern, Symbolen, Begriffen oder schließlich komplexen Konzepten.

In dem Maße jedoch, indem ein Mensch Chaos in seinem Selbst- oder Weltbild hat, kann er dieses natürlich nach außen projizieren und reproduzieren. Da jede menschliche Handlung und Äußerung von Bewusstsein abhängig ist, kann sie auch chaotisch sein. Es gibt chaotische Handlungen, chaotische Sprache, chaotische Werke, chaotische Beziehungen und chaotische Philosophie und Ideologie. Das Chaos zeigt sich darin im fehlenden inneren Zusammenhang, in zerrissener Logik, mangelnder Kohärenz oder mangelhaftem Bezug zur Realität. Ein chaotisches Produkt, das als „Kunstwerk“ verkauft wird, ist als bloßer realer Gegenstand nicht chaotisch, sondern eben nur ein so oder so geformtes Objekt, das aber in nichts eingebettet ist und wenig oder keinen Bezug hat. Ebenso kann eine Beziehung zwischen Menschen chaotisch sein, womit nicht die objektiv vorhandenen und eventuell auch beobachtbaren Verhaltensweisen, Gefühle, Gedanken, Aussagen und Wünsche gemeint sind, sondern deren Bezug zueinander. Chaos ist Mangel an Bezug.

Dementsprechend können also auch Politik und Herrschaft chaotisch und – in der Folge – chaotisierend wirken. Man kann eine Gemeinschaft so lenken, dass ihre Mitglieder in der Entwicklung von kohärentem Bewusstsein massiv beeinträchtigt und blockiert werden. Die gesteigerte Form von Chaos ist destruktives Chaos, also ein Bewusstseinszustand, der so zerrüttet und fragmentiert ist, dass seine zerstörerischen Kräfte die Dominanz über alle anderen Aspekte übernehmen.

Ich habe an anderer Stelle schon einmal erläutert, dass die zerstörerischen Aspekte von Bewusstsein, analog zur Funktion von Magensäure eine wichtige Rolle in der Verarbeitung, nämlich der Zerlegung von Wahrnehmungs-„Brocken“ haben. Je mehr „schwer verdauliche“ Wahrnehmungen jemand erfährt, desto höher muss dieser „Magensäure“-Anteil in seiner Bewusstseinsfunktion sein, um sie zu bewältigen, nämlich in integrierbare Fragmente zu zerlegen. Jemand, der chronisch überfordert ist, wird in diesem Sinne dauer-sauer und hyperazidisch, ohne dabei aber zu einer Synthese und Integration zu finden. Als „verdaut“ kann etwas aber erst gelten, wenn es neu synthetisiert und integriert ist.

Der Mechanismus der Zerlegung kann sich verselbständigen und zu einer zwanghaften Obsession werden, alles zu zerlegen und zu zerhäckseln – nicht mehr bloß mental, sondern symbolisch stellvertretend auch real dinglich und konkret physisch. Es ist zu verstehen als der chronifizierte Versuch, die Wahrnehmung der Realität oder die Realität selbst solange zu zerkleinern, bis sie integrierbar geworden sei – was nach schweren Traumatisierungen der Verarbeitungsfunktion, also der psychischen Verdauung, auf diese Weise ohne Heilung nicht möglich ist und deshalb zu einer Zerstörungswut bis zur Selbstzerstörung werden kann.

Daraus erklärt sich jenes rätselhafte „Böse“, gegen das wir heute auf allen Ebenen des menschlichen Daseins zu kämpfen haben und das, wo auch immer es Macht erlangt, nur zerstörerisch wirkt. Es ist keine „Wesenheit“, kein „Alien“ und keine Instanz der Natur, sondern eine korrumpierte und entstellte Figur unserer menschlichen Bewusstseinsfunktion und gehört somit zur Welt des Geistes und nicht zur Welt der Biologie. Es ist ein Problem „im Himmel“, nicht „auf der Erde“, daher ist zuweilen auch die Rede von einem „spirituellen Krieg“. Dieser ist allerdings nur Symptom des Problems – nicht seine Lösung!

Gescheitertes Bewusstsein ist, metaphorisch gesprochen, ein gefallener Engel. Von ihm wurde gesagt, dass er in seinem Ursprung der Lichtbringer ist. Das ist, so wie das Chaos, in das er fällt, kein Aspekt des materiellen Kosmos, sondern ein Geschehen in seinem Komplementär, dem Bewusstsein, welches seine eigene innere Ordnung erst aufbauen muss. Das nach Ordnung strebende aber abgestürzte Bewusstsein kann hoch aggressiv und zerstörerisch werden in seiner Suche nach Boden und Orientierung. Dieses Böse entsteht ausschließlich aus Bewusstsein und ist nur in menschlicher Form handlungs- und steigerungsfähig. Ein Tier würde diese extreme Form der Bewusstseinsfragmentierung und damit des Identitätsverlustes gar nicht überleben.

Da Chaos ein Bewusstseinsphänomen und Bewusstsein ein Beziehungsphänomen ist – nämlich zwischen objektiver Realität und rezeptivem Subjekt – ist Chaos eben auch ein Beziehungsphänomen, und zwar ein negatives: Chaos ist Mangel an Bezug und Bezogenheit. Ein Psychotiker, der fast vollständig den Bezug zur Realität verloren hat, lebt im Chaos. Aber dieses Chaos ist subjektiv, es liegt in seiner Verarbeitung. Ein Neurotiker lebt in einer etwas milderen aber ebenfalls quälenden Form von Chaos, nämlich in fehlendem Gefühlsbezug zur Realität. Er kann die Realität wahrnehmen und auf sie reagieren, jedoch nicht mit angebundenem Fühlen, so dass seine Reaktionen bizarr bis selbstschädigend ausfallen, weil sie auf Emotionen beruhen, die eine Ursache und einen Auslöser haben, aber keinen Bezug zu seiner unmittelbaren Wahrnehmung und somit keinen Bezug zur Realität.

Irrationale Menschen wie Dogmatiker, Fanatiker oder Ideologie-Anhänger leben im mentalen Chaos: sie können keinen Bezug zwischen ihren Begriffen, Ideen oder Gedanken und der wahrnehmbaren Realität herstellen. Gerade deshalb aber halten sie umso mehr und fanatischer an Ideen und ihren Vertretern fest, weil sie sonst keine Struktur kennen und haben. Es ist die Struktur ihres Denkens, die irrational ist, weil sie irreal ist. Die Begriffe und Ideen, die sie verwenden, beruhen nicht auf Wahrnehmung, sondern werden von Emotionen, Launen, Reflexen und kindlichen Assoziationen bestimmt und gesteuert. Diese sind jedoch ohne Zusammenhang untereinander, also ohne Integration, und bilden daher eine Art begrifflichen und konzeptuellen Scherbenhaufen wie lose Puzzlestücke, von denen immer nur einzelne herausgegriffen und verwendet werden, ohne dass jemals eine Ahnung von einem Gesamtbild oder Motiv entsteht.

Es braucht bereits ein Mindestmaß an Bewusstsein, um diesen Zustand des Chaos überhaupt wahrnehmen zu können. Ansonsten erzeugt er nur ein formloses, namenloses Leiden von Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit. Für den Menschen, welcher ohne denkfähiges und urteilsfähiges Bewusstsein prinzipiell nicht überlebensfähig ist, gibt es kein bedrohlicheres Leid als Desorientierung und blockierte Bewusstseinsintegration.

Die seit Jahrzehnten stetig steigende Nachfrage nach Psychotherapie oder alternativ nach diversen neo-religiösen Welterklärungen und ihren sozialen Betreuungsangeboten sind laut sprechender Beleg für die regressive Richtung unserer Kultur ins immer Chaotischere. Menschen gehen in Psychotherapie, in „Selbsterfahrungsgruppen“ oder zu Welterklärungsseminaren, weil sie den Scherbenhaufen ihres Bewusstseins zu einem sinnvollen Gesamtbild zusammenfügen wollen. Sie sind nicht mehr handlungsfähig oder fühlen sich überfordert, nicht weil die Probleme um sie herum objektiv unlösbar oder intensiver als je zuvor sind, sondern weil sie keine Repräsentationen in sich aufbauen können, aus denen Lösungen, sinnvolle Aussichten und Handlungen ableitbar wären.

Dem Depressiven fehlt das Bewusstsein für das, was ihm emotionale Kohärenz gibt. Er nennt das „Sinn“. Er empfindet sein Leben als „sinnlos“, weil es nichts gibt, das in ihm Freude und Motivation generiert. Ihm fehlen nicht Möglichkeiten zu schönen, wertvollen und begeisternden Erlebnissen, sondern ihm fehlt der Bezug zum Schönen, zu Werten und Geist. Dass die Depression – jene konturlose Allerweltsdiagnose – in unserer heutigen Kultur zum gar nicht mehr auffälligen Normal-Lebensgefühl geworden ist und man nur noch zwischen verschiedenen Schattierungen der Symptombildung oder Abwehr unterscheiden kann, ist Zeichen für ein ausschlaggebendes Merkmal unserer Kultur: dem Mangel an Bezug zu Werten.

Ein Wert ist alles das, was unserem Wesen entspricht, es fördert, bestärkt, sichtbarer und bewusster macht. Werte müssen nicht erfunden werden – mehr noch: sie dürfen auf gar keinen Fall erfunden werden! Werte können nur gefunden, ent-deckt und begrifflich gefasst werden. Sie ergeben sich aus der naturgegebenen Notwendigkeit, die Integrität unseres Wesens und damit des Wesentlichen für uns zu bewahren und anzustreben.

Die körperliche Reaktion auf erfüllte Werte ist Wohlbefinden, Sicherheitsgefühl, Vitalisierung, Beweglichkeit und Kraft. Im emotional-sozialen Bewusstsein bilden sich erfüllte Werte ab durch Freude, Motivation, Neugier, Stolz, Gelassenheit und Großzügigkeit. Das mentale Bewusstsein spiegelt erfüllte Werte durch Klarheit, Rationalität, Kreativität, Erfindergeist und das Streben nach Verstehen von immer tieferen und umfassenderen Zusammenhängen. Es ist dafür zunächst einmal überhaupt nicht notwendig, Werte in Worten benennen zu können, obwohl es für die Entwicklung von Verstand und Vernunft sehr förderlich ist.

Wir verstehen Werte, ihre Bedeutung und unseren Bezug zu ihnen erst, wenn wir erkennen, dass sie von Natur aus gegeben und in unserem Wesen ebenso verankert sind wie sie in unserem Bewusstsein gespiegelt werden können – egal auf welcher Stufe es sich befindet. Unsere Integrität – das ist die Übereinstimmung mit unseren Wesenswerten – hängt nicht primär von unserer Bewusstseinsstufe ab, sondern davon, dass unser Bewusstsein nicht getrennt von unserer Natur und nicht gegen unsere Natur ist, sondern kongruent mit ihr.

Da jedoch rationales Bewusstsein zum Wesensmerkmal des Menschseins gehört, können wir als Erwachsene nur integer sein, wenn wir diese Stufe erreichen. Alles andere geht gegen den Grundwert unserer Selbstbewusstwerdung und des Selbsterhalts als bewusstes Wesen. Ein menschliches bewusstes Leben ist deshalb objektiv mehr wert als ein menschliches Leben ohne Bewusstsein, weswegen der Mensch es in der Regel bevorzugt zu sterben, als sein Dasein ohne Hoffnung auf Integrität, Sinn und Identität zu fristen, d.h. ohne selbstkongruentes Bewusstsein. Denn allein darin liegt seine Würde.

Die Geschichte der Desintegration

Kommen wir also zu unserer Ausgangsfrage zurück: Was ist passiert, dass die westliche Kultur seit 250 Jahren oder mehr die Macht, vor allem die politische Macht zunächst von Verstand und Vernunft und damit von den Fähigkeiten der mentalen Bewusstseinsstruktur getrennt hat? Und zwar so grundlegend und konsequent, dass diese künstliche Trennung nicht einmal bemerkt und bemängelt, sondern nur immer weiter vorangetrieben wurde. Wie kam es zu dieser Tabuisierung der politischen Macht für das rationale Denken und zu jener Tabuisierung des rationalen Denkens in allem Politischen?

Nachdem wir uns die Bedeutung von Bewusstsein als integrierende Kraft und ihre Stufen genauer angesehen haben, können wir nun feststellen, dass sich die westliche Kultur – und in ihrem Gefolge die gesamte Welt – seit der Hochkultur der Renaissance, also etwas seit Anfang des 17. Jahrhunderts in einem kontinuierlichen Desintegrationsprozess befindet, der um die Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert herum nur ansatz- und versuchsweise einmal unterbrochen, schlussendlich nur kurzzeitig abgebremst wurde durch die geistigen Einflüsse der Unabhängigkeitskämpfe der USA und die der deutschen Romantik. Es sei damit am Rande und für zukünftige Betrachtungen auch schon vermerkt, dass beide desintegrationshemmenden Einflüsse hochgradig von der damaligen deutschen Kultur initiiert wurden.

Der Desintegrations- und Fragmentierungsprozess mag damit begonnen haben, dass die westliche Kultur in den Bann der Technologie-Erfindungen gezogen wurde, die sich seit dem 16. Jahrhundert stetig und bis heute beschleunigten. Die Möglichkeiten des Könnens wuchsen dabei schneller an als das integrierende Bewusstsein des Menschen mitwachsen konnte. Die zuvor noch dominanten ehrfuchtsgebietenden Kräfte der Natur und des „Schicksals“ als „Zeichen und Wirkmächte Gottes“ verloren rapide an Einfluss, weil der Mensch den natürlichen Prozessen immer mehr eigene Wirkkräfte durch Maschinen und Technologien entgegensetzen konnte und somit alle Lebensprozesse mehr und mehr unter die Kontrolle des technologischen Verstandes brachte.

Eine Wiederanknüpfung der neuen Selbst- und Weltbilder an eine höhere Macht oder Bewusstseinsebene hinkte in diesem Rausch immer weiter hinterher und wurde schließlich ganz abgehängt. Der Mensch begann, seinen (techno-logischen) Verstand als die höchste Bewusstseinsstufe und die Spitze der Schöpfung zu betrachten, weil er von dessen Gestaltungs- und Veränderungskraft fasziniert und geblendet und von der aus ihm hervorsprudelnden Technik und Maschinerie völlig eingenommen war. Das war vermutlich der erste Schritt im Wegdriften von der hochintegrativen Philosophie der Renaissance, in der die Idee einer höheren, zeitlosen, göttlichen Macht, der man sich nur durch die anstrengende und willentliche Integration von Körper, Gefühl und Vernunft (Urteilskraft) zu einer harmonischen Ganzheit annähern konnte, noch für alle Bereiche der Kultur dominant war: für Wissenschaft, Kunst und Philosophie in erster Linie, für Religion, Politik und Bildung als deren Echo.

Der nächste große Schritt der Fragmentierung in der Weltanschauung und im Menschenverständnis geschah durch die sogenannte „Aufklärung“, in der man dazu überging, den Verstand als grundsätzlich getrennt von der Sinneswahrnehmung zu betrachten – was völlig gegen jede Empirie war. Mit der Aufklärung, die in so hehren Worten von sich selbst und ihrem Konzept von „Vernunft“ sprach, verlor das Abendland tatsächlich die Vernunft. Und es hat sie bis heute nicht mehr wiedergefunden, sondern zusätzlich auch noch den Verstand verloren. Einen anderen Anwärter auf die Position eines Sponsors der Vernunft als das damalige Europa und seinen letzten großen Ableger, den USA, hat es bisher auch nicht gegeben.

Zunächst koppelte man das Denken von der Wahrnehmung ab für den Bereich des Moralischen, der angeblich nicht durch den Verstand, sondern nur durch das Gefühl, die Intuition oder sonst eine mythische irrationale Kraft wie „das moralische Prinzip in mir“ erfassbar sei. Der bekannteste und einflussreichste Vertreter dieser neurotischen Axiomatik war Immanuel Kant, der die philosophische Frage nach Moral zu einem irrationalen Mysterium deklarierte und somit die Moralphilosophie und jedes kohärente Denken darüber effektiv abschaffte.

Dahinter steckte jedoch mehr als eine voreilige Fiktion. Ausschlaggebend waren –  wie immer – die zugrundeliegenden philosophischen Prämissen, die weniger philosophisch als ideologisch waren: erstens eine Metaphysik vom Menschen und zweitens daraus abgeleitet eine Erkenntnistheorie, die verheerend waren in ihrer Abkopplung von der Realität: man ging davon aus, dass der Verstand eine eigene, separate Welt für sich bildete, die mit der Welt der Sinne nichts zu tun hatte. Das ist entwicklungspsychologisch irrsinnig und geradezu unmöglich, es wurde auch gar nicht weiter begründet geschweige denn untersucht, sondern einfach nur erklärt, als wäre Philosophie nichts weiter als ein Gedankenspiel oder eine Kirche. Aber seitdem ist sie – also das, was wir heute „Philosophie“ nennen – nur noch gestörte Gedankenspielerei und eine Kirche ideologischer Dogmen.

Vatermord und die Verbannung des Königs

Wir müssen uns klar machen, was das bedeutet. Wir nähern uns hier der ursächlichen Spaltung, die die westliche Kultur so sehr schwächte, dass sie von innen zerstört wurde – dass sie sich selbst zerstörte. Diese Spaltung fand auf einer Eben stattfand, die für die meisten Menschen unsichtbar ist und deshalb nicht erkannt wird. Aber dieses Nicht-Erkennen führt dazu, dass wir den Frevel wieder und wieder begehen und die Spaltung immer weiter vorantreiben.

Kant war kein Philosoph. Philosophie ist die Wissenschaft des Denkens über das Denken. Das griechische sophós bedeutet so viel wie „geschickt, weise“ oder „Weiser“. Weisheit bedeutet Selbstkenntnis und Selbstbeherrschung, also innere Herrschaft nicht über Emotionen und Impulse, sondern vor allem über das eigene Wissen, über das Verstehen und Sprechen – also über das Denken. Philo-sophie ist die geübte Kunde oder besser: die Kunst von der Beherrschung des Denkens. Sie steht über dem Denken und hat die Aufgabe, es zu beherrschen.

Kant hat über sein Denken nicht nachgedacht, sondern es nur produziert. Er war Sophist (gr. sophízein = „unterrichten, belehren“ auch „etwas aussinnen und erfinden“!). Also mit möglicherweise viel „Sophie“, aber ohne „Philo“, ohne Kunst und ohne Liebe.

Kant behauptete, dass wir nichts mit Sicherheit wissen können, weil unser Wissen auf unserer Sinneswahrnehmung beruht, die qua ihrer Natur immer mehr oder weniger Verzerrung in die Abbildung des Eigentlichen, also der objektiven Realität bringt. Das ist der folgenschwere Denkfehler, auf dem nicht nur seine ganze schizoide Spaltungs-„Philosophie“ beruht, sondern seit Ende des 18. Jahrhunderts der Niedergang der europäischen Kultur, die somit als einziger geistiger Sockel der gesamten westlichen Welt zusammenbrach.

Was war der Denkfehler? Es war eine Übertreibung und Verabsolutierung: nämlich aus einer Verzerrung der Wahrnehmung eine unüberbrückbare Kluft zu machen. Nur weil wir zunächst – z.B. als Kinder – noch keine adäquaten und ausreichend differenzierten Konzepte der objektiven Realität bilden können, bedeutet das nicht, dass es generell, ontisch und damit absolut unmöglich ist.

Und selbst wenn es richtig wäre, wenn es tatsächlich überhaupt keine Möglichkeit gäbe, die wirkliche Realität mental richtig abzubilden – ja, dann ist doch das, was wir „Realität“ nennen auch nichts weiter als erfundenes Konstrukt unserer Fantasie oder eine bloße Vermutung, die nie überprüfbar wäre. Dann könnten wir auch fröhlich weitermachen, denn unser Verstand scheint mit der angeblich „falschen“ oder „ungenauen“ Realitätsabbildung wunderbar zurechtzukommen: er baut Getreide an, stellt erfolgreich Geräte her und Maschinen, er baut Musikinstrumente, Kathedralen, er erfindet den Buchdruck und die Dampfmaschine, die auch für verstockte Geister wie Kant funktionieren, welche behaupten, das alles sei nicht die wirkliche Wirklichkeit.

Mit welcher Begründung behaupten sie ihre unsichtbare, unergründbare wirkliche Wirklichkeit? Mit keiner. Sie „wissen“ es einfach. Irgendwie. Sie fühlen es oder haben es von ihrer Intuition geflüstert bekommen. Der korrekte Begriff für diese neurotische Form der Prämissenbildung ist Rationalisierung: man stellt eine Idee abseits aller Logik, Wahrnehmung und Plausibilität als gegeben hin, weil sie der eigenen emotionalen Prägung oder Erfahrung am meisten entspricht, also vor allem den eigenen Abwehr- und Schutzmechanismen.

Jedes Grundschulkind kann das durchschauen und den geradezu primitiven Logikfehler der oben genannten Schlussfolgerungen erkennen. Warum dann aber die Gelehrten und Berufsdenker der letzten 250 Jahre nicht?

Weil sie ihn nicht als Fehler sehen wollten. Genauer: weil sie das Ergebnis und die Schlussfolgerungen dieser Ideologie wollten und den fatalen Denkfehler darin deshalb in Kauf nahmen. Ihre Philosophie ist nur ein mehr oder weniger mühsames Rechtfertigungs-Konstrukt für einen fatalen Mystizismus, der in ungeschminkter Reinform lautet: Gefühle, Fantasie und Wahnvorstellungen sind das einzig Wahre, Denken und korrekte Begriffsbildung hingegen sind impotent, unwirksam und nutzlos.

Es beginnt, nach Verrat zu riechen, nicht wahr?

Weiter in der Untersuchung dieser philosophischen Kriminalität: Warum sollte jemand die absolute Spaltung des Denkens und des Verstandes von der Wahrnehmung und damit der Realität wollen? Warum sollte jemand unbedingt zu der Schlussfolgerung kommen wollen, dass wir nichts wirklich wissen können, dass unser Verstand isoliert, ohnmächtig und abgetrennt ist? Warum sollte jemand nicht nur alle offensichtlichen Fakten ignorieren, die zeigen, wie gut wir Menschen mit unserem Verstand die Welt erfassen und erfolgreich verändern und gestalten können, sondern darüber hinaus auch noch ignorieren, dass er nicht mehr logisch, stringent und redlich denkt, sondern nur noch setzt und behauptet, um dann ein für alle Mal die Akte zu schließen und den Verstand zur Hinrichtung zu verurteilen?

Das ist nicht rational, sondern intellektueller Betrug. Es ist Selbstbetrug. Es ist bloß eine Rationalisierung von etwas anderem, das zwanghaft gerechtfertigt und konsolidiert werden muss. Es ist eine intellektuelle Verkaufsmasche für etwas ganz und gar Nicht-Intellektuelles und Nicht-Rationales. Und was das ist, das erfahren wir von Kant selbst, weil er sich beeilt, sich nur noch mit den Schlussfolgerungen und den endlos abgeleiteten Konstrukten zu beschäftigen, die auf dieser falschen und fiktiven Prämisse beruhen: da der Mensch Gewissheit im Denken nicht finden kann und das Denken immer schrecklich falsch, subjektiv und abgekapselt ist, ist die einzige Quelle für Sicherheit und Gewissheit: der Glaube. Dazu gehören: die Intuition, das Gefühl und „innere Stimmen“.

Jetzt müssen wir tief durchatmen. Jawohl, der „Vater der Aufklärung“ empfiehlt der gesamten intellektuellen Welt, sich auf Glaube, Fühlen und intuitive Eingaben zu verlassen und das konzeptuelle Denken, die rationale Begriffsbildung und die schrittweise mentale Abbildung der Realität diesem Glauben unterzuordnen! Er geht noch nicht soweit, den Verstand und das abstrakte Denken explizit zu verteufeln, das übernehmen dann seine konsequenten Nachfolger.

Er sagt, dass wir nichts rational – durch sukzessive Begriffsbildung aus der Wahrnehmung wissen können, aber er postuliert dies mit absoluter Gewissheit. Auf welcher Basis? Glauben. Er hatte da wohl so ein Gefühl. Er vertraute da ganz seiner Intuition (und kann sie von Fantasie, Projektion und Introjektion nicht unterscheiden). Diese Musik sollte uns bekannt vorkommen. Sie schallt heute aus allen Lautsprechern der New Age-Produktionen: nicht hinschauen, nicht nachdenken, nicht prüfen – nur glauben! Und nachplappern.

Kant und sein zahlloses Gefolge betrachten den Verstand nicht als eine Kapazität, die sich aus Erfahrung und Abstrahierung erst bildet und organisch entfaltet, sondern als etwas, das einfach „irgendwie“ schon da ist, als einen Homunkulus in der Retorte aus dem Nichts, als einen „Kosmos für sich“. Das ist nicht ganz falsch: ein Autist und ein Psychotiker erleben das genau so, sie sind in ihrem „Verstand“ und „Denken“ eingesperrt und abgeschnürt von der Wahrnehmung. Kant behauptet jedoch, seine Anschauung würde für den „Menschen an sich“ gelten, er macht aus seiner recht pathologischen Fiktion eine Metaphysik und generelle Epistemologie für alle und alles.

Was ist Kant also? Ein Religionsstifter. Wurde er vom Vatikan dafür bezahlt? Nein, vom preußischen Kurfürsten in Sankt Petersburg. Also von der damaligen lokalpolitischen Steuerungszentrale. Wir brauchen aber gar keine Verschwörungshypothese, wenn wir den Mechanismus der Rationalisierung verstehen: Kant hat seine persönliche, idiosynkratische Welt- und Selbstanschauung in ein pseudo-philosophisches Konstrukt übersetzt. Seine Quelle ist nicht das Denken, sondern eine neurotische Wahrnehmungsverzerrung. Er beschreibt in endlosen komplizierten Gedankengebilden die Bewusstseinsstruktur einer schizoiden Persönlichkeitsverzerrung (oder sogar ‑störung). Für den Schizoiden, der so etwas wie eine abgemilderte autistische Tendenz repräsentiert, gibt es kaum Verbindung zwischen seiner Körper- und Sinneswahrnehmung einerseits und seiner mentalen Schemabildung andererseits, weil diese Verbindung blockiert wurde, was durch eine sehr frühe (oft vorgeburtliche) schmerzhafte Überforderung sehr schnell passieren kann. Wenn man in einer solchen Denkverkapselung aufwächst, kennt man nichts anderes und wird es für normal halten. Aber es ist nicht gesund. Es ist gestört.

Voilà, die „Philosophie“ von Kant und des gesamten intellektuellen Abendlandes seit 250 Jahren: eine rationalisierte Persönlichkeitsstörung. Eine intellektualisierte und inflationierte Traumareaktion mit ihren eingefrorenen Abwehrmechanismen. Ein sich eloquent fortpflanzender Ausdruck von Verzweiflung. Und verständlicherweise so: dies ist der mentale Zustand eines jedem, der daran festhält, ausgerechnet das mit aller Kraft hassen zu müssen, was ihn als einziges retten und erlösen könnte.

Die verheerenden Folgen sind aber nicht Kants Schuld, er konnte nichts dafür, dass er aufgesogen wurde wie Wasser von einem Verdurstenden. Seine persönliche Wahrnehmungsverzerrung war die Grundlage ganzer Generationen, die ihm folgten. Der immense  technologische Entdeckungs- und Entwicklungsschub seit dem 16. Jahrhundert hatte der Kirche und damit der Religion als soziales Rahmengefüge und Welterklärung so große Konkurrenz gemacht, dass die Menschen verwirrt und ambivalent waren. Die Kirche versprach Tradition, Fortbestand und das bequeme Verweilen in Unmündigkeit und  Verantwortungslosigkeit. Die Technik und die Entdeckungen der „neuen Welt“ forderten heraus zum eigenen Denken und Fragen, zum Saupere aude. Das war nicht nur sozial und machtpolitisch äußerst unangenehm, sondern auch anstrengend und unbequem, denn der Weg des Denkens war mit lauter Fallen und Fehlern übersät.

Kant und seine Nachfolger waren die große Erlösung aus diesem Dilemma. Sie schufen ein intellektuelles Rechtfertigungsgebäude, das sie wie 17 Matratzen über die Erbse ihrer primären Denkfehler und irrationalen Motive legten, so dass diese nicht mehr bemerkt wurden. Die „Prinzessin“, die diese Erbse spürte und geistig auf diesem Konstrukt nicht mehr schlafen konnte, wurde erst 200 Jahr später, öffentlich hörbar und entlarvte den Schwindel und den Verrat.

Es gab natürlich auch zu Kants Zeiten und seitdem immer Gegenstimmen, aber sie waren kulturell und vor allem politisch wirkungslos. Hier ist nicht der Platz für eine ausführliche historische Untersuchung, die für unser Thema hier auch gar nicht ausschlaggebend ist. Relevant ist etwas ganz anderes: seit Kant wurde diese Form der irrationalen Sophisterei und der neurotischen Rationalisierung als „Philosophie“ bezeichnet, an Lehrstühlen gelehrt und staatlich bezahlt und gefördert. Die echte Philosophie, das, was diesen Titel verdient, verschwand im Untergrund und wurde vergessen.

Philosophie jedoch ist nicht bloß sprichwörtlich, sondern ihrem Wesen nach der Vater aller Wissenschaften und aller intellektuellen Künste. Sie ist der Wächter der Rationalität, also der korrekten Abbildung der Wahrnehmung im Denken. Als Wissenschaft vom Denken ist sie die Wissenschaft der Wissenschaften, also der König der Wissenschaften.

Und dieser Vaterkönig wurde verraten und verjagt. Das, was wir seitdem „Philosophie“ nennen ist ein geköpfter Geist, der durch die europäische Kultur spukt und seinen Hamlet sucht. Seinen Kopf hält er unterm Arm wie einen Spielball, der mit den Augen rollt und ominöse Andeutungen von sich gibt. Unsere „Philosophen“ der letzten 250 Jahre sind vaterlose, weisheitslose, kunstlose Söhne, die nicht wissen, wonach sie schreien und wogegen sie ankämpfen, weil sie nicht rational denken wollen. Die einen lassen nur noch den lose schwebenden Kopf sprechen wie Hegel. Die anderen beschwören theatralische Dialoge zwischen kopflosem Körper und körperlosem Denken herauf wie Nietzsche. Dann gibt es die, die den Geisterkopf in einem abgeklebten und verdunkelten Terrarium halten, und ihn aus der Totalisolation heraus stammeln lassen wie Heidegger und seine Karikaturen, die „Sprachphilosophen“. Heidegger ist übrigens auch der wahrscheinlich prominenteste wenn auch nicht der einzige Beleg dafür, dass das mentale Lock-in-Syndrom vor dem politischen Lock-down kommen musste, weil es nämlich seine Grundlage schuf.

Die junge Generation der Geisteswissenschaften hat seit der Mitte des letzten Jahrhunderts den Geist komplett abgeschrieben und geriert sich nur noch als gesellschaftliche Kommentatoren wie überhitzte Sportmoderatoren – mal resigniert-zynisch, mal politisch korrekt und banal. Dabei aber sehr kreativ in der Erfindung immer neuer Narrative und intellektueller Verrenkungen. Irgendwo tief in ihnen muss es sehr leer und sehr, sehr schmerzhaft sein. Es ist egal, wer sie sind und was sie alles vorgeben zu sein, es sind keine Philosophen. Die Philosophie ist seit über 250 Jahren exkommuniziert, für tot erklärt und unsichtbar.

Was das kulturell, sozial und in der nächsten Konsequenz dann auch politisch bedeutet, können wir an Kant noch nicht ablesen. Er hat es nicht gewagt, konkrete Schlussfolgerungen aus seiner widernatürlichen Fiktion zu ziehen. Das hat Karl Marx ca. 60 Jahre später dann übernommen. Er steigerte die nur eigenbrötlerisch dissoziative Spaltung zur paranoid-antisozialen Zerstörungslust.

Marx leitet aus der schon vollbrachten Enthauptung der Kultur folgerichtig ab, dass der kopflose Körper die Macht übernehmen sollte, denn für Macht braucht es ja vor allem Hände und Muskeln; und dass deshalb die Hände den Kopf zu steuern haben und dass das – natürlich – nur mit Gewalt geht. Nicht mit sporadischer Gewalt, sondern mit einem chronischen Zustand von Hass, Spaltung, Gewalt und Krieg als Idealzustand. Die Dauer-Revolution als Abwehr und Ablenkung vom Erkennen der Realität, also gegen die Vernunft. Wir hören durch ihn bereits die paranoide Psychose sprechen, in die ganz Europa nach ihm verfiel und die Kant ideologisch vorbereitet hatte: da die „wirkliche“ Realität sowieso nicht erkannt werden kann, kann man also seine Impulse und Pathologien frei ausleben und denen, die man nicht ausstehen kann, den Schädel einschlagen. Hatte Kant ja gesagt: die höchste Moral können wir nicht rational begründen oder ableiten, sondern nur als Intuition und innere Stimme in uns hören und besonders moralisch ist etwas erst dann, wenn man es nur aus erkannter „Pflicht“ (korrekt: Introjektion) tut und gegen die eigenen Präferenzen – wenn man sich also selbst soweit verleugnet wie es nur geht.

Verstehen wir jetzt die Grundlagen der mentalen Programmierung der Roten Armee, der SA und der Polizisten im Jahre 2021, die prügelnd oder mordend ins Volk einfallen? Das ist unser aller kulturelle Basis. Diejenigen von uns, die eine „etwas andere Intuition“ haben und Gewalt ablehnen, haben dazu keine stichhaltige Philosophie, vor allem keinen Philosophen. Sie können der Ideologie von Spaltung und Gewalt nichts entgegenstellen. Die Faschisten und Stalinisten hingegen haben Kant, Hegel, Marx, Nietzsche, Heidegger… Es ist gar nicht notwendig, sich in MK-Ultra-Techniken zu vertiefen, unser aller Gehirne sind lange im Voraus aufgeweicht worden nicht primär durch Weichmacher, die erst später als mediale Drogen in der Breite angewendet wurden, sondern zunächst durch den sukzessive destabilisierenden Entzug mentaler Härtungsmittel in Form strukturgebender Prämissen, für die primär die Philosophie zuständig ist. Welche aber wie gesagt seit langem schon im kulturellen Exil ist.

Die aggressiv-psychotische und antisoziale Störung, die aus diesem Mangel entstand und sich seit 250 Jahren unter dem gestohlenen Titel von „Philosophie“ ausbreitet, ist die Grundlage der Brutalisierung unserer Kultur (und damit der Politik) mit ihren bekannten Exzessen im 20. Jahrhundert. Wir haben ihr seit 250 Jahren intellektuell nichts mehr entgegenzusetzen.

Die hier konsequent verwendeten klinischen Begriffe zur Charakterisierung dieses Zustands sind dabei nicht zynisch oder diffamierend gemeint, sondern sollen verdeutlichen, dass es sich schon lange nicht mehr um ein philosophisches, denkerisches Problem handelt, sondern um ein psycho-pathologisches Phänomen, eine Pathologie des Geistes. Es gibt einen Unterschied zwischen einem philosophischen Kolloquium und dem Sprechzimmer eines Psychiaters. Wir haben allerdings verlernt, ihn zu erkennen. Den Unterschied nicht sehen zu können (oder nicht zu wollen), bedeutet geistig vaterlos und zu sein.

Der Langzeiteffekt solcher Einflüsse auf die Kultur dürfte offensichtlich sein. Diejenigen, die den Verstand schulen sollten, die Intellektuellen, lehnen ihn ab und beginnen, ihn zu bekämpfen. Sie kämpfen gegen einen natürlichen und zentralen Wesensaspekt des Menschen. Von Generation zu Generation wird dieser Kampf brutaler und rücksichtloser bis schon die Kinder aufgeben noch bevor sie angefangen haben. Sie bilden keine Begriffe mehr, sondern lernen, sich an Launen, sozialen Signalen, an Gruppendynamiken und Autoritäten, also an Gewalt zu orientieren. Alles andere, lernen sie schnell, funktioniert nicht.

Um das Problem durchschauen zu können, bräuchten sie die Fähigkeit des abstrakten Denkens und genau die haben sie nicht. Sie geben in jüngsten Jahren auf, verstehen zu wollen. Sie wollen nur noch in Ruhe gelassen werden. Ansonsten schlagen sie zu. Lieber aber fügen sie sich in eine Gruppe ein oder lassen sich von Medien sedieren und drehen mit im großen Rad. Es hat sowieso alles keinen Sinn. Warum Fragen stellen? Belohnt werden nur Reiz-Reaktionen-Antworten. Warum konsistente Begriffe und kohärente Konzepte aufbauen, wenn die Erwachsenen sich sowieso nur über Autorität, über Macht und Abhängigkeiten durchsetzen? Warum Logikfehler und Unplausibilitäten überhaupt bemerken, wenn man dafür nur sozial bestraft, beschämt oder ausgestoßen wird?

Das ist der Krieg der seit über zweihundert Jahren täglich in unseren Schulen und Universitäten stattfindet: Autoritäten und Institutionen gegen Menschen und gegen den Geist.

Gewalt, Gewalt, Gewalt. Unter dem Deckmantel von „Pädagogik“, „Erziehung“, „Medizin“, „Therapie“, „Rechtsprechung“, „Politik“, „humanitären Einsätzen“ , „‘Umweltschutz“ oder „Frieden“. Zu welcher Art Gesellschaftsstruktur das führen muss, haben wir in Teil I dieser Reihe ausführlich erläutert.

Es ist klar, wer dabei fast immer gewinnt und wer immer dumpfer und schwächer wird. Die Verlierer und Erstickten sind jedoch nicht bloß verkrüppelt und gelähmt, sie haben enorme Reserven an Verzweiflung, Zorn und Schmerz in sich aufgestaut. Aber keine Fähigkeiten, diese zu benennen, zu begreifen, zu hinterfragen oder ihnen ein Richtung zu geben. Nur eine gewaltige, wortlose Masse an Emotionen und die gigantische Angst, von ihnen zerstört zu werden. Der enorme staatlich organisierte Drogenaufwand und die engmaschige ideologisch-mediale Betreuung können diese Psychiatrie mit wachsender Totalität und Gewalt noch eine Zeit lang ruhig und zusammenhalten. Aber was, wenn man die Menschen vom Tropf nimmt? Was, wenn die Kinder aus der Sedierung aufwachen?

Brauchen sie dann nicht als erstes einen Rahmen und Hilfe, um zu verstehen? Brauchen sie nicht als erstes Unterstützung darin, sich und ihr Leiden in Worte zu fassen? Sollte die wohlmeinendste Kraft sie nicht vor allem darin fördern, richtige Begriffe zu bilden und auf diese Weise Ordnung, den Anfang von Ordnung und Struktur in sich zu schaffen? Organisieren und formen kann das nur die Philosophie – die Kunst, richtig zu denken und den Verstand menschlich und gesund zu machen.

Wer einen Eindruck bekommen möchte, wie ein Hamlet denken muss, der kommt, um diesen verratenen Vater und König zu rächen und zu rehabilitieren, der beschäftige sich mit den Schriften von Ayn Rand. Sie ist die einzige bekanntere Person, die es verdient, „Philosoph“ genannt zu werde. Interessant, dass es ein Frau ist, die den Spuk beendet und den Kopf wieder auf den Körper setzt. Sie war nicht vaterlos. Sie war nur allein in einer geistig vaterlosen und verwahrlosten Welt. Sie zeigt uns bereits als Zwölfjährige, dass die ganze hysterische intellektuelle Schickeria nicht nur Kindergarten ist, sondern schon lange krank und verloren. Wir können das durchschnittliche psychische Alter der europäischen Intelligenzija abschätzen, wenn bereits ein Mädchen mit zwölf Jahren so viel weiter und reifer ist, dass der Abstand für die meisten gar nicht mehr zu überbrücken ist. Wir liegen also ganz bestimmt nicht ganz falsch, wenn wir den durchschnittlichen Reifegrad unsere Gesellschaft mit sechs bis acht Jahren veranschlagen.

Warum? Weil der Vater fehlt und der König. Nicht als mythische oder mediale Figur, sondern als Einflussprinzip in unserem Bewusstsein. Nachdem wir also die Erben des Anti-Vaters Macbeth sind, müssen wir zunächst erstmal Hamlet werden, den Mord erkennen und uns auf unsere genuine Aufgabe besinnen.

Was heutzutage auf dem geistigen und kulturellen Thron sitzt, ist nicht der rechtmäßige Erbe, nicht Philosophie, nicht Metaphysik, Erkenntnistheorie und rationale Moralphilosophie, sondern die Ideologie der Spaltung und Rationalisierung und ihreneo-mystischen Paradigmen. In Folge leben wir unter einer religiösen Käseglocke mit eingebauter Orakelfunktion, medialer Gauklertruppe und – von den Priestern der Macht ausgehend – der Lizenz zum Töten.

Was Hamlet braucht, um die Ordnung wiederherzustellen ist sein erwachendes Verantwortungsbewusstsein: die Erkenntnis, dass der Niedergang sonst total wäre, seinen klaren rationalen Verstand und – Waffen. Ha! Jetzt erscheint uns der Geist des ermordeten Vater in voller Rüstung und Kriegsmontur und es riecht nach Kampf! Der große Hausputz zur Wiederherstellung der patriarchalen Ordnung bedeutet: nieder mit den Gewaltmenschen, Mördern und ihren Schergen! Die Vernunft allein kann nichts gegen Fäuste, Schlagstöcke und ein Heer von Soldaten tun. Aber gegen die Kombination aus Vernunft und Fäusten, Schlagstöcken und einem Heer von Soldaten haben die Barbaren keine Chance, egal wie brutal und verzweifelt sie auch seien. Man gebe der Vernunft Zeit und ausreichend Erklärungen, damit sie verstehe, dass es ohne das Schwert nicht geht. Der Rest ist Disziplin und Ausdauer.

Sobald die Philosophie wieder aufsteht, sobald sie wieder von uns aufgerichtet wird, werden all die verhuschten modernen Ideologien und Sekten in sich zusammenfallen und in die dunklen Löcher verschwinden, aus denen sie gekommen sind. Es bleibt darüber hinaus eine Menge Aufräum-, Reinigungs- und Heilungsarbeit zu leisten, aber sie ist frei von Widersprüchen.

Um also noch Verständnis zur Vorbereitung zu gewinnen, schauen wir erst noch genauer auf den äußerst schiefen Stand der Dinge „im Staate Dänemark“ und wie er sich verfestigte.

Der Verlust des Verstandes

Über hunderte von Jahren sich intensivierenden Technologie-Rausches hinweg konnte sich die beschriebene Ideologie in der Gesellschaft so fest einnisten, dass die Fiktion und das falsche Denken stärker wurden als das rationale Denken – für welches sich die Aufklärer ja selbst so gerne rühmten. Wir haben gesehen, dass es ein psychologisches Phänomen ist, welches biografisch am besten zu verstehen ist.

Die Idee, dass der Verstand und das Denken isoliert von der Welt des Körpers existieren, entspricht der Erfahrung all jener Menschen, die sich ihre Integrität schon als Kinder nur retten konnten, indem sie sie sich erdachten und im rein Mentalen etablierten, um sich vor allem von emotionaler (und sozialer) Desintegration abzulösen und unabhängig zu machen. Es dürfte naheliegend sein, dass gerade solche Menschen sich gegen alle Widerstände hindurch zu den Gelehrten und „Philosophen“ der eher sinnes- und körperfremden Art entwickeln würden, die die „Philosophie“ seit dem 18. Jahrhundert an Universitäten als Fach und Existenz-Nische betreiben. Das Ganze ist kein philosophisches Problem und kann und darf nicht als solches behandelt werden. Es ist ein sozial-historisches Problem der Identität, also ein psychologisches Phänomen. Ohne eine Identität von rationalem Bewusstsein ist eine rationale Philosophie gar nicht möglich.

Die Philosophie verkümmerte in der erwähnten Epoche von einer Meta-Wissenschaft der Lebensweisheit und der geistigen Universalität zu einem Nischenfach für Gedanken-Anatome und Ideen-Akrobaten. Mit andere Worten: sie starb. Und mit ihr starben das europäische Geistesleben und seine Fundamente für jegliche Hochkultur ihren langsamen Tod und gingen über in eine Art Zombietum der Intellektualität, eine groteske neurotische Verzerrung des ursprünglich humanistischen Denkens zur Selbst- und Welterkenntnis, zu einer mentalen Verpuppung in Wunschdenken und Wortspielerei.

Die Ideologie der Aufklärung, die sich den Verstand zu etwas Überweltlichem zurecht definierte – vermutlich um der religiösen Frömmigkeit mit ihrem irrationalen Glauben an eine überweltliche göttliche Gestalt eine greifbarere Idee ihres Zuständigkeitsbereiches entgegenzusetzen – diese Ideologie, die in dem Maße falsch war wie sie immer übertriebener und polemischer wurde, sorgte für das Gegenteil dessen, was sie angeblich anstrebte. Statt die Menschen rationaler zu machen, machte sie die Philosophie, damit alle Geisteswissenschaften, und schließlich alle Intellektuellen und durch sie die gesamte Kultur immer irrationaler bis zu dem infantilen und belanglosen Gebrabbel, was sie heute bis in die höchsten akademischen Grade hinauf nur noch produzieren.

Da nun der Verstand zunehmend als „abgehoben“ und „nicht-weltlich“ betrachtet wurde, war es der erste logisch konsequente Schritt, politische Macht und schließlich jede Form von weltlichem Einfluss vom Verstand abzukoppeln, denn man wollte ja „weltlich“ und „pragmatisch“ bleiben. Und das war der ominöse, neo-mystifizierte Verstand ja laut der neuen „Philosophen“ gar nicht – und die mussten es ja wissen!

Karl Marx und seinesgleichen sind in dieser Prozession des intellektuellen Abstiegs nur noch als Trittbrettfahrer der immer weiter aufklaffenden Spaltung zwischen Denken und Realitätswahrnehmung zu sehen. Seine frei assoziierten und hochgradig neurotischen Ideen als „Philosophie“ aufzufassen, wie man Schüler seit über hundert Jahren zwingt, zeigt die komplette Desorientierung, die diesbezüglich herrscht. Die Figuren seiner Ideen sind jedoch wichtig zu verstehen um die Pathologie der westlichen Kultur und von ihr ausgehend aller weltweiten Politik der letzten 150 Jahre zu verstehen. Denn Marx zog die nächste logische Konsequenz nach der Spaltung zwischen Politik (also Macht) und Verstand, indem er die Politik mit der Idee der rohen Gewalt vermählte – dafür war er Experte und Vorreiter – nicht nur als Erlaubnis, sondern als wünschenswerte und deshalb begrüßenswerte Notwendigkeit und „Lösung“. Seinem Wunschdenken nach soll „das Proletariat“ die Macht übernehmen, also jene Menschen, die zwar Arbeits-, also Muskelkraft anbieten können, aber keineswegs politischen Verstand, Überblick, gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein oder überhaupt eine Form höher-abstrakten und integrativen rationalen Bewusstseins. Was sie stattdessen als Hauptqualifikation mitbrachten war: Bedürftigkeit. Also Mangel. Und das in und als Masse.

Das müssen wir uns auf der Zunge zergehen lassen. Immerhin haben wir es mit den gedanklichen Grundlagen aller Politik der letzten 150 Jahre und der Ursache für den totalen Zerfall unserer Zivilisation zu tun. Nicht Marx und Konsorten sind dafür wichtig, sondern ihr irreales, falsches Denken, das in der westlichen Welt vor allem von den Intellektuellen begierig aufgenommen und verbreitet wurde. Warum? Weil es sie zumindest gefühlsmäßig und fiktiv an die Spitze einer unbändigen Kraft und eines unberechenbaren Gewaltpotenzials setzte, dessen sozialistische Sturzfluten auszulösen gerade deshalb so attraktiv für sie war, weil diese Ideologien sie von jeder Verantwortung freisprachen. Es kribbelten gerade den wirtschaftlich und politisch abgehängten Intellektuellen unbändige Kräfte in den Fingern und vernebelten ihr Hirn, so dass sie nicht sehen konnten, dass sie immer die ersten sein würden, die von diesen entfesselten Strömen der gepredigten morallosen Gewalt und verantwortungslosen Macht vernichtet werden würden.

Was die ideologische Vorhut zum Sozialismus, Kommunismus, Faschismus bis zum heutigen Konsum-Sozialismus mit Demokratiesimulation also in die Köpfe der maßgeblich führenden Intellektuellen einsetzte, war, dass politische Macht sich auf Gewalt stützen sollte – das ist also eine moralische Setzung – und zwar auf jene Gewalt, die aus Mangel und Überforderung (also letztlich aus Angst) entsteht. Die Grundlage ihrer bis heute immer aufwendiger ausgeschmückten, aufgehübschten und verschönschleierten Konzepte ist, dass Politik von tierischen, verrohten, unterentwickelten, anti-geistigen, gewaltbereiten und vor allem irrationalen Menschen geführt und bestimmt werden sollte. Und nicht nur das, sondern auch, dass diese Sorte Mensch alle Gesellschaften und alle Kultur, ja alles Denken anführen und formen sollten.

Wenn das nicht offen destruktiv und böse ist, was ist es dann? Diese direkte und offenkundige Ideologie der Gewalt ist in ihrem Kern nur gegen ein Ziel gerichtet: gegen den rationalen Verstand und das integrative Bewusstsein von Vernunft. Diese sollte gelähmt, erschlagen und zerfetzt werden, auf dass sie nie wieder aufstehe.

Damit haben wir es also spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr mit einem ungehinderten Zerfall der westlichen Kultur zu tun, sondern mit einer aktiv vorangetrieben Zerstörung all ihrer Grundlagen. Den Unterschied und den Übergang zwischen diesen beiden Phasen kann man kaum ausführlicher und durchdachter wiedergegeben finden als in Goethes Faust, dessen erster Teil eine Dokumentation der ersten Phase ist, während der zweite Teil eine Vorhersage der folgenden zweiten Phase ist, von der Goethe kulturell nur den Anfang mitbekommen aber die Folge aus seinem psychologischen Verstehen heraus präzise vorhergesagt hat. Wir haben heute, am Anfang des Jahres 2022, auch diese zweite „faustische“ Phase bis kurz vor die Totalvernichtung, bereits hinter uns und stehen jetzt am wundersamen Anfang eines neu zu gründenden Kulturzyklus.

Die kulturelle Zerfallsdynamik bis zu Zerstörung beginnt und musste beginnen im Denken, im falschen, abgekoppelten, irrationalen Denken. Dort endete sie jedoch nicht. Sie endete in den Jahren 2017-2021 mit der pädagogisch wirksamen Simulation des Versuchs, jegliche Form von menschlichem Bewusstsein und damit jede Spur vom Menschen auf dem Planeten zu vernichten. Der hinter der echten Intention stehende antreibende Hass hätte niemals von selbst geendet. Aber das menschliche Bewusstsein stellte sich ihm – in letzter Sekunde – entgegen, um seine Lakaien zu entmachten.

All die Korruptheit und Charakterlosigkeit in der Politik und auf allen möglichen anderen Positionen mit sozialem Einfluss, welche heute landläufig als Norm hingenommen werden, haben ihren Ursprung in der Korruption des Denkens. Die Geschichte der westlichen Welt der letzten 150 bis 200 Jahre ist die Geschichte dieser Korruption im Denken.

Die verschlossenen Tore zum patriarchalen Garten

Nun können wir verstehen, wie es dazu kam, dass wir uns von den einstigen patriarchalen Strukturen transparenter Machtverhältnisse nicht mehr weiter sondern zurück-entwickelten und wieder abrutschten in jene archaischen Formen matriarchaler Machtdynamiken, die auf Verschleierung, Geheimhaltung, Täuschung und Gewalt fußen. Wir haben in unserem grundlegenden Denken alles, was mit Politik und gesellschaftlichem Einfluss zu tun hat, vom rationalen Verstand, damit von der Vernunft und von den integrativen Kräften des mentalen Bewusstseins abgetrennt. So koppelte sich alles Politische automatisch Schritt für Schritt immer mehr mit Opportunität, Launenhaftigkeit und Selbstbereicherung, dann mit Desintegration, Rücksichtslosigkeit und Gewalt und schließlich mit jener Destruktivität und Kriminalität, die aus dem pathologischen Zustand geistiger Leere und chronischer Angst entstehen. Die Menschen sind heute bis ins Mark ihrer unbewussten Axiome überzeugt, dass Politik und alle Machtthemen per se irrational, unmoralisch und verwerflich seien. Sie können darüber nicht mehr anders denken.

Das matriarchale System, in das wir über Hunderte von Jahren hinab gerutscht sind, entspricht überhaupt nicht den kleinen atavistischen matriarchalen Stammesgesellschaften, die sich auf Einklang mit der Natur und auf Reichhaltigkeit gründeten. Ihnen fehlte es an rationaler Philosophie und linearer Weltanschauung, aber sie bekämpften sie nicht, sondern lebten einfach nur ohne sie.

Unsere modernen Gesellschaftssysteme beruhen auf Mangel, einem künstlich erzeugten Mangel, nicht weil ihnen primär etwas fehlt, sondern weil sie auf der Ablehnung des Verstandes, der Vernunft und der damit verbundenen Anstrengungen und Verantwortung fußen. Aller materielle Überfluss wird in dieser Dynamik der Kontrolle und irrationalen Selbstbereicherung in die Machtzentren verfrachtet und kommt von dort nicht wieder heraus. Er wird dort, in der Mitte des Spinnennetzes gehortet und versteckt, weil die Menschen nur durch die immer weiter fortschreitende Verknappung an der Leine sozialer Anpassung und Steuerung gehalten werden können. Mangel, Verknappung, Inkompetenz, Niedergang und Degeneration sind keine Nebeneffekte dieser Ordnung, sondern der Stoff, aus dem sie gemacht und aufrecht erhalten wird. Und je tiefer die Menschen diese Defizit- und Mangelsicht verinnerlichen, desto stabiler ist das Netz.

Das müssen wir verstehen, weil es einem ideologischen (Denk-) Fehler entspringt, und nicht das Symptom eines realen Defizites ist: die Menschen lehnen primär den reifen und rationalen Verstand ab, sie haben aber irgendwann entdeckt, dass sie diese fundamentale Selbstverneinung in Mangel-Systemen viel leichter aufrechterhalten und vor allem rechtfertigen können. Sie müssen ja dem irrationalen, sozial dressierten Verstand (Denken) erklären, warum sie den gesunden, rationalen Verstand ablehnen und zerstören müssen. Dann hilft er ja auch tatkräftig mit. Da der rationale Verstand aber das Natürlichere und etwas im Wesen des Menschen Angelegtes ist, das sich von selbst entfalten will und kann – man kann das bei Kindern am leichtesten sehen – kostet es eine große Anstrengung und permanenten emotionalen Vernebelungs- und Programmierungsaufwand, die Menschen, ja, ganze Gesellschaften dazu zu bringen, ihren eigenen gesunden Verstand zu bekämpften mit einer bloß von außen eingesetzten, provisorischen Verstandesprothese, die mit der Wirklichkeit kaum bis gar nicht zurechtkommt.

All der Mangel und die ständig wachsende Katstrophen- und Not-Stimmung, die für uns heute so normal geworden sind, sind nicht Ursache sondern nur sekundäres Mittel zum Zweck, um nur eben das nicht sehen zu müssen, um niemals hinzuschauen und nachzudenken.

Wir hören das mittlerweile sogar ganz offen ausgesprochen von unseren hauptberuflichen Gallions-Sprechpuppen, den Politikern, Fernsehsprechern und Zeitungsschreibern: Es ist keine Zeit zum Nachdenken, schon gar nicht für Diskussionen. Die Katastrophe ist schon so groß, dass sofort (unüberlegt) gehandelt werden muss! Dieser chronische Ausnahmezustand ist programmatisch und systembedingt, es ist eine sich selbst beschleunigende Suchtdynamik zur Vermeidung von Einsicht und Erkenntnis. Der ganze politische und mediale Aufwand, die Vereinigungen, Initiativen und „Bewegungen“, Demonstrationen, die Duelle, Parteien-Kämpfe, Think-Tanks, Gremien und Kommissionen, die immer neuen Bedrohungsszenarien, Terrorgruppen und ‑anschläge, Kämpfe, Kriege, Klima- oder Stromausfälle, Crashs, Chemikalien oder Viren – all das nur, um nur nicht auf den Teppich zu kommen und die Tatsachen, Verwirrungen und kurzsichtig-kriminellen Motivationen einmal zu erkennen und korrekt zu benennen. Auf der Ebene der Alltagroutinen nennen wir dies „Stress“.

Und nochmal, um das übliche Missverständnis zu vermeiden: es ist keine Verschleierungstaktik bloß der Protagonisten, einiger Eingeweihter und Drahtzieher, sondern vor allem eine psychologische Komplizenschaft derer, die es nicht sehen möchten, die abgelenkt und betrogen werden wollen und die Täuschung deshalb nicht nur dankbar annehmen und den Niedergang schulterzuckend hinnehmen, sondern beides aktiv unterstützen und beschleunigen. Spätestens seit dem Jahr 2020 ist das so offensichtlich, dass man es nicht weiter belegen muss.

Das Problem mit den Verschwörungstheorien ist nicht, dass sie so unglaubwürdig und exotisch ist, sondern dass sie so offensichtlich und glaubwürdig sind. Hinz und Kunz, die sich von Verschwörungstheorien ganz besonders demonstrativ empört abwenden, tun dies, weil sie Teil der Verschwörung sind. Sonst würden sie sich nicht so darüber aufregen. Sie fühlen sich ertappt und entlarvt in ihrer sozial-emotionalen fest verschweißten und nicht widerlegbaren Komplizenschaft gegen den Verstand, gegen das mentale Wachsein und gegen menschliche Entwicklung. Die breite Bevölkerung ist gegen Verschwörungstheorien, weil sie kein Alibi hat. Sie ist nämlich keineswegs gegen Verschwörungen und auch nicht gegen die täglichen Drogendeals gegen die schmerzhafte Erinnerung ihres eigenen Verrats.

Die ursächliche und größte Armut herrscht im rationalen Denken, so dass uns überall das einzige Mittel für einen Ausweg und Aufstieg fehlt. Die knappste und bedrohteste Ressource der Neuzeit ist der gesunde Menschenverstand. Aber im Matriarchat setzt sich keine einzige Partei für diese Ressource, sondern alle im Chor immer nur gegen sie. Die wenigen Systemketzer, die es tun, würden es im System nicht einmal mehr schaffen, auch nur eine Kleingruppe ihrer Interessen zu bilden.

Je länger wir diese Ressource meiden, je länger wir Problemen mit Wegschauen, Ablenken, Beschleunigungen, Geschrei, Schuldzuweisungen, Rücktritten, Personalwechseln, mit Wunschdenken, fantastischen Konjunktiven und Kollektiv-Mystizismus, mit Automatisierung, Digitalisierung, Bürokratisierung oder – sehr beliebt – mehr Verwaltung und noch mehr „Management“ begegnen, desto fundamentaler und existenziell bedrohlicher werden die Probleme und desto gelähmter, hilfloser und irrationaler werden die Menschen. Subvention, Umverteilung, Umstrukturierung, neue Gesetze und Geldvermehrung sind niemals Ersatz für zwei alte Klassiker, auf die wir schon lange keinen Zugriff mehr haben: Produktivität und kreative Problemlösung. Denn Produktivität und Innovationen fußen auf der Verwendung des realitätsbezogenen Verstandes.

Es ist ganz simpel: das ist der natürliche Rohstoff, der den „demokratisch gewählten“, berufenen, sanktionierten oder diplomierten, zertifizierten Experten und Akteuren unserer Welt fehlt. Und damit dieser Totalausfall hinter ihren neuen Kaiserkleidern und Chamäleon-Uniformen nicht auffällt, wirbeln sie eine Menge Staub auf und vervielfachen die Probleme bevor sie mit vollen Taschen wieder in dem Nichts verschwinden, aus dem sie hochgebauscht wurden.

Diese Kerndynamik haben alle bekennend sozialistischen, kommunistischen und faschistischen Konstrukte mit unserer heutigen „Demokratie“ gemein, was zeigt, dass letztere aus dem gleichen ideologischen Holz geschnitzt ist: Anti-Rationalität.

Und diese ideologische Einpflanzung gilt es zu überwinden und loszuwerden. Wir müssen uns wieder erinnern, dass Macht ein unausweichliches menschlich-soziales Grundthema ist, dem wir uns mit Verstand und Bewusstsein stellen müssen, weil sie sonst in den Untergrund geht und uns von dort beherrscht und blockiert. Wenn wir nicht von ihr erstickt und hinterrücks vergiftet werden wollen, müssen wir alles, was mit Macht zu tun hat, wieder ans Licht holen, in das Licht unseres rationalen, begrifflich differenzierten Bewusstseins.

Das ist der Kern unserer Aufgabe.

Zur Wiederherstellung der Licht-Herrschaft

Die jetzt schon über 30.000 Worte des ersten und dieses Teils sind vergeudete Lesensmüh, wenn sie nicht dazu beitragen, im Kopf Ordnung zu schaffen und Licht ins Dunkle und Diffuse unserer Weltanschauungen bringen.

Der lange, verschlungene Weg und seine Schlenker durch diese zwei Artikel hindurch sollten uns zu dieser Erkenntnis führen: Das Falsche und Böse, dem wir heute allseits intensiver ausgesetzt sind denn je, haben ihren Ursprung im Denken, im falschen Denken. Und so haben auch das Richtige und das Gute, das wir uns wünschen, ihren Ursprung im Denken, im richtigen Denken. Wir können damit nicht nur selbst einen Anfang machen und etwas verändern. Dort und nur dort liegt der einzig mögliche Anfang für einen Richtungswechsel und dauerhafte Veränderung. Dort liegen die Wurzeln alles Menschengemachten und nur wir Menschen können einen Unterschied machen durch die bedachte Entscheidung, was wir säen und hegen und was wir herausreißen und verbrennen.

Die matriarchalen, sozial-mythischen Machtstrukturen, die unsere Kultur über Generationen hinweg immer weiter weg von Vernunft und Geistigkeit geführt haben sind primär nicht institutionell zu überwinden, sondern nur in unseren Köpfen. Alles andere folgt dem. Die lang eingeübte und tief eingefleischte, künstlich forcierte Trennung von Macht und transparenter Rationalität braucht vor allem eine klare Benennung, um durchschaut und überwunden zu werden. Nur durch klare Begrifflichkeiten, die an unsere unmittelbare Erfahrung anknüpfen, können wir zwischen Macht und Gewalt differenzieren und die patriarchale Form von Macht ohne emotional vorprogrammierte Abwehrreflexe und anderen Assoziationsballast wiederentdecken.

Ein gesundes patriarchales System beruht darauf, dass Gesetze über jeder Machtposition stehen. Im Matriarchat standen die Machtpositionen über jedem Gesetz, welches nur als willkürliches Herrschaftswerkzeug zur Unterdrückung und zum Machterhalt beliebig ausgerufen, erweitert, gekürzt und ignoriert wird – nicht nach dem Maßstab von Recht, sondern von Macht und Status.

Ein echter Rechtsstaat braucht Diener, die seine Struktur schützen und bewahren, aber mehr noch als die Diener und Erhalter braucht er Bürger, die sich an Gesetzen und Prinzipien ausrichten und sich nicht von Machtzirkeln und ihren Massenmanipulationen ausrichten lassen. Ein Bürger kann nur dann bürgen, wenn er das Prinzip des Rechtsstaates verstanden hat und es wertschätzt. Die dadurch gewonnene Freiheit für die geistige Entfaltung der Menschen und ihrer Kultur wird verbürgt durch eine persönliche Investition, die im Matriarchat völlig fremd ist: Verantwortungsübernahme. Das ist die Einzahlung, die zuerst geleistet werden muss, um den Ertrag von freiheitlicher Ordnung überhaupt erst zu ermöglichen.

In einer transparenten und rational aufgebauten Gesellschafts- und Machtstruktur können Privilegien nicht erpresst oder mit Gewalt erobert werden, sondern müssen durch Verantwortungsübernahme für das Ganze, also für die Prinzipien des Ganzen verdient werden. In einem rationalen Staat ist „das Ganze“ keine abstrakte abgehobene Idee, sondern die Gesamtheit seiner einzelnen Bürger.

Das Wichtigste, sicherlich aber auch Ungewohnteste, das wir dafür noch zu lernen haben ist, dass Staatsinstitutionen nur für die Form und ihren Erhalt zuständig sind, nicht für das, was die Menschen damit und darin unternehmen wollen, brauchen, sich wünschen oder glauben. Der rationale Staat ist nichts weiter als ein vereinbartes Gemeinschaftskonstrukt, das Freiheit im Handeln, im Denken und in der Selbstentfaltung etabliert und garantiert. Das Primat seiner Aufgaben dabei ist es, für Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Mehr nicht! Staatsinstitutionen sind Strukturhalter und nicht dafür zuständig, individuelle Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen oder individuelle Mängel zu beheben. Der Mensch soll frei sein, sein Glück zu suchen, aber er hat keinen Anspruch auf eine staatliche Glücksgarantie, denn damit würde wieder das Prinzip der Selbstverantwortung negiert und durch das Prinzip der Mutter-Kind-Versorgung gelähmt werden.

Nicht nur politische (Macht-) Verantwortung ist der Grundpfeiler eines Rechtsstaates, sondern vor allem Selbstverantwortung. Selbstverantwortung braucht Mündigkeit und Selbstbestimmung. Das bedeutet in der Konsequenz, dass der Staat sich in keiner Weise in wirtschaftliche Angelegenheiten jenseits von Sicherheit, Gewaltlosigkeit, Ordnung und Wahrung individueller Grundrechte einmischen darf. Sonst landen wir nach einiger Zeit wieder im (matriarchalischen) Protektionismus, der die wirtschaftliche Freiheit sukzessive immer weiter einschränkt und irgendwann komplett auflöst. Mit anderen Worten: es muss ein Maximum an „Dürfen und Können“ für alle und ein absolutes Minimum an „Müssen“ etabliert werden. Nur dann ist es Freiheit für den Bürger als Menschen.

Wir sind es aber leider seit langem gewohnt, die Regierung und auch sonst alle möglichen Institutionen als Mutterersatz und Generalversorger zu betrachten. Unsere Idee von „Demokratie“ beruht auf der fatalen Prämisse, die Regierung sei eine Interessenvertretung der Menschen, also ein Lobbyisten-Gremium mit Generalvollmachten über alle und alles. Was sich aus diesem Versorgungskonzept von Macht nach dem Prinzip der größten Bedürftigkeit und Durchsetzungskraft ergibt, können wir nach 75 Jahren dieses Experiments am Zustand unserer Gesellschaft ablesen.

So etwas wie „Demokratie“, also Herrschaft und Mitbestimmung des Volkes, macht nur dort Sinn, wo es um unterschiedliche Interessen und Präferenzen geht. Mit anderen Worten: nur dort, wo es um (sekundäre) Inhalte und nicht um (primäre) Strukturen und Rahmen geht. Die Gesetzmäßigkeiten, die der Form und den Bedingungen einer freien Gesellschaft zugrunde liegen, sind keine Angelegenheit von Vorstellungen, persönlichen Interessen oder Wünschen, sondern von objektiver Erkenntnis und korrekter Formulierung. Sie ergeben sich aus der Natur des Menschen und den objektiven Tatsachen der Welt, in der wir uns bewegen. Die Fähigkeit, die wir also brauchen, ist objektive Formulierung naturgegebener (menschlicher, sozialer) Gesetzmäßigkeiten und der Regeln, die sich aus ihnen ergeben. Rationale Gesetze beruhen auf Wahrnehmung und Realität, nicht auf schwankenden Bedürfnissen, Launen, erfundenen Ideologien, Wunschdenken oder einer sonstwie doppelbödigen Agenda der gerade herrschenden Clans und ihrer Lakaien.

Ein Rechtstaat ist ein Konstrukt, das Freiheit und Rechte garantiert. Unser Problem heute ist, dass die Menschen ihre Rechte gar nicht kennen, nicht einmal mehr wissen, was Rechte eigentlich sind. Ein Mensch, der seine Rechte nicht kennt, hat subjektiv und effektiv keine und ist in Folge genau das, was die seelen- und menschenlosen Ideologien von „Kollektiven“ und „Supernationen“ konzeptuell aus ihm machten: eine für sich betrachtet bedeutungslose und unnütze Funktionseinheit, die nur als Baustein für einen durch-mechanisierten Apparat zweckdienlich ist.

Mit den Grundrechten des Menschen sind keine juristischen Festsetzungen gemeint, sondern angeborene Menschenrechte. Was hilft es denn schon, jemandem juristische Rechte zu vermitteln, wenn er nicht einmal seine wesenseigenen Grundrechte kennt? Und was man nicht kennt, das kann man nicht anwenden oder geltend machen. Das ist der Grund, warum die Menschen sich heutzutage nicht einmal mehr gegen die schrecklichsten und existenziellsten Verletzungen ihrer Integrität wehren: sie wissen und fühlen nicht, dass ihre Integrität ihr Recht ist, sie wissen nicht, dass es so etwas wie ihre Integrität (körperlich, sozial, psychisch und geistig) überhaupt gibt und dass sie geschützt werden muss. Es fehlt ihnen an Bewusstheit und mentaler Abbildung.

Menschen, die nichts von Integrität und damit nichts von ihren Rechten kennen, warten ständig nur auf eine Erlaubnis. Das heißt, sie richten sich an Autoritäten aus. Heute sind das vor allem die gesichtslosen Mega-Institutionen der Politik und der Medien. Wenn sie keine Erlaubnis oder behördliche Aufforderung bekommen, z.B. sich zu verteidigen, sich zu schützen, für Transparenz, Gerechtigkeit und Freiheit zu kämpfen, dann… warten sie eben noch weiter. Wenn im Fernseher jemand sagt, dass an heute jegliche Freiheit verboten wird, dann bleiben diese Menschen zuhause und versuchen also mit weniger Freiheit zu leben – sie versuchen, zu überleben in der verträumt-infantilen Hoffnung, dass „Mama und Papa“, also „die da oben“ schon wissen, was sie tun und sich um sie kümmern werden. Und so wird ihre Freiheit immer weniger, bis sie eines Tages ganz vernichtet ist.

Der voll berufstätige Familienvater will „ja nur meine Familie schützen“, der Ladenbesitzer will „ja nur mein Geschäft sichern“, der Angestellte will „ja nur meinen Arbeitsplatz behalten“ und der Unternehmer will „ja nur seinen Umsatz erhalten“. Ein System der totalen Macht nimmt den Menschen so sukzessive alles weg bis auf ihre kleine verschämte Lieblingsbetäubung. Und dann, wenn die Menschen gar nichts mehr in der Hand und im Kopf zu ihrer Verteidigung haben, dann wird ihnen mit Leichtigkeit auch ihre letzte kleine, wackelige, lose herumtreibende Rettungsboje von Identität und Würde weggenommen. Irgendwann wird ihnen dann auch die Erlaubnis zu denken, zu atmen, zu leben entzogen, so dass sich der gehorsame Systemling ohne Selbstwertgefühl gezwungen fühlt, eben sein Denken, sein Atmen und sein Leben an den von den allseits zuständigen Behörden dafür eingerichteten Abgabestellen zu entsorgen.

Die Lebensversicherungen haben ganz recht mit ihrer Begründung, warum sie den Verstümmelten und Hinterbliebenen dann nichts mehr auszahlen: denn das ist Selbstmord (und somit vom Versicherungsschutz ausgeschlossen). Sartres angeblich „einzig philosophische Frage“, die nichts weiter als der Anfang sinnvoller Teenager-Fragen ist, wird vom sozial-programmierten Matriarchatsbürger so beantwortet: „Das muss die Regierung entscheiden. Wenn es für das Allgemeinwohl besser ist und ich keine Verantwortung übernehmen muss, dann tue ich es.“ Er muss dann gar nicht mehr von der Brücke springen oder sich den goldenen Schuss setzen lassen. Wer so durch die Welt geht, ist bereits tot.

Ein Mensch, der kein Recht auf Leben und Freiheit empfindet, wird nichts tun, um auch nur eines davon zu verteidigen. Aber was vom „Menschen“ ist dann überhaupt noch übrig? Die biologische Hülle? Irgendein theoretisches, aber unbegriffenes, ungesehenes Potenzial? Was soll der Sinn eines solchen Lebens sein? Keinen Sinn für die Integrität des eigenen Lebens zu haben, läuft darauf hinaus, dass das eigene Leben sinnlos und bedeutungslos ist.

Ein rationaler Rechtstaat ist deshalb nicht nur ein Konstrukt, das Freiheit und Rechte garantiert, sondern auch den Rahmen dafür sichert, dass Menschen ihre Rechte und ihre Freiheit erkennen und nutzen können. Dann erst wird der Rechtsstaat patriarchalisch, nämlich durch sein Prinzip der Förderung menschlicher Entfaltung und geistiger, d.h. selbstbestimmender und selbststrukturierender Entwicklung. Ich habe in einem anderen Artikel bereits ausführlicher den Bezug echter patriarchaler Macht zu den Prinzipien der Förderung und der Sponsorenschaft (von lat. spondere – „feierlich geloben, etwas versprechen, sich verbürgen“) dargestellt. Patriarchale Macht ist eben dem väterlichen Prinzip verpflichtet und das bedeutet, dass sie immer an die Verantwortung für Förderung und Unterstützung anderer gebunden ist.

Um all diese in der menschlichen Wesensnatur verankerten Strukturen und Gesetze als oberste Prinzipien für eine Gemeinschaft anzuerkennen, müssen wir unser ideologisch zugebautes Dachstübchen öffnen, aufräumen und Licht in die chaotische Sammlung von Glaubenssätzen und Dogmen bringen. Ein Rechtsstaat mit patriarchalischen Verantwortungshierarchien kann nur auf der Basis einer fundierten rationalen, d.h. realitätsverbundenen Philosophie gedacht und verstanden werden. Wir müssen ersteinmal wieder gedanklich anerkennen, dass es eine Realität gibt, was unter den Denkern der Gegenwart leider ein vergessenes und gescheutes Denktabu, nichtsdestoweniger aber eine belegbare Wahrheit ist.

Die zweite ebenso massiv verdrängte Voraussetzung ist, dass wir fähig sind, diese Realität zu erkennen und zu verstehen, nicht nur faktisch-dinglich und prozesshaft, sondern in ihren Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten. Wir können widerspruchsfrei erkennen, dass es Gesetze (z.B. Naturgesetze) gibt und dass wir sie benutzen können. Auch diese Erkenntnis ist der „Avant-Garde“ des modernen Denkens fremd und unbequem.

Und dann werden wir uns von dem Denken in irrealen Schablonen-Ideen verabschieden müssen. Wir müssen wieder einsehen lernen, dass jede Gruppe, jedes „Kollektiv“ aus Menschen besteht und dass der Mensch, also der Mensch an sich und damit jeder einzelne Mensch, der Ausgangs- und Endpunkt unserer Projekte bildet. Der Grundgedanke, der darin steckt, ist für uns ebenfalls ungewohnt, nämlich dass der Mensch ein Selbstzweck in sich ist und in seinem Wesen als Mensch nicht nur alle Grundlagen für seine Entfaltung bereits in sich trägt, sondern auch alle seine Existenzziele und ­‑zwecke – also das, was ihn „nach oben hin“ ausrichtet. Der Mensch ist nicht die Ausgangslage und schon gar nicht Material für irgendetwas, er ist das (noch ferne) Ziel. Das menschliche Leben zielt in seinem gesunden, unverletzten Ausdruck nur auf Selbsterfüllung ab.

Das ist jenes Glück und es ist das einzige Glück, das alle suchen. Es gibt darüber oder daneben keine andere Erfüllung. Es gibt keinen menschlichen Grund, einem äußeren Zweck, schon gar nicht dem eines fiktiven „Kollektivs“, oder einer rein abstrakten „Gesellschaft“ zu dienen, wenn man sich davon nicht die eigene Erfüllung oder eigenen Gewinn verspricht. Nur als abstoßend-gruselige Idee aus den Höllenkesseln der menschlichen Fantasie kann man die „Opfere dich dem Größeren“-Moral gelten lassen. Sie entbehrt jeglicher Verbindung zur menschlichen Natur wie sie ist und ist damit das Rezept zum größtmöglichen menschlichen Desaster.

Der Einzelne ist der Schlüssel

Wenn wir uns die essentiellen Tätigkeiten und originären Aufgaben einer Führungskraft oder eines Staatsmannes (Neudeutsch: „Politiker“) anschauen: Ideen entwickeln und bewerten, Standpunkte vertreten, Entscheidungen treffen und anderen Orientierung und Richtung geben – dann werden wir feststellen, dass diese Leistungen immer nur von einem Einzelnen erbracht werden können. Man kann sie nicht auf mehrere oder eine Gruppe aufteilen wie einen Handarbeits-Prozess. Das liegt daran, dass sie auf Denken beruhen, und Denken kann nur der Einzelne. Denken kann nur ein Gehirn, es gibt kein „gemeinsames“ oder „kollektives“ Denken. Das Denken (und das daraus entstehende Verhalten) jeder Gruppe ist nach oben begrenzt durch den intelligentesten Teilnehmer der Gruppe.

Korrekt weitergedacht bedeutet dass, das jede Gruppe, jedes Team und jede Gemeinschaft, egal wie groß sie sind, den größten Vorteil davon haben, vor allen anderen ihre besten und klügsten Denker zu fördern und wenn es auch nur ein Einziger ist. Die Förderung der Dümmsten oder des größten gemeinsamen Mittelmaßes hingegen wird die Gruppe ins völlige Elend stürzen, denn die Klügsten oder die Verantwortungsfähigsten werden sich zurückziehen oder verschwinden, wenn sie nicht vorher schon „gleichgeschaltet“ oder gelyncht werden.

Wer uns davon überzeugen will, dass Politik, Führung oder andere intellektuelle Leistungen besser von einem „Kollektiv“ oder „der Mehrheit“ geleistet werden können, der zielt darauf, das Denken abzuschaffen und uns zu entmündigen. Das heißt, er zielt letztlich darauf ab, die Gemeinschaft zu schwächen und zu zerstören – warum auch immer. Die jüngste Geschichte der gesamten westlichen Welt macht eine tiefergehende Erläuterung dieser Schlussfolgerung überflüssig.

Ein einziger Denker kann das Leben von Millionen von Menschen verändern oder eine gesamte Kultur in eine neue Ausrichtung lenken. Wenn wir das verstehen, können wir alle sozialistisch angehauchten Ideologien von Kindergartenfairness, Schlaraffenland-Versorgung, Defizit-Solidarität und betreutem Denken hinter uns lassen und uns dafür einsetzen, in jedem Bereich der Kultur stets und zuvorderst die Besten zu fördern. Dann wird die Gemeinschaft als Ganzes am meisten profitieren und nebenbei wird dann auch für die Schwächsten am besten mit gesorgt sein. 

Es sei an dieser Stelle auch erwähnt, dass wir dafür auch einen eingefleischten Irrtum abzulegen haben. Nämlich den, „Vernetzung“ zu brauchen. Vernetzung ist ein Begriff des matriarchalen Kreis- und Clanbewusstseins. Das väterliche Prinzip, das den Einzelnen in sich und für sich selbst aufrichtet, überwindet diese ziemlich klebrige Einordnung einer „Vernetzung“ durch die dialogische Begegnung, die freundschaftliche, gemeinsam strebende Auseinandersetzung mit dem anderen, nicht obwohl, sondern weil er anders ist. Also auch durch die Konfrontation und den Diskurs. Es überwindet damit all das fruchtlose und resignierte Nebeneinanderstellen à la „Kollektiv“, all das ziellose Sammeln bis ins Überflüssige, bei denen niemand mehr zuhört, niemand mehr hinschaut und sich somit das verzweifelte Geschnatter und anderes zwanghaftes Auf-sich-aufmerksam-Machen nur noch zu sozialem Krach und leerer medialer Hyperaktivität steigern.

Es gab eine Zeit – das ist noch gar nicht allzu lange her – da wurde das Im-Netz-Sein noch als das erkannt, was es ist: Freiheitsentzug, Bewegungseinschränkung und Gefangenschaft. „Jemandem ins Netz gegangen“ zu sein, wurde als die Schande betrachtet, die es ist. „Online“ zu sein bedeutet, sich freiwillig an die Leine nehmen zu lassen, wobei die moderne Leine ein Kabel ist, das zusätzlich als Infusionsschlauch dient: man ist festgebunden an den Tropf, der ständig ungefiltert Welt in einen einflößt und einen pausenlos der Welt zur Verfügung stellt. Abgesehen von der offensichtlichen psychischen Gängelung und der suchtartig-dependenten Versklavung ist besonders wichtig zu erkennen, dass damit auch die Kontur der Person, die Persönlichkeit, aufgelöst wird und das Bewusstsein der Menschen sich gar nicht mehr in ihrem Körper und ihrer Individualität verankern kann, sondern nur noch entgrenzt flotiert in einem präkognitiven, prä-personalen Raum des „Dabeiseins“ statt Daseins – ohne dabei jedoch jemals jemand zu sein. Die Rückseite des oberflächlich flirrenden Inter-Netzes ist die Tiefenzersetzung des Individuums und seines Selbstbewusstseins bis hin zur vollständigen Auflösung. „Jetzt bin ich gut vernetzt“ waren die letzten Worte der zappelnden Fliege, bevor die Spinne sie fraß.

Noch sind wir nicht soweit, etwas dagegen tun zu können. Viele, denen die Symptome und das Ungemach des verantwortungslosen und rücksichtslosen Systems und seiner schlafwandlerischen Gleichgültigkeit schon lange zu viel sind, wollen sofort etwas tun. Man hört die Aufrufe zu Demonstrationen und Widerstand nach dem immer gleich kurzsichtigen Motto: wenn das Volk nur aufstehe, dann sei das alte System schon morgen beendet. Den Verkündern solcher Botschaften ist wohl kaum klar, dass Revolten und Demos noch gar keine Verbesserungen bringen. Die offene Frage bleibt: was kommt danach?

Man braucht einen Plan, ein Konzept für die Alternative und vor allem für den Übergang. Ansonsten ist das Ergebnis nach jeder Revolution und nach jedem Aufstand stets das gleiche, wie die Geschichte Europas zur Genüge gezeigt hat: eine Verschlimmerung des Unterdrückungssystems und eine noch drastischere Institutionalisierung von roher Gewalt und Morallosigkeit.

Wenn man aber einen fertigen Plan und die Möglichkeiten zu seiner Umsetzung hat, dann und erst dann kann man Revolten anstiften. Revolten sind das letzte Element der Vorbereitung zum Umschwung und nicht viel mehr als das Streichholz an der Zündschnur, die zuvor fein säuberlich gelegt worden sein muss. Ansonsten breitet sich nur das Chaos aus, das die Menschen im Kopf haben und kann wieder nur mit einer eisernen Hand von Kontrolle und Zwang still und zusammen gehalten werden.

Die Rückkehr der Könige

Die einzig wirksame Befreiung findet in unseren Köpfen statt.

Nur dort können wir für die Ordnung sorgen, die wir im Außen, im Strukturellen und Formellen brauchen. Nur dann können wir sie erschaffen und gestalten – gemäß unserer intellektuell eroberten und begrifflich erfassten Ordnung, nicht nach schwankenden Gefühlen oder situativen Bedürfnissen.

Die Ordnung, die es zu finden gilt, existiert schon. Sie ist uns gegeben als die natürliche innere Ordnung unseres Wesens. Wir müssen sie nur erkennen und richtig abzubilden lernen. Und das geht nur mit dem Licht des begrifflichen, logischen Versandes, der sich zuversichtlich und mutig dem noch Unerkannten, dem noch Dunklen und dem Vergessenen zuwendet, also dem Chaos. Aus diesem Chaos des noch nicht Erkannten oder noch nicht Verstandenen können wir so – Schritt für Schritt und furchtlos – die kosmisch gegebene Ordnung als eine lebendige, von Menschen geschaffene nachbauen. Und zwar auch als Ordnung im menschlichen Zusammenleben und ‑wirken in Gemeinschaften, Ländern, Partnerschaften und Kooperationen.

Und wer übernimmt darin, in dem, was jetzt kommt, die Führungspositionen? Jeder, der sich von sich aus mehr von Prinzipien und allgemeingültigen Geboten leiten lässt als von Launen, Bedürfnissen oder sozialen Referenzpunkten. Also jeder Mensch, der sein Denken und Handeln unter rationale Leitlinien stellen will und kann. Macht bekommen in einer solchen transparenten Rechtsordnung nur diejenigen, die sie nicht als Ersatz für Anerkennung, Image oder Selbstwertgefühl missbrauchen, sondern sie als abenteuerliche Herausforderung, als asketische Charakterschulung und als geliehenes Privileg betrachten. Sie müssen bereit und fähig sein, sich dieser Privilegien durch Verantwortung für den Erhalt von Ordnung und Freiheit würdig zu erweisen. Das heißt, sie müssen ihre Macht für das Ganze und für die Weiterentwicklung des Ganzen einsetzen – was konkret nur durch die fokussierte Förderung des Einzelnen, besonders der Talentierten und Kompetenten in jedem Feld der Kultur inklusive ihres Verantwortungsbewusstseins möglich wird.

Wenn du glaubst, dass das nichts für dich ist oder dich nichts angeht, dann solltest du dich fragen, warum du solche Texte wie diesen hier liest.

Die Lähmung und Verwirrung des alten Giftes mag mental noch nachwirken, aber könnte es nicht sein, dass die letzten Jahrhunderte, vor allem die letzten 150 Jahre, nicht ein Fehler, sondern eine Vorbereitung waren?EineVorbereitung für eine neue Elite, die über Generationen hinweg einen kleinen Anteil der Menschheit darauf vorbereite, die Führung zu übernehmen? Und zwar eine ganz neue und andere Art von Führung, die dafür sorgt, dass die degenerierte und kranke Kultur, ihre anti-rationale Diktion und die Spaltung zwischen Macht und Verantwortungsbewusstsein mit einem Schlag beendet werden?

Von den zentralen Archetypen können wir auch in unserer defizienten Kultur durchaus noch den Künstler und den Magier erkennen in den begabten und cleveren Ingenieuren, Technologie-Erfindern und IT-Experten, die immer bessere Werkzeuge bauen. Wir sehen auch noch den Kriegerarchetyp wirken – Menschen die – vorrangig im Wirtschaftlichen – bereit sind, für etwas zu kämpfen, wenn es notwendig ist. Was uns aber abhanden gekommen ist, ist jegliche Repräsentation des Königs. Die allermeisten Individuen, die Königscharakter hatten, sei es das königliche Charisma eines Kennedys, das Standing eines „King of Rock’n Roll“ oder eines „King of Pop“, die Haltung einer noblen Diana oder die Pflichttreue eines Georg Friedrich – sie alle mussten „sterben“, das heißt in den Untergrund gehen und von den Bildflächen der öffentlichen Bühnen verschwinden. So wie im Matriarchat kein Raum für Helden ist, so gibt es auch keinen für Könige.

Ohne Könige aber fehlt ein zentrales archetypisches Element für Ordnung. Ohne Könige weiß niemand, wofür die fantastischen Geräte und Erfindungen der Techno-Magier gut verwendet werden können. Ohne sie weiß kein Krieger, wofür er kämpfen, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Ohne Könige mögen die Priester versuchen, das Volk ruhig zu halten, aber sie können nicht regieren, sie können höchstens aufklären oder einlullen. Aber tatsächlich zerfällt ohne König alles, die Magier werden zu immer böseren Zauberern, die Krieger werden zu Schergen und Schlägern und die Priester werden zu Hypnotiseuren und Schwindlern für unzählige konkurrierende Kirchen. Die Menschen geraten in Angst und Panik, verlieren die Orientierung und klammern sich an jeden Ersatz, der ein wenig wie ein König aussieht.

Wir können jedoch trotz all der Dunkelheit und der Nebelwände lernen, den König wieder richtig und notwendig zu denken. Wir können uns darin üben, ihn wieder zu sehen. Dafür müssen wir uns darin üben, patriarchal und in Vertikalen zu denken und uns auszurichten.

Was könnte dafür ein erster Schritt sein?

Das Minimum einer Gegenleistung für freiheits- und entwicklungsfördernde Führung ist Respekt. Das ist, was uns fehlt, um den Schritt in die neue Kultur leicht machen zu können. Die Menschen haben keinen Respekt mehr vor guter Führung, vor Verantwortungsbewusstsein und rationaler Moral, vor eigenständigem Denken, vor dem Benennen der Wirklichkeit, ihrer Fakten und Gesetzmäßigkeiten. Sie haben ja nicht einmal Respekt vor ihrer eigenen Natur, ihren eigenen Talenten, ihrer Sehnsucht nach Sinn und Erfüllung – nicht einmal mehr vor der Realität, die ihnen ins Fleisch schneidet und ihre Kinder foltert und tötet!

Die erste Aufgabe einer neuen Führungsriege muss es deshalb sein, den Menschen wieder Respekt und Ehrfurcht vor dem beizubringen, was menschlich, wesentlich, richtig und wertvoll ist. Nicht Angst und Wegducken vor aufmontierten Autoritäts-Attrappen, sondern Achtung und Anerkennung vor Fähigkeiten und Kompetenzen. Vor allem die Achtung, also das Erkennen und Anerkennen höheren Bewusstseins, größeren Überblicks und fundierteren Verstehens. Nicht von Auffälligkeit, Prestige, „Likes“ oder sonstiger stromlinienförmiger Konformität. Ohne diese Art von Respekt ist eine menschliche, entwicklungsfördernde Kultur nicht möglich. Ohne diese Art von Respekt ist es nicht möglich, eine Ordnung zu schaffen, in der Menschen sich gegenseitig fördern, bereichern und inspirieren.

Respekt kommt vom lat. respicere, d.h. „zurückblicken, überdenken, berücksichtigen“. Das gilt es nicht nur zu lernen, sondern zu vermitteln und einzufordern. Es gilt, Auftreten und Begegnung unterhalb dieses Niveaus nicht mehr zuzulassen. Das Minimum von Respekt ist Aufmerksamkeit. Und für die meisten Menschen und Medien ist ein Anfang von Aufmerken erst dann wieder möglich, wenn sie lernen, den Mund zu halten und ruhig zu werden. Diese neue Stille wäre eine kraftvolle Grundlage für die Wiederauferstehung des gesunden Menschenverstandes.

Die Tugenden der Schirmherrschaft

Wir haben im ersten und in diesem zweiten Teil ausführlich betrachtet, wie die Struktur und Ordnung unserer Gesellschaft auf einer Wertekultur aufbauen und dass die Wertekultur wiederum aufbaut auf dem Bewusstseinszustand derjenigen, die die Macht haben. Wir können uns dem Bewusstseinszustand der freiheitlicheren patriarchalen Ordnung wieder annähern, indem wir den matriarchalen Gewohnheiten etwas typisch und ausschließlich patriarchales entgegenstellen: Tugenden!

Für das matriarchale, sozio-mythische Bewusstsein ist „tugendhaft“ nur das, was das Bestehende erhält und sichert, einen an immer größere Fleischtöpfe führt und näher heran an die Machtzentren, wo man sich infantiler gehen und versorgen lassen kann. Das Wort „Tugend“ jedoch wird man dort gar nicht hören, weil es bloß um situative Gefälligkeit und Anpassung geht und jegliche Form der Charakterbildung nur im Weg steht.

Allein die Idee stabiler innerer Tugenden gehört bereits einer anderen Bewusstseinsdimension und einer anderen Kultur an. Denn ihr zugrunde liegt das Wissen, dass Ordnung aus dem Geistigen kommt, nicht aus dem Sozialen. Das Geistige ist das Bewusstsein, das Verstehen und das Erkennen des Gesetzmäßigen. Tugenden sind erarbeitete Charaktereigenschaften, durch die das Geistige in uns die Oberhand gewinnt über das Instinktiv-Körperliche, Impulsive, Bedürfnisgesteuerte und Affektive in uns.

Wenn das Geistige, unser Denken und Verstehen die Oberhand gewinnen, dann haben wir einen Patron (lat. patrōnus = „Schutzherr, Beschützer, Verteidiger“, von pater = „Vater“), also einen väterlichen Schutz. Schutzengel und Schutzheilige sind nicht bloß imaginative und beruhigende Figuren von Bildtafeln oder aus skurrilen Legenden. Es sind jene Stimmen in uns, die sich mehr an den Gesetzen unseres Wesens und an erkannten Zusammenhängen orientieren als an situativen Eindrücken oder reaktiven Gefühlen und die uns dadurch helfen können, uns unserem Wesen gemäß aufzustellen, aufzurichten.

Drei zentrale Tugenden dieser aufrichtend-fördernden patriarchalen Logik sind
die Disziplin – das ist das ausdauernde, vertiefende Lernen, die Askese – das ist die regelmäßige Übung – und der Verzicht – darin steckt die Macht der Auswahl und der Entscheidung. Diese drei Tugenden, denen in matriarchalen Strukturen kein Wert beigemessen werden, in den gesunden patriarchalen jedoch umso mehr, können das fördern, wonach die Menschen in unserer heutigen Zeit am meisten dürsten: Tiefgang, Sinn (durch Bezug) und Freude.

Es geht also nicht bloß um Heilung und Wieder-gut-Machung, sondern um Aufrichtung und Selbststrukturierung. Das können wir lernen.

Rekonstruktion – vom Einzelnen zum Ganzen

Was wir also vorbereiten und schließlich mehr und mehr leisten können, ist, den gesunden, vollständigen und rational kultivierten Menschen wieder als eigentliches Ziel und wesentlichen Maßstab ins Auge zu fassen und ihn, also das menschlich Integere und Harmonische, in sozialen und politischen Strukturen und Prozessen zu rekonstruieren.

Wir können diesen Begriff des moralisch veredelten Menschseins nachbauen – nicht nur als gesunde Grundlage für Gemeinschaftsaufbau und Kulturentwicklung, sondern allen Suchenden zum Vorbild und uns selbst zum Zeugnis.

Das wird eine Form von Können und Kunst sein, die es erst noch zu entdecken gilt. Sie wird es uns ermöglichen, wieder zu kühnen Schöpfern von etwas Neuem zu werden und nach den Idealen, Fähigkeiten und Werkzeugen zu streben, die uns mit unserer Natur und dem Universum in Einklang bringen – das heißt glücklich machen. Nur als solche Schöpfer können wir ganz und mit allen uns gegebenen Kräften aktiv teilhaben an der niemals endenden Schöpfung.

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